Übersicht:Das ist bei der Langen Nacht der Musik geboten

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Einzigartig in Europa: Niemand sonst außer Soojeong Ko spielt hier die koreanische Röhrenspießgeige. Zu hören ist die Musikhochschulstudentin in der Langen Nacht der Musik im Gasteig HP8. (Foto: Yonghyun Ha)

400 Konzerte, 90 Spielstätten, 20 000 Gäste: Es wird an ungewöhnlichen Orten wie dem Müller'schen Volksbad oder im Hugendubel gespielt - aber auch in kuriosen Kombinationen mit Klettern, Tanz und Boxen.

Von Michael Zirnstein

Die Lange Nacht der Musik schafft seit dem Jahr 2000 Verbindungen: Jedes Jahr im Mai schwärmen zwischen 20 000 und 30 000 Kulturfreunde nach individueller Route oder auf einer der vier Shuttlebuslinien aus, in diesem Jahr zu 400 Konzerten an 90 höchst unterschiedlichen Orten in der ganzen Stadt - 30 neue Spielstätten sind diesmal am Samstag, 11. Mai, dabei. "Das Spannende dabei ist, Neues und Unerwartetes entdecken zu können", sagt Markus Blume.

Und dass der bayerische Kulturminister dazu überhaupt etwas sagt, zeugt von der Bedeutung des Ereignisses ebenso wie von seiner verbindenden Qualität. Denn bei den kulturellen Angelegenheiten der Landeshauptstadt hält sich der Freistaat normalerweise eher zurück, beim "Highlight" für "Rockfans und Dancing Queens" (Blume) allerdings mischt er mit Staatsoper, Gärtnerplatztheater, Ägyptischem Museum und TU gerne mit.

Da lässt sich die Stadt München freilich nicht lumpen. Für Oberbürgermeister Dieter Reiter machen gerade die "besonderen Orte, die zur Musiknacht umfunktioniert werden", den Reiz aus. Die Stadt ist unter anderem mit einer Chornacht im Müller'schen Volksbad, dem Gasteig HP8, dem Deutschen Theater sowie dem Ratskeller und dem Pop-up-Kunstcafé Junger Peter im Rathaus dabei.

Als dritte große Institution bringt sich die Erzdiözese München-Freising ein: Sie hat sich eine "Münchner Orgeltour" mit Vivaldi durch acht ihrer Kirchen einfallen lassen. Es ist möglich, jede seiner vier Jahreszeiten zu hören - wenn man mobil bleibt und gut plant.

Anfahrt und Tickets

Auch die Buslinien unterliegen einer "Choreografie", sagt Matthias Korte von der MVG, "bei uns heißt die Fahrplan". Wie immer verbinden die Busse der städtischen Verkehrsgesellschaft alle Spielorte miteinander, sie fahren im Zehn-Minuten-Takt zwischen 19.30 Uhr und 2.00 Uhr in den Norden bis zum Nordbad und der Münchner Freiheit, in den Osten bis zum Werksviertel, auf weitem Bogen nach Süden bis Giesing und zum HP8, und im Zentrum um die Altstadt herum. Auf einer Extra-Linie steuern Oldtimer-Busse die Herz-Jesu-Kirche an.

Alles läuft am Odeonsplatz zusammen. Hier gibt es auch Getränke und Imbiss, schon um 13.00 Uhr öffnet ein Zelt, in dem es Informationen (auch einen Faltplan auf Englisch) und Tickets gibt. Mit einem Eintrittsbändchen kommt man in jede Spielstätte, es sei denn, diese ist überfüllt. Die Tickets kosten 20 Euro, man kann sie über muenchenticket.de oder an üblichen Vorverkaufsstellen kaufen - oder (Tipp!) ohne zusätzliche Gebühren schon vor der Langen Nacht an allen Spielstätten. Dort gibt es auch die Programmheftchen. Änderungen bei den Konzerten und aktuelle Informationen finden sich auf der Veranstalter-Homepage www.muenchner.de/musiknacht/.

Die einzelnen Spielstätten machen in der Regel Programm von 20.00 Uhr bis 1.00 oder 2.00 Uhr, länger feiert man etwa im Nightclub des Bayerischen Hofs oder im Jungen Peter.

Tanzend durch die lange Nacht

Alles Walzer? Nicht nur, in der Tanzschule am Stachus kann man in der Lange Nacht auch Discofox und Cha-Cha-Cha lernen. (Foto: Münchner Kultur GmbH)

"Zur Musik gehört, dass man sich bewegt", sagt David Boppert, Chef-Organisator aller Münchner Langen Nächte. Sechs Tanzschulen konnte er 2024 ins Programm nehmen, die den Gästen die passenden Moves und Schritte zeigen: Das sind die klassischen Walzer-, Cha-Cha-Cha-, Discofox-Institute wie die Tanzschule am Stachus oder die von Wolfgang Steuer; da gibt es die Streetlove Dance Academy mit Hip-Hop, Afro und Soul, den Tanzraum 9 mit Spezialitäten wie Linedance und Burlesque; und auch die Buchhandlung Hugendubel am Stachus verwandelt sich in einen Ballsaal: Hier startet um 21.30 Uhr und um 23.3o Uhr jeweils eine Tanzstunde mit anschließendem Gruppentanz - alles im Tüll-und-Tränen-Stil der Netflix-Serie "Bridgerton". Die Feier mit Pop-Songs im Klassik-Gewand, Barock-Make-up und Buiscuits steigt um 20.15 Uhr los.

"Dee Dee & The Bel Airs" waren eine große Nummer in der Neo-Swing-Ära. Jetzt haben sie sich wieder zusammengefunden und spielen im Vintage Club zum Tanz auf. (Foto: Münchner Kultur GmbH)
Nicht nur zuhören, sondern selber tanzen sollen die Gäste im Vintage Club. Hier eine Lindy-Hop-Show bei einer vorherigen Langen Nacht der Musik. (Foto: Stephan Rumpf)

Retro, aber nicht ganz so weit rückwärts, ist auch der Vintage Club: Hier im Obergeschoss der Sonnenstraße 12b fühlt man sich wie in der Tanzschule aus "Ku'damm '56", aber in München erinnert es auch an die Zeit der GIs und von AFN: "Bouncing in Bavaria". Die Tanzweltmeister Marcus Koch und Bärbl Kaufer haben sich auf die Tänze der Zwanziger- bis Fünfzigerjahre spezialisiert, die derzeit - auch wegen "Babylon Berlin" - bei jungen Leuten wieder hoch im Kurs stehen. Es gibt Schnupperkurse in Lindy Hop, Charleston, Shag, Rockabilly Jive und Boogie Woogie, dazu Dance-Shows und Live-Musik von Swing Lyons und Dee Dee & The Bel Airs.

Die besonderen Orte

Beats statt Schläge: Die Soul-Entertainer "Los Poppos" spielen in der Werkbar des Boxwerks. (Foto: Münchner Kultur GmbH)

Sportlich geht es auch an anderen Spielstätten zu, die man eher nicht mit Musik in Verbindung bringt: im Werksviertel kann man zu Live-Musik und DJs himmlisch tanzen oder unter Anleitung bouldern. Und in zwei Boxstudios gibt zur Schlagkraft auch Beats: Der MTV München zeigt in seinem Keller zwei Showkämpfe mit dem bayerischen Meister, ehe Bands wie Verspult aufdrehen. Und im Original-Olympiaring von 1972 demonstrieren auch im Boxwerk zwei Sportlerinnen ihr Können, dann laufen um 22 Uhr die noch aus dem Atomic Café bekannten Soul-Beat-Entertainer Los Poppos zu Höchstform auf.

Internationales Flair: Im Wombat's City Hostel trifft man Reisende aus aller Welt und den irischen Sänger Shane o´Feargail. (Foto: Ana Coleasa)

Im Müller'schen Volksbad wird ausnahmsweise nicht geschwommen, dafür kann man bei der "Chornacht" von 22 Uhr an in den Stimmen von Bud Spenzers Heart Chor, Robin's Choruso und Ostbahngroove baden.

Lauschen, wo man sonst einkauft, das geht im JBL Store (Pop-Hits mit dem Bolando-Trio), im Eataly ( Rollo & his Jets), im Minipavillon (etwa mit der Münchner Aufsteigerin Caro Kelly) oder in den Fünf Höfen: Hier veranstaltet das Theatiner 8 anlässlich der "Viktor & Rolf"-Mode-Ausstellung in der Hypokunsthalle ein Karaoke mit Couture-Kostümierung. Das italienische Generalkonsulat und das italienische Kulturinstitut laden zu einem bunten Abend etwa mit der Schule Leonardo da Vinci, das Generalkonsulat Ungarns bietet in der Galerie Lovaas (Fürstenstraße 6) Jazz mit Karosi Julia.

Eine prima Aussicht gibt es in der Rooftop-Bar München Hoch 5 im Werksviertel. (Foto: Münchner Kultur GmBH)

Wer bei dem riesigen Angebot den Überblick verliert, kann sich weite Aussichten gönnen: Auf dem Sonnendeck der Alten Utting, Münchens auf einer Eisenbahnbrücke aufgedocktem Kultur-Schiff (Indierock bis Elektro; Lagerhausstraße 15); auf "Münchens größter Dachterrasse" der Lounge Frau im Mond im Deutschen Museum (mit dem Trio Jam with Sam); oder im München Hoch 5, der Rooftop-Bar auf dem höchsten Dach des Werksviertels, das heuer mit neun Spielstätten besonders stark vertreten ist. Mit dabei sind auch das Theater Werk 7 (mit seinen Musical-Darstellern und der Iwanson Dance School), das Miao, Eddy's Rockclub und das Wombat's City Hostal, wo man zum quirligen Pop und Funk Kontakte zu den Reisenden aus aller Welt knüpfen kann (wie auch im CVJM Jugendhotel in der Landwehrstraße 13).

Programm in den Kirchen

Das Kircheninstrument schlechthin steht bei der "Orgeltour München 2024" im Mittelpunkt der Langen Nacht. Auch auf der Orgel der Pfarrkirche St. Johann wird Vivaldi gespielt. (Foto: Mar Vaqué)

Jeder Mensch geht gerne in die Kirche, sagt Andrea Elisabeth-Lutz, Kulturmanagerin der Erzdiözese München-Freising, aber sie weiß auch: "Die Besucher kommen am liebsten, wenn nichts los ist. Oder wenn Orgel gespielt wird." Nichts los sein wird nicht in der Langen Nacht, aber dafür will man die Gäste mit besonders viel Orgelmusik beglücken: Acht Organisten und Organistinnen der Gotteshäuser lassen Vivaldis "Vier Jahreszeiten" erklingen und wechseln dabei auch munter zu den Instrumenten ihrer Kollegen, etwa Domorganist Ruben J. Sturm von der Frauenkirche, der in Herz-Jesu-Kirche den "Sommer" (und passende weitere Stücke wie Piazolla-Tangos) spielt. Für ein ganzes Vivaldi-Jahr kann man auch zu St. Johann Baptist, St. Ludwig, St. Michael, St. Joseph und in die Mariahilfkirche pendeln. Zum großen Finale mit allen Musikern, Lichtspektakel und Verköstigung ("leider keine Pizza Quattro Stazione") trifft man sich um 23.45 Uhr in St. Margaret.

Sechs weitere Kirchen wie die Erlöserkirche ("500 Jahre Liedgeschichte"), Lutherkirche (Gospel, Big Band) oder St. Paul (moderner Tanz) sind mit eigenen Programmen dabei.

Was in den Theatern geboten ist

Nicht zu übersehen: "Die Nase". Die Bayerische Staatsoper zeigt die Oper von Dmitri Schostakowitsch. Von 19.00 Uhr an werden Karten dafür und für die Haus-Führungen am Haupteingang des Nationaltheaters vergeben. (Foto: Wilfried Hösl)

Aus der Idee der Langen Nacht ist inzwischen eine Woche des Münchner Theaters im Juni 2025 entstanden. Acht der Schauspielhäuser nutzen aber gerne auch das Musik-Spektakel als ihre Bühne. Einige zeigen ihr Theaterprogramm, wie die Staatsoper "Die Nase" von Schostakowitsch (zusätzlich Führungen und Open House mit Musik), die Iberl-Bühne das Lustspiel "Oh heiliger Benedikt" und das GOP-Varieté die Show "Big Love" (jeweils begrenzte Kartenkontingente an der Tageskasse). Andere Theater machen "nur" Musik, wie das Gärtnerplatztheater mit Musical- und Opern-Hits, das Hofspielhaus mit seinem Haus-Quartett und Swing bis Latin oder das Deutsche Theater mit dem Max Geller Quintett (Jazz bis Edel-Pop) und Diatoniks (Volksmusik und Fetziges) im Silbersaal.

Junge Musik im Gasteig HP8

Stargast auf der Langen Nacht: Steffen Israel, Gitarrist der Chemnitzer Band "Kraftklub", ist mit der Sängerin Gwen Dolyn als das Duo "Tränen" zu Gast im Gasteig HP8. (Foto: Stef Schmid Rincon)

"Die Nacht ist jung" lautet das Motto im Gasteig HP8, der auch noch jungen Ausweichsstätte des Kulturzentrums Gasteig. Entsprechend dynamisch will man sich zeigen, mit der "ganzen Bandbreite der jungen Musikszene": Sechs der zwölf Konzerte hier geben Studierende der Musikhochschule, zum Beispiel Soojeong Ko. Die Studentin aus der Meisterklasse Jazz-Improvisation streicht im Kleinen Saal - als einzige in Europa, wird vermutet - die Haegeum, eine koreanische Röhrenspießgeige (22.45 Uhr).

Ins Industriedenkmal Halle E passen 1000 Gäste - mit solchen Mengen kann Steffen Israel locker umgehen. Der Gitarrist der Indierock-Stars Kraftklub tritt hier allerdings mit seinem Synthie-Neo-NDW-Duo Tränen auf (22.00 Uhr), gefolgt von den Münchner Lokalheroen Raketenumschau (23.30 Uhr).

Wer's etwas gesetzter mag, wird etwa beim "Jesus von Haidhausen" Philipp Bradatsch und seinen Cola Rum Boys im Saal X bedient, wer gerne abhebt, setzt die Kopfhörer zur Silent Disco unter freiem Himmel auf.

Bekannt geworden mit den "Klimaschwestern", seit 2016 solo erfolgreich: Vera Klima spielt zusammen mit Jacob Brass im Restaurant Schapeau. (Foto: Münchner Kultur GmbH)

Kurz: Man könnte wieder die ganze Zeit an der größten Spielstätte verbringen, aber das wäre nicht der Sinn der Langen Nacht der Musik. Überall in der Stadt sind Preziosen zu entdecken. Beispiele gefällig: die Ein-Mann-Band Adam Wendler (und der beste Cappuccino der Stadt) in der Boilerman Bar (Bahnhofsplatz 1); die Liedermacher-Heldin Vera Klima zusammen mit Jacob Brass im Restaurant Schapeau (Tal 41); die Mundart-Blasmusiker Baambrass in der Schänke des Giesinger Bräu (Martin-Luther-Straße 2); der Soul-Sänger Osono in der Goldamsel (Reichenbachstraße 47); drei New-Metal-Bands wie Antirope in der Zentrale der GEMA (Rosenheimer Straße 11); oder die ganze studentische Kultur-Power von Kammerphilharmonie bis Improtheater im Akademischen Gesangsverein (Ledererstraße 5).

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