Weil McCains Parteifreund Bush während der Katrina-Katastrophe versagt hat, kann der neue Hurrikan für den Kandidaten eine Gefahr werden - oder zur Chance.
Brenzlig für McCain und seine Vizekandidatin Palin: Spricht Bush zum Ende der Woche, rückt das in gefährliche Nähe zu McCains Inthronisation. Foto: AP
Stunden vor Gustavs Ankunft sprach Ray Nagin voller Respekt vor der Naturgewalt. "Die Mutter aller Stürme" nannte der Bürgermeister von New Orleans den Hurrikan, der vom Golf von Mexiko in Richtung der Südstaatenmetropole zieht.
Schmerzhafte Erinnerungen weckt der Wirbelsturm in New Orleans - und bei den Republikanern. Vor drei Jahren fegte Hurrikan Katrina über New Orleans und überflutete 80 Prozent der Stadtgebiets. 1500 Menschen starben, Zehntausende verloren ihr Zuhause. Für ein paar Tage versank New Orleans in Anarchie.
Das katastrophale Krisenmanagement des republikanischen Präsidenten George W. Bush hat sich in das kollektive Gedächtnis Amerikas eingegraben. Der Schandfleck Katrina ist neben dem Krieg im Irak und den Folgen der Kreditkrise die schwerste Hypothek für die Republikaner im Wahlkampf.
Kein Wunder, dass Gustav die republikanischen Strategen zur Verzweiflung bringt. Ein Hurrikan, ausgerechnet jetzt und ausgerechnet mit Kurs auf New Orleans.
Nach den rauschenden Festtagen der Demokraten in der vergangenen Woche, auf deren Höhepunkt Barack Obama vor den Augen von 40 Millionen Fernsehzuschauern seine Nominierung als Präsidentschaftskandidat entgegennahm, stehen die Republikaner unter Zugzwang.
Es sollte ihre Woche werden und die ihres Kandidaten John McCain. Doch sie wissen nur zu gut, dass nichts unangemessener wäre, als auf ihrem Parteitag in St. Paul im Bundesstaat Minnesota eine Krönungsmesse zu zelebrieren, während sich knapp 2000 Kilometer südlich der Untergang von New Orleans wiederholt.
Um ein PR-Desaster abzuwenden, strich McCain am Sonntagnachmittag das für Montag geplante Parteitagsprogramm zusammen. "In Zeiten wie diesen müssen wir Parteipolitik beiseite lassen", sagte der Senator.
Schon zuvor war er in das Krisengebiet gereist, um sich über den Stand der Vorbereitungen zu erkundigen und sich als zupackender Helfer zu profilieren. Begleitet wurde der 72-Jährige von Sarah Palin, der jungen, weitgehend unbekannten Gouverneurin von Alaska, die er zu seiner Stellvertreterin machen will, sollte er ins Weiße Haus einziehen.
Eigentlich war vorgesehen, dass sich Palin auf dem Parteitag in St. Paul der Öffentlichkeit vorstellt, wo sich die Aufmerksamkeit der Medien voll auf die Newcomerin gerichtet hätte. Die Republikaner versprachen sich viel von Palins Auftritt.
Die erzkonservative Politikerin, eine Gegnerin von Abtreibung, Schwulenheirat und Evolutionstheorie, sollte einerseits die strengreligiöse Parteibasis mobilisieren. Andererseits sollte sie enttäuschte Wählerinnen von Hillary Clinton, die bei den Vorwahlen auf Seiten der Demokraten gegen Obama unterlegen war und sich anschließend über den Sexismus der Medien beklagte, ins Lager der Republikaner locken.
Doch Gustav hat das sorgsam ausgearbeitete Drehbuch für den Parteitag hinfällig werden lassen. Wann und wie die geplanten Reden und die Nominierung McCains stattfinden, ist bisher völlig unklar.
Die Republikaner wollen ihre Entscheidung von der weiteren Entwicklung an der Golfküste abhängig machen. Heute sollen in einer kurzen Sitzung nur Beschlüsse gefasst werden, die für den weiteren Verlauf des Parteitags unerlässlich sind.
Vor allem eine Frage beschäftigt die Partei: Wann wird Präsident George W. Bush vor die Delegierten treten? Seine für Montag geplante Rede hat der Amtsinhaber abgesagt. Sollte Bushs Auftritt nun ans Ende der Woche rücken, fände er in enger zeitlicher Nähe zu McCains Inthronisation statt.
Eine brenzlige Situation für McCain, der stets bemüht ist, sich von seinem unpopulären Amtsinhaber zu distanzieren. Die Tatsache, dass der Senator überhaupt eine realistische Siegeschance bei den Wahlen im November hat, verdankt er gerade seinem Image als Parteirebell.
Doch die drohenden Sturmkatastrophe könnte für McCain auch eine große Chance bedeuten. Nun kann er sich als zupackender Mann für den Ernstfall profilieren - ein überparteilicher Krisenmanager.
Noch am Sonntag reiste der Wahlkämpfer an den Hurrikan-bedrohten Golfstaat Mississippi und rief zur gemeinsamen Kraftanstrengung auf. "Wir werden als
Amerikaner auftreten", erklärte er staatsmännisch, "als Amerikaner und nicht als Republikaner, weil uns Amerika nun braucht - egal, ob wir Republikaner oder Demokraten sind.“
Distanz zum präsidialen Parteifreund, der vor drei Jahren in New Orleans versagt hatte, zeigte John McCain indirekt auch mit Blick auf Gustav: "Die Fehler von Katrina werden wir nicht wiederholen".
(sueddeutsche.de/cag/odg)
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