Interview: Sebastian Glubrecht und Alexandros Stefanidis

Der letzte deutsche Showmaster verlässt die Bühne. Ein Gespräch mit Rudi Carrell.

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SZ-Magazin: Herr Carrell, im Dezember haben einige Zeitungen Sie fast schon für tot erklärt. Wie geht es Ihnen heute?

Rudi Carrell: Den Umständen entsprechend gut. Danke.

Wie kam Ihre Krankheit an die Öffentlichkeit?

Ich hatte der Bunten ein ehrliches Interview gegeben. Na gut, ich habe versucht, den Krebs etwas herunterzuspielen. »Ich habe zwar eine schwere Krankheit«, habe ich gesagt, »aber ich lebe, habe keine Schmerzen, kann arbeiten.« Und was hat die Bild-Zeitung daraus gemacht? Haarausfall, schwer abgenommen! Ich war stinksauer. Und dann diese schlimmen Fotos: Ich fand die ganze Sache nicht fair – mir gegenüber und Hunderttausenden, die Angst vor einer Krebsvorsorge haben oder selbst vor einer Chemotherapie stehen.

Vor einem Jahr haben die Ärzte bei Ihnen Lungenkrebs festgestellt. Leiden Sie unter Schmerzen?

Nein. Ich habe nie Schmerzen gehabt. Meine Chemotherapie wirkt palliativ, das heißt, die Ärzte haben versucht, mein Leben angenehm zu verlängern. Das ist gelungen, mehr darf und kann ich nicht erwarten. Der Tumor wird allerdings immer größer. Leider.

Haben die Ärzte gesagt, wie viel Zeit Ihnen noch bleibt?

Nein, aber es ist absehbar. Vor einem Jahr haben sie das Gleiche zwar auch schon gesagt, aber da habe ich gedacht: »Noch einmal Frühling! Noch einmal meine Bäume und Pflanzen blühen sehen!« Und dann verging ein ganzes Jahr. Aber jetzt haben die Ärzte es wieder gesagt. Mit einem noch ernsteren Unterton. Und jetzt glaube ich es Ihnen. Ehrlich gesagt, ich fühle es sogar.

Dass Sie bald sterben werden?
Ja.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Eigentlich nicht. Ich hatte früher immer nur Angst vor dem Sterben, weil ich dachte, es tut bestimmt wahnsinnig weh.

Glauben Sie an ein Leben danach?

Nein. Dann ist es eben aus. Aber mein Leben war aufregend genug.

Sie sind der größte deutsche Showmaster. Mit Sendungen wie »Am laufenden Band« oder »Rudis Tagesshow« haben Sie die deutsche Fernsehunterhaltung revolutioniert. Warum sind Sie eigentlich Showmaster geworden?

Ich wurde in dieses Geschäft hineingeboren: Auch mein Vater war Showmaster. Und meine Mutter hatte einen tollen Humor. Ich habe ihr tagein, tagaus Sketche vorgespielt. Und sie hat mir dabei zugeschaut und selig gelächelt. In der Schule habe ich meine Lehrer parodiert und bunte Abende moderiert.

Die Schule haben Sie mit 17 Jahren verlassen. Waren Ihre Eltern damit einverstanden?

Ja. Ich bin bei meinem Vater in die Lehre gegangen. Seine erste Lektion lautete: Das Publikum muss zweimal am Abend weinen. Die Leute wollen nicht nur lachen, die wollen auch gerührt sein. Ich wollte es zunächst nicht glauben, dass er zweimal am Abend die Leute hat weinen lassen. Ich fand das schrecklich. Erst viel später, bei »Lass Dich überraschen«, wo Leute vor Rührung geheult haben, da habe ich gemerkt: Der Alte hat doch Recht gehabt.

Allerdings waren Sie erfolgreicher als Ihr Vater, der es nie geschafft hat, eine große Fernsehshow zu moderieren.

Stimmt, aber ohne meine Lehrjahre wäre ich nicht so weit gekommen. Ich bin schon mit 18 Jahren durch Holland getingelt und vor allen Arten von Publikum aufgetreten. Von geistig Behinderten in einem Irrenhaus bis zu den höchsten Beamten in den Ministerien.

Sie sind in der Psychiatrie aufgetreten?

Ja, gemeinsam mit meinem Vater. Glücklicherweise hatte er bei seinen Auftritten immer einen Koffer dabei. Und im Irrenhaus haben die halt über den Koffer gelacht. Vielleicht, weil sie wussten: Wer einen Koffer hat, darf raus.

Welches Publikum hat es Ihnen am schwersten gemacht?
Den schlimmsten Auftritt meines Lebens erlebte ich vor holländischen Bauunternehmern. Die hatten erst getagt, dann gefressen, dann gesoffen – und zum Schluss sollte ich sie unterhalten. Was ich auch versucht habe – ich bekam keine Reaktionen! In der ersten Reihe haben zwei sogar geschlafen. Als mein Vater mich von der Veranstaltung abholte, fragte er: »Wie läuft’s?« – »Die wollen nicht.« – »Lass mich mal!« Er ging auf die Bühne zu dem Ersten, der geschlafen hat, scheuerte dem eine und sagte: »Hey, aufpassen!« Und schon hatte er ihre Aufmerksamkeit.

Sollte ein Showmaster sein Publikum ohrfeigen?

Mein Vater hat ja nicht kräftig zugeschlagen. Was ich Ihnen aber mit dieser Geschichte erklären will: Es gibt immer einen Weg, dein Publikum zum Lachen zu bringen. Wenn nichts mehr geht, holst du jemanden auf die Bühne. Das zieht immer. Stellen Sie sich vor: Tausend Leute im Saal und der Showmaster verarscht einen. Da freuen sich 999, dass sie nicht von ihm verarscht werden.

Kann man diese Methode auch im Fernsehen anwenden?

Sicher, Am laufenden Band funktionierte letztlich nach dem gleichen Prinzip: Laien spielen Showbusiness.

Hat Ihnen Ihr Vater auch Tipps für Ihre Fernsehkarriere gegeben?

Nein, die verdanke ich Leslie Roberts, meinem englischen Berater. Der hat mir genau gesagt, was beim Publikum ankommt und was nicht: »Rudi, du gehst von rechts auf die Bühne, das ist falsch! Du musst von links auf die Bühne kommen. Links geht die Sonne auf!«

Den zweiten Teil des dieses bewegenden Interviews lesen Sie, wenn Sie dem Link folgen!

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