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Ein Kommentar von Heribert Prantl
Die Elite predigt Wasser, trinkt selbst Wein - und kennt den Begriff Ethik oft nur aus Hochglanzbroschüren. Haben "die da oben" die Bodenhaftung verloren? Nein, die Gesellschaft hat versagt - weil sie diese Leute als Elite anerkennt.
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Hat die Elite die Bodenhaftung verloren? Nein, die Gesellschaft hat versagt.
Foto: dpa
Die Milchbauern, die arm dran sind, weil sie nicht mehr wissen, wie sie von ihren Kühen leben sollen, haben eine Verbandszeitschrift, die Elite heißt. Das ist anrührend anachronistisch, weil kein Mensch beim Wort Elite an Gras, Kühe und die Mühen der Herstellung von guten Grundnahrungsmitteln denkt.
Elite ist landläufig das Wort für "die da oben", und der Bauer gehört eher zu "denen da unten". Im Titel des "Magazins für Milcherzeuger" steckt also einerseits ein liebenswerter Anspruch, andererseits ein bescheidener Protest - Protest dagegen, dass die "Elite" auf der anderen Seite der Gesellschaft verortet wird: dort, wo die Großmanager sitzen und die Eigner der Großhandelsketten, die den Bauern Hungerpreise diktieren. Und so gibt das Milchbauern-Magazin nicht nur Auskünfte über die Fütterung der Kühe, sondern führt zu einer gesellschaftspolitisch fundamentalen Frage: Was macht eine Elite überhaupt aus? Geldfülle, Machtfülle, Genussfülle?
Gier und Neid
Wenn heute in Deutschland von "Eliten" gesprochen wird, folgt das Wort "Versagen" auf dem Fuß. "Eliteversagen" ist der Sammeltitel für Nachrichten aus dem Bereich von Wirtschaft und Politik, der gemeinsame Nenner für Analysen und Kommentare zu Korruptionsaffären, zu Spitzel- und Selbstbedienungsskandalen.
Eliteversagen? Man könnte auch schlimmere Wörter dafür finden, wenn ein Spitzenmanager seinen Arbeitern erst abringt, auf Lohn zu verzichten, dann aber ihre Jobs ins Ausland verlagert; wenn diejenigen, die das Ende der sozialen Hängematte verkünden, sich selber Dutzende von Hängematten knüpfen. Es ist gewiss nicht Ausdruck von Neid, wenn horrende Gehälter und Abfindungen kritisiert werden. Neid bewegt sich in einem System, das halbwegs mit der Normalität zu tun hat. Das ist bei den Verdienstverhältnissen von Politikern der Fall; bei Spitzenmanagern nicht.
Es ist gierig, wenn einer wie Zumwinkel sein Geld ins Ausland schafft. Es ist kriminell, wenn Unternehmen wie zuletzt Siemens und Telekom so tun, als stünden sie außerhalb des Rechts. Es ist asozial, wenn Unternehmenspolitik nach dem Motto gemacht wird: Da gibt es erstens, zweitens, drittens uns - und dann gibt es da noch irgendwo die Gesellschaft. Es war falsch, dass viele Politiker solchen unternehmerischen Direktiven mit Globalisierungsgebrabbel assistiert haben. Eliten haben sich zwar elitär geriert, sich aber zum Bedienungspersonal einer globalisierten Markt-Maschinerie degradiert, die angeblich stets das verlangte, was sie gerade taten.
Ethik als Gedöns
Mittlerweile scheint wieder ein Gespür für Zusammenhänge zu wachsen, welche die früheren Siemens-Chefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld kannten, aber nicht achteten. Kleinfeld hatte in seiner Doktorarbeit den "engen Zusammenhang zwischen Image und Unternehmenserfolg" nachgewiesen. Es geht allerdings um mehr als Image; es geht um Reputation. Image kann man mittels Werbeagenturen korrigieren, Reputation wächst auf diese Weise nicht.
Es reicht nicht, wenn ein Unternehmensberater schnell ein Konzept für "Corporate Social Responsibility"entwickelt, das dann nach dem Motto "Gelesen, gelacht, gelocht" behandelt wird. Es reicht nicht, wenn der Vorstand das Vorwort der neuen Ethik-Broschüre schreibt. Die Mitarbeiter müssen spüren, dass Ethik mehr ist als Gedöns, das den Staatsanwalt zufriedenstellen soll. Gut, es ist ja schon etwas, wenn ein Unternehmen keine Gesetze bricht; aber als Unternehmenskultur kann man das noch nicht bezeichnen. Sie könnte in der nachhaltigen Suche nach dem Gehalt der drei großen V’s bestehen: Vorbild, Verpflichtung, Verantwortung.
Lesen Sie im zweiten Teil, wieso nicht die Eliten versagt haben, sondern die Gesellschaft - und warum "die da oben" das Denken verlernt haben.
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