Was das Wort des Jahres ist, darüber müssen die Sprachforscher im Jahr 1984 nicht lange rätseln: Es ist "Waldsterben", gefolgt vom "sauren Regen". Zu Beginn der Achtzigerjahre galt es als das größte Umweltproblem Europas, ausgelöst durch Industrie- und Autoabgase, die mit dem Regen auch Bäume und Waldböden erreichen. Das Sterben der Bäume war mit bloßem Auge zu erkennen, selbst für den Bundespräsidenten. Karl Carstens galt als begeisterter Wanderer, 1983 kehrt er entgeistert von einer Wanderung nach Niederbayern zurück. Danach widmete sich auch die Bundesregierung endlich dem Thema. 1984 wurde das Leiden erstmals statistisch erfasst, in der "Waldschadensbilanz".
Wenige Jahre später wird aus der "Schadensbilanz" ein "Zustandsbericht", das klingt schon weniger dramatisch. Nur an den Schäden ändert sich nicht viel - im Gegenteil. Am Montag ist es Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), der die neueste Inventur verkündet. Die Waldzustandserhebung 2023 ist nicht besser als 1984, sondern schlechter. Nur die Aufregung darum ist kleiner als damals.
Nur 20 Prozent der Bäume haben gesunde Kronen
Wie gut oder wie schlecht es den Bäumen geht, das zeigte schon Karl Carstens der Blick in die Kronen: je kränker, desto lichter. Im Bericht von 1984 etwa galten weniger als die Hälfte der Bäume als gesund, nur 44 Prozent der Kronen waren halbwegs dicht. Bei 23 Prozent dagegen blickten die Erhebungstrupps ins Gelichtete. Im Jahr 2024 wäre so ein Befund glatt ein Grund zum Aufatmen: Nur 20 Prozent der Bäume haben heute gesunde Kronen. 36 Prozent weisen "deutliche Kronenverlichtungen" auf. Seit fünf Jahren pendelt der Anteil ernsthaft kranker Bäume um diesen Wert. Für 44 Prozent hat das bundeseigene Thünen-Institut, das die Daten erfasst, die "Warnstufe" erklärt. Sie kränkeln, sind aber noch nicht krank.
Als wesentlicher Grund gilt der Klimawandel. Die zuletzt trockenen Jahre wirkten nach, heißt es beim Thünen-Institut. Sie schwächten die Bäume und machten sie anfällig für Schädlinge, ob Borkenkäfer, Pilze oder Misteln. "Die Klimakrise hat unseren Wald fest im Griff", sagt auch Özdemir. "Der Wald entwickelt sich zum Dauerpatienten."
Stickstoffverbindungen aus Tierhaltung und Straßenverkehr spielen auch eine Rolle
Nicht allen Baumarten geht es gleich schlecht. Bei der Buche etwa sind mittlerweile 46 Prozent der Kronen licht, bei der Eiche sind es 44 Prozent. Auch die Fichte hat zu leiden, 43 Prozent der untersuchten Bäume fallen in die tiefrote Kategorie. Bei allen drei Arten hat sich die Lage verschlechtert. Dagegen kommen Kiefern mit Hitze und Trockenheit offenbar besser zurecht, hier sank der Anteil der kranken Bäume von 28 auf 24 Prozent, während der Anteil gesunder Bäume deutlich stieg.
Eine Rolle für die Entwicklung dürften auch Stickstoffverbindungen spielen, wie sie in Tierhaltung oder Straßenverkehr entstehen. Sie sorgen dafür, dass viele Bäume häufiger Früchte bilden. Wenn sie aber Früchte bilden, geht das auf Kosten des Blattwachstums; die Kronen werden lichter. Auch das ist ein Einfluss, der die Bäume stört.
Wie umgehen mit dem Wald - längst ist das eine heiße politische Debatte. Denn im Hintergrund wogt der Streit um das Waldgesetz, das Özdemir novellieren will. "Der deutsche Wald steht an der Belastungsgrenze", sagt Jörg-Andreas Krüger, Chef des Naturschutzbundes Nabu. Das Waldgesetz müsse zu einer naturverträglicheren Bewirtschaftung führen, die Wälder widerstandsfähig mache. Dagegen wähnt die Opposition Özdemir auf dem "Holzweg". Es drohe ein "völlig irrationales, bürokratisches und praxisfernes Bundeswaldgesetz", warnt der CDU-Agrarpolitiker Albert Stegemann. "Die Waldbauern brauchen mehr Freiräume." Auch die Koalition ist noch nicht einig.
Einen Hoffnungsschimmer aber gibt es: das Wetter. Erstmals seit Jahren haben sich die Bodenwasserspeicher im Herbst und Winter wieder ganz gefüllt, vermerkt auch das Thünen-Institut. Zeigen werde sich das jedoch frühestens bei der nächsten Erhebung. Jedenfalls, wenn es so bleibt.

