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Reiseführer Golf von Neapel:Stichworte

Camorra, Heilige und Zahlenlotto - Wissenswertes zu Pizza, "O sole mio" und anderen typisch neapolitanischen Phänomenen

Caffè

Viele glauben, die Bezeichnung "Espresso" für eine kleine Tasse mit starkem Kaffee sei typisch italienisch. Dabei sagen die Italiener dazu schlicht caffè. Sie trinken ihn am Tresen der zahllosen Stehbars, die man an allen Straßenecken und Plätzen findet und sein Duft behauptet sich oft sogar gegen den Abgasgestank. Gilt der Genuss italienischen caffès ohnehin als eine der weltbesten Arten, Kaffee zu trinken, so heißt es, in Neapel erlange der caffè seine Vollendung: vollmundig, aber nicht teerig, weich und doch kräftig, nicht bitter, nicht säuerlich. Was nicht einmal an besonders guten Kaffeesorten liegt, sondern viel eher an der unvergleichlichen Fähigkeit des oder der barista, die Espressomaschine zu bedienen: Es gilt, unter dem richtigen Druck die richtige Wasserdampfmenge im richtigen Tempo durch die richtige Dosierung des Kaffeepulvers zischen zu lassen. Die Neapolitaner meinen, es liege an ihrem Wasser. Im Sommer bekommen Sie den Kaffee kalt als caffè freddo oder zu Eiskristallen gefroren als granita. Manchmal kann es in Neapel, und nur hier, passieren, dass jemand einen caffè trinkt, aber zwei im Voraus bezahlt (caffè sospeso) für einen Unbekannten, der irgendwann die Bar betreten wird, aber kein Geld hat, um sich eine Tasse des schwarzen Lebenselixiers zu gönnen - in Neapel ein Menschenrecht.

Camorra

Wer sich eine Markenimitation auf den Straßenmärkten kauft, wirtschaftet damit gleichzeitig der Camorra zu. Sie bestimmt über die Standplätze der Fensterputzer, Taschentuchverkäufer, Parkplatzwächter. Das sind die Kleinigkeiten. Die großen Geschäfte, bei denen sie alljährlich Unsummen umsetzt, bestehen aus Drogen, Spielhöllen, Prostitution, Wucher, Schutzgelderpressung. Und allzu gern mischt sie im Baugeschäft und in der Abfallwirtschaft mit. Die Camorra geht zurück auf das 16. Jh., als die hochreligiösen Bourbonen spanische Soldaten nach Neapel brachten, aus der guadagna, einer ritterlichen Laienbruderschaft, die vor Gewalt nicht zurückschreckte, damals in Spanien sehr verbreitet war und gute Beziehungen zu Hof und Kirche hatte. Eine hierarchisch durchorganisierte Gesellschaft, in der man sich untereinander half und die nur ihre eigenen Gesetze kannte - ein Modell, das im engen Neapel erfolgreich Fuß fasste und mit der Zeit immer krimineller wurde. Viele Morde in Neapel lassen sich auf Camorrarivalitäten zurückführen. Fahndungserfolge gegen die verstreuten Clans gibt es immer wieder - und dank der Kronzeugen immer häufiger. Aber solange in Kampanien von 460000 Arbeitslosen mehr als die Hälfte Jugendliche sind, die auf normalem Weg kaum Existenzchancen für sich sehen, wird die Camorra weiterhin Zulauf bekommen.

Canzone napoletana

Neapel ist eine musikalische Stadt, war im 18. Jh. Metropole des Melodramas, hat weltberühmte Sänger, Musiker, Komponisten hervorgebracht - und herrlich melodiöse Lieder, die bekannter als die Bibel sein dürften, allen voran O sole mio, dann funiculì funiculà, Santa Lucia, Torna a Surriento, Marechiaro und viele mehr. Die canzone napoletana eignet sich bestens als Werbejingle für die Stadt. Ein guter, nicht zu schnulziger Interpret war Roberto Murolo. Die nach wie vor sehr lebendige Musikalität produziert aber heute - neben dem folkloristischen Kommerz - ganz andere Klänge: Da ist die berühmte Nuova Compagnia del Canto Popolare, die altes Liedgut wiederbelebt hat. Mit modernen Rhythmen taten das Vokalisten wie Edoardo Bennato und Teresa de Sio oder die Gruppe Spaccanapoli, Meister des neapoletanischen Folk. Ein Klassiker des Neuen ist Pino Daniele, er mischt Jazz, Blues, Melodie, dazu Englisch und neapolitanischen Dialekt, und das in ganz Italien sehr erfolgreich. Und die Gruppe Almamegretta greift auf den stampfenden tammurriata-Rhythmus zurück und mixt ihn mit Dub und Reggae zu Texten in neapolitanischem Dialekt.

Mit einer Mischung aus vulgär-banalen Dialekttexten und süßlichem Elektrofolk treffen die sogenannten neomelodici den Ton in den ärmsten Stadtvierteln, wo sie als lokale Popstars gefeiert werden und auch die Nähe zur Camorra nicht scheuen. Weniger kommerziellen Erfolg hat der frühere Schlagersänger und Ex-Premier Silvio Berlusconi mit seinen neapolitanischen Schnulzen, interpretiert vom ehemaligen Parkwächter und Haus- und Hofsänger Berlusconis Mariano Apicella. In den Regalen liegen die Silberscheiben wie Blei.

Heilige

Beim ersten Spaziergang durch die Stadt fällt es sofort ins Auge: An Straßenecken und in fast jeder Gasse begegnet Ihnen eine erleuchtete Wandkapelle, hinter Gitter oder Glas eine Madonnenfigur, ein Heiliger, von Lämpchen erleuchtet und mit Papier- und frischen Blumen geschmückt. Je ärmlicher die Gassen, umso liebevoller gepflegt erscheinen die kleinen Wandaltäre, in ihrer festlichen Beleuchtung oft in krassem Gegensatz zu den abgeblätterten, smoggrauen Häuserwänden. Allein in Neapel wird 52 verschiedenen Heiligen gehuldigt, darunter sieben Hauptheilige, an der Spitze natürlich San Gennaro, der Patron Neapels, der zweimal im Jahr (am ersten Maisamstag und am 19. September) mit der Verflüssigung seines Bluts unter inbrünstigen Gebeten der Gläubigen sein orakelhaftes Placet zum Schicksal der Stadt gibt. Einmal davon abgesehen, dass all das offenlegt, wie sehr sich die Menschen den irdischen Geschicken ausgeliefert fühlen und Schutz suchen, mag ihre Vielzahl sicherlich auch als das Erbe der heidnischen Göttervielfalt der Antike, der Griechen und Römer, zu verstehen sein.

Lotto

Die Neapolitaner, die an die Macht des Schicksals glauben, sind fanatische Lottospieler. Die Phantasie, wie an die "richtigen" Zahlen zu kommen sei, produzierte eine regelrechte Industrie von Zahlenorakeln und Ratgebern, wie man Träume, Ereignisse, Erlebtes interpretieren und in Zahlen umsetzen könnte. Smorfie werden diese Zahlenlisten genannt, eine Bezeichnung, die von Morpheus, dem Gott des Schlafs, hergeleitet ist. Auf den Büchergrabbeltischen in der Altstadt finden Sie jede Menge Bücher mit den smorfie, ein sehr neapolitanisches Kuriosum. Tolle Einblicke gewährt der Dokumentarfilm "Dreaming by Numbers".

Müll

Neapel hat sich den zweifelhaften Ruf der "Müllhauptstadt" Europas erworben. Der Müll und seine Entsorgung ist ein einträgliches Geschäft für Camorra und Co. Müll ist auch ein Politikum. Mit dem Versprechen, die Stadt vom Abfallchaos zu befreien, gelang es Berlusconi 2008, sich noch einmal ins Amt hieven zu lassen. Im Jahr darauf erklärte er (voreilig) per Dekret die Müllkrise in Kampanien für beendet. Laut Legambiente (der italienischen Umweltorganisation) hatten die Clans allein 2009 durch Müll einen Umsatz von 20 Mrd. Euro erzielt, ungefähr zehnmal soviel wie z. B. der Modemulti Benetton. Im Mai 2011 setzte sich der frühere Staatsanwalt Luigi De Magistris bei der Bürgermeisterwahl in Neapel deutlich gegen den Berlusconi-Kandidaten durch. Mit Zivilcourage und Mülltrennung sagte er der Müllmafia den Kampf an. Hoffentlich haben er und die Bürger einen langen Atem.

Pizza

Die Pizza muss "so rund werden wie der Golf von Neapel und so dünn, dass die Mitte fast durchsichtig ist und an den Rändern ansteigt wie eine Meeresküste", so der neapolitanische Schriftsteller Domenico Rea. Doch das ist leichter gesagt als getan. Neben ihrer seit Generationen währenden Erfahrung haben die Pizzabäcker Neapels die besten Zutaten frisch aus dem Hinterland: so für die pizza Margherita die sonnensüßen Tomaten San Marzano und den sämigen Büffelmozzarella oder fior di latte aus Kuhmilch, für die pizza napoletana dicke Sardellen und duftendes Oregano für die pizza marinara. Die Traditionsgilde "Associazione Verace Pizza Napoletana" schwört auf diese drei Pizzen als die einzig wahren. In Neapel wird jedes Jahr Ende September die Pizza mit einem großen Fest gefeiert (www.pizzafest.info). Als billiger Schnellimbiss tauchte der Mehlfladen im 18. Jh. auf den Straßen Neapels auf, allenfalls mit etwas Olivenöl und Oregano gewürzt. 1895 machten italienische Einwanderer die erste Pizzeria in Amerika auf. Heute ist die Pizza neben dem Hamburger weltweit der Imbiss schlechthin. Trotz Globalisierung: Am besten schmeckt sie nach wie vor in Neapel.

Weihnachtskrippen

In den neapolitanischen Weihnachtskrippen werden Karten gespielt, Fische und Gemüse feilgeboten. Kinder und Hunde balgen sich, man sieht Kamele, Hühner, selbst Eidechsen. Das alles spielt sich ab vor Kulissen aus Häusern, Ruinen, Felsen unter blauem Himmel mit Wölkchen und hübschen Engeln. Wonach man im Gewühl richtig suchen muss, ist der eigentliche Anlass für die Inszenierung: Maria, Josef und das Jesuskind in seiner Krippe. Mit dem Bourbonen Karl III. explodierte diese Kleinkunst, jede Kirche, jede Familie wollte ihre Krippe, und was als Ansporn zu frommer Beschäftigung mit dem Thema Christi Geburt gedacht war, wuchs sich aus zu "einem kollektiven Wahnsinn" (Dario Cecchi). Hunderte von Kunsthandwerkern arbeiteten das ganze Jahr über. Die einen waren fürs Gemüse zuständig, andere für die Tiere. Große Künstler wie Sammartino und Vaccaro schufen wunderbare Figuren. Man kann sie im Museum San Martino bewundern. Tatsächlich ist die Krippenkunst ein weiteres Zeugnis für die Lust am Leben und an der Selbstdarstellung der Neapolitaner. In der Via San Gregorio Armeno in Neapel ist das ganze Jahr über Weihnachten, hier sind die besten Krippenbauer zu Hause.

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Peter Amann bereist Italien schon sein halbes Leben. Egal, ob er Besucher durch den Süden führt, fotografiert oder für Reiseführer recherchiert - er begibt sich mit ungebrochener Neugier auf Streifzüge ins chaotische Neapel, in die Amalfitana oder zu den Slow-Food-Genüssen im Cilento. Dort hat er Wurzeln geschlagen und legt bei Paestum mit seiner Lebensgefährtin einen Landschaftsgarten an.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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