Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Nach südossetischen Provokationen, georgischen Gegenschlägen und dem Einmarsch georgischer Truppen reagiert Moskau, als wäre das eigene Staatsgebiet angegriffen worden. Das ist eine geradezu freche Verhöhnung des militärisch weit unterlegenen Nachbarn.

Südossetien ist ein Flecken Land von der Größe Mallorcas, das völkerrechtlich zum georgischen Staatsgebiet gehört, politisch aber nicht von Tiflis aus zu kontrollieren war. Dafür sorgte Russland, das in der Provinzhauptstadt Zchinwali ein Marionettenregime alimentierte und alles dafür tat, dass Südossetien im Gefühl der Eigenständigkeit existieren konnte.

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Russische Panzer auf dem Weg nach Südossetien. Foto: AP

Den letzten, entscheidenden Schritt aber verweigerte Moskau: Die Anerkennung Südossetiens als Staat. Der Schwebezustand war Russland also gerade Recht. Südossetien sollte die ewig eiternde Wunde im georgischen Staatskörper sein, weil nur so der westorientierten Regierung in Tiflis klar gemacht werden konnte, an welchem Gängelband sie wirklich hängt.

Alle Autonomie-Vorschläge der Regierung Saakashwili wurden in Südossetien und mithin in Moskau ausgeschlagen, alle politischen Vermittlungsversuche scheiterten. Russland trug über Jahre nicht dazu bei, einen völkerrechtlich unhaltbaren Zustand mit modernen Methoden der Konfliktlösung beizulegen. In Südossetien sollte, wie in Abchasien auch, ein Exempel statuiert werden über Macht und Kontrolle, so wie sie das autokratische System in Moskau auszuüben pflegt.

Über Jahre lebte die Region in der Aussicht auf den Krieg, der nun in voller Brutalität ausgebrochen ist. Da bleibt es fast schon irrelevant, wer welchen Stein am Ende warf. Nach südossetischen Provokationen, georgischen Gegenschlägen und dem Einmarsch georgischer Truppen reagiert Moskau, als wäre sein Staatsgebiet angegriffen worden. Es schickt Panzer und Luftlandetruppen, es bombardiert, es schwingt die rhetorische Keule. Präsident Medewedjew will Georgien "zum Frieden zwingen".

Das ist eine geradezu freche Verhöhnung des kleinen und militärisch weit unterlegenen Nachbarn, die ihre Steigerung erfährt mit der Bobardierung georgischer Infrastruktur jenseits des südossetischen Gebietes. Russland sucht eine frontale Konfrontation mit Georgien. Russland will den Krieg.

Die russische Zielstrebigkeit, auch zu sehen an den Bombardements in der Zwillings-Konfliktzone Abchasien, deutet darauf hin, dass Moskau auf die Gelegenheit gewartet hat, seinen Machtanspruch in der Region militärisch zu demonstrieren.

Der schlimmste russischen Albtraum

Der Zeitpunkt ist so unlogisch nicht, weil Georgien seit dem Nato-Gipfel in Bukarest quasi eine Blanko-Zusage hat, eines Tages in das westliche Militärbündnis aufgenommen zu werden.

Der schlimmste russischen Albtraum ist die Vorstellung einer von der Nato kontrollierten Südflanke. Jetzt ist der Moment gekommen, wo der Westen die russische Antwort auf seine strategischen Ziele erhält.

Die Eskalationsbereitschaft Moskaus, die Abwesenheit jeglicher Schlichtungsversuche Medwedjews und der Regierung Putin werfen ernste Fragen auf: Wie stellt sich Moskau eine Nachkriegsordnung vor? Kommt es nun zur Eingliederung Südossetiens und Abchasiens in das russische Staatsgebiet? Und selbst wenn Moskau diesen Radikalschritt noch vermeidet: Wie soll der Westen reagieren auf die eklatante Provokation?

Es lag in russischer Hand, ob der Konflikt in Südossetien eskalieren sollte. Russland hätte auf den georgischen Einmarsch mit völkerrechtlich korrekten Mitteln reagieren können und eine politische Autonomie-Lösung für die Region schon lange zuvor vermitteln können.

Kein Südossete wäre mit dem Einmarsch über Nacht zum glühenden Freund der Georgier mutiert. Georgien weiß, dass es bei den verfeindeten Volksgruppen keine Gefolgschaft erzwingen kann. Für Politik blieb also jede Menge Raum. Russland aber wählte den Krieg – einen Krieg mit Georgien, bei dem es beileibe nicht um zwei Provinzen geht.

(sueddeutsche.de/woja)