Kanada dehnt seine Hoheitszone in der Arktis gewaltig aus. Mitten durch das frisch einverleibte Gebiet verläuft die Nordwestpassage.
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Die Nordwestpassage (orangefarbene Linie) ist nun ganz in Kanadas Hand. Nordwest- und Nordostpassage (blaue Linie) sind derzeit erstmals zugleich schiffbar. Foto: dpa
Es kommt nicht oft vor, dass ein Regierungschef sein Land einfach so um ein Gebiet von der Größe Spaniens erweitert. Genau das tat Kanadas Premier Stephen Harper bei einem Besuch im arktischen Dorf Tuktoyaktuk.
Das kanadische Hoheitsgebiet im Polarmeer, sagte der Premier, solle auf einen Streifen von 200 Seemeilen statt wie bisher 100 Seemeilen entlang der Küste verdoppelt werden. Das Land wächst damit um eine halbe Million Quadratkilometer. Mitten durch das frisch einverleibte Gebiet läuft die Nordwestpassage, die in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen könnte.
Nach internationalem Seerecht kann jeder Staat eine Wirtschaftszone von 200 Seemeilen entlang seiner Küste beanspruchen. Das Hoheitsgebiet eines Staates so weit zu dehnen, ist aber ungewöhnlich.
"Mit dieser Maßnahme senden wir eine deutliche Botschaft an die Welt", erläuterte Harper der Zeitung Globe and Mail. Kanada zeige, dass es Verantwortung für Umweltschutz und Sicherheit im Polarmeer übernehme. Es sei in jedermanns Interesse, wenn es in der Nordwestpassage eine klare Autorität gebe.
Glücksritter und Entdecker
Dies jedoch ist umstritten. Die EU und vor allem die USA betrachten die Nordwestpassage als internationales Gewässer. Sie lehnen ab, dass Kanada den Seeweg kontrolliert. Harper versucht nun, Fakten zu schaffen.
Die eisige Durchfahrt zwischen Nordpol und Nordamerika ist Gegenstand vieler Seefahrer-Legenden, sie wurde über die Jahrhunderte zum kalten Grab für Glücksritter und Entdecker.
Erst dem Norweger Roald Amundsen gelang es Anfang des 20. Jahrhunderts, mit einem Schiff durch die Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik zu fahren. Er brauchte drei Jahre. Wegen der globalen Erwärmung ist die Route im Sommer aber nun schon im zweiten Jahr in Folge komplett eisfrei. Sie ist inzwischen Ziel von Kreuzfahrten.
Experten erwarten, dass ihr eine bedeutende Rolle in der Weltwirtschaft zukommen wird: als kürzeste Seeverbindung zwischen Europa und Asien. Der Weg durch den Panama-Kanal ist drei- bis viermal so lang.
Ein neuer Schifffahrtsweg in der eisigen Wildnis birgt jedoch Risiken - darin ist sich die Regierung in Ottawa mit Naturschützern einig. Ein Tankerunglück im empfindlichen Ökosystem der Arktis wäre katastrophal. Umweltschutz ist darum eines der Hauptargumente für die Ausweitung der Hoheitsrechte.
Riesige Öl- und Gasvorkommen
Die Sorge um die Natur ist aber sicher nicht der einzige Antrieb des kanadischen Regierungschefs. Der Vorstoß Harpers in Tuktoyaktuk hängt auch damit zusammen, dass Kanada sich ein möglichst großes Stück Arktis sichern will, um dort Rohstoffe auszubeuten - zum Schaden der Natur.
Die anderen Anrainerstaaten des Nordpols - Russland, die USA, Norwegen und Dänemark mit Grönland - versuchen ebenfalls seit Jahren, ihre Claims in der Region abzustecken, in der große Öl- und Gasreserven vermutet werden.
Die fünf arktischen Länder haben zwar erst im Mai bei einem Treffen in Grönland feierlich versichert, es gebe keinen "Wettlauf zum Pol", alle Gebietsstreitigkeiten ließen sich friedlich und nach internationalem Seerecht regeln. Die plötzliche Vergrößerung Kanadas aber zeigt, dass die Grenzen in der Arktis nach wie vor sehr flexibel sind, weil die internationalen Regeln genügend Raum für Interpretationen lassen.
(SZ vom 29.08.2008/gal)




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