Von Joachim Latacz

Der neue Kampf um Troja: Der Dichter Raoul Schrott meint zu Unrecht, das Geheimnis Homers und der "Ilias" gelüftet zu haben. Denn vor lauter Begeisterung bringt er einiges durcheinander.

Seit der Antike streitet man über den historischen Gehalt der "Ilias", des großen, im 8. Jahrhundert vor Christus entstandenen Troja-Epos mit dem Kampf zwischen Achill und Hektor, sowie über die Identität und Herkunft des Dichters Homer. Nun hat kurz vor Weihnachten der Dichter und Übersetzer Raoul Schrott in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung neue Thesen unter der Überschrift "Homers Geheimnis ist gelüftet" präsentiert.

Homer soll danach ein griechischer Schreiber in den Diensten assyrischer Machthaber in Kilikien gewesen sein, also am östlichen Ende der Südküste der heutigen Türkei, in der Nähe der syrischen Grenze. Und die Handlung der "Ilias" soll laut Schrott, auch wenn sie in Troja - am Hellespont im Norden der türkischen Westküste - spielt, eigentlich historische Ereignisse und topographische Gegebenheiten in Kilikien wiedergeben, konkret Kämpfe um die spät-hethitische Festung Karatepe im 7. Jahrhundert (SZ vom 24. Dezember 2007).

Der habilitierte österreichische Komparatist Raoul Schrott, der bereits eine Übersetzung des Gilgamesch-Epos vorlegte, hat seine Kilikien-These im Laufe der Arbeit an einer Gesamtübersetzung der "Ilias" entwickelt. Erste Teile der Hörbuchfassung dieser Übertragung, einer Koproduktion von Hessischem Rundfunk und Deutschlandfunk, wurden in den vergangenen Tagen im Radio gesendet; im Herbst 2008 wird sie als Buch erscheinen.

Der hier abgedruckte Text nun ist die erste ausführliche Reaktion aus der Fachwelt auf Raoul Schrotts These. Der Autor, der emeritierte Basler Gräzist Joachim Latacz, gilt als einer der führenden Homer-Forscher. Zu seinen Publikationen zählen "Zum Wortfeld ,Freude‘ in der Sprache Homers" (1966) und "Troja und Homer" (2001). Latacz war Mitherausgeber der "Studia Troica" und ist Herausgeber des "neuen Ameis-Hentze", des großen Gesamtkommentars zur "Ilias", der seit dem Jahr 2000 erscheint.

Joachim Latacz hat Raoul Schrott bei seiner Übersetzungsarbeit wissenschaftlich beraten, ist aber nach einem Jahr aus der Zusammenarbeit ausgestiegen. Schrott wiederum wird seine Behauptung in detaillierterer Form in dem Buch "Homers Heimat. Der Kampf um Troja und seine realen Hintergründe" vorstellen, das Ende März im Hanser Verlag herauskommt.

Johan Schloemann

Das berühmteste Pferd der Welt - hier in einer Szene aus Wolfgang Petersens Film "Troja". Foto: "Troy", Warner Brothers

Das Wichtigste zuerst: Eine "Sensation", wie zu lesen ist, sind Raoul Schrotts Thesen mit Sicherheit nicht. Und er stellt auch keineswegs "das Homer-Bild der Wissenschaft in Frage". Das Zweitwichtigste: Troia bleibt dort, wo es seit Heinrich Schliemann 1870/71 unter einhelliger Zustimmung der Fachwelt lokalisiert ist, nämlich in der Nordwestecke der heutigen Türkei, am südlichen Eingang zu den Dardanellen und damit zum Schwarzen Meer. Es liegt weder in Kilikien, wohin es Raoul Schrott, wie es scheint, verlagern möchte - also etwa 800 Kilometer Luftlinie südlich von den Dardanellen entfernt - noch anderswo. Und das dritte: Homer, der Dichter der "Ilias", wird durch Schrotts Ausführungen keineswegs als griechischer Schreiber in assyrischen Diensten "enthüllt", sondern Homer hat nach allen Indizien, die von den verschiedenen Fächern der neuzeitlichen Altertumswissenschaft seit mehr als 200 Jahren zusammengetragen worden sind, im kleinasiatischen Siedlungsgebiet der ionischen Griechen, und zwar in der Region von Smyrna (heute Izmir) und der vorgelagerten Insel Chios gelebt und gewirkt. Einer der weltweit führenden Homer-Forscher, der Oxforder Gräzist Martin L. West, hat die Indizien dafür im Jahre 2003 in seinem Buch "Homeric Hymns. Homeric Apocrypha. Lives of Homer" noch einmal zusammengestellt.

Wie kommt Raoul Schrott auf die Idee, Homer nach Kilikien zu verlegen? Wie kommt er überhaupt auf seine "kilikische These"? Gehen wir seinen Weg ein Stück weit mit.

Lesen Sie weiter: "Ganz anders als im Buch" - warum Herrn Schrott das heutige Troja bei seinem Ein-Tages-Besuch nicht gefallen hat.

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