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Reiseführer Plattensee:Stichworte

Dörfer mit Tradition und faszinierende Naturlandschaften - die Balaton-Region ist dabei, ihren Reichtum neu zu entdecken

Balaton-Ballermann

Im deutschsprachigen Raum ist der Plattensee beinahe jedem ein Begriff, doch viele können sich dabei ein Grinsen nicht verkneifen und kommentieren, dies sei doch der "ungarische Ballermann". Es stimmt natürlich, dass Siófok im Juli und August ziemlich überlaufen ist und von partywütigen wie trinkfesten Touristen dominiert wird. Da wird auch schon mal aus Eimern getrunken. Wahr ist aber auch, dass wenige Kilometer weiter schon Familien mit Kindern das Bild dominieren. Und außerhalb der Hochsaison herrscht sowieso überall Ruhe pur.

Balaton-Statistik

Das Bett des Plattensees ist 77 km lang. Die Ufer erstrecken sich auf 196 km, 598 km2 umfasst die Wasseroberfläche. Im Osten, zwischen Alsóörs und Siófok, ist der Plattensee mit 12 km am breitesten, zwischen der Fährstation Szántódrév am Südufer und der Spitze der Halbinsel Tihany mit 1,5 km am schmalsten. Die Wassertiefe liegt im Schnitt bei flachen 3-4 m. Im Süden kann man Hunderte von Metern durch seichtes Wasser waten - ideal für Ferien mit Kindern. Am Nordufer geht es bereits kurz hinter dem Ufer 1 oder 2 m in die Tiefe.

Deutsch-deutsche Begegnungen

Ungarn war besonders seit den 1970er-Jahren das Ostblockland mit der größten Reisefreiheit. So fügte es sich, dass zahlreiche Westdeutsche am Balaton Urlaub machten - günstig und vielleicht sogar mit einer Prise Abenteuer, schließlich handelte es sich ja um den unbekannten und "wilden" Osten. Für DDR-Bürger war der Plattensee zur gleichen Zeit ebenfalls ein äußerst beliebtes Reiseziel. Während "Wessis" und "Ossis" also in ihrem eigenen Land wegen des Eisernen Vorhangs kaum zusammenkamen, begegneten sie sich am Balaton täglich in Badehose und Plastiklatschen. Nicht selten kam es hier auch zu innerdeutschen romantischen Verwicklungen, die angesichts der politischen Lage und der unvermeidlichen Trennung des frisch verliebten Pärchens natürlich oft traurig endeten.

Dorfarchitektur

Schneeweiß getünchte Wände, dunkel gestrichene Fenster und Türen, ein dickes, gemütliches Reetdach und leuchtend rote Geranien vor den Fenstern - viele solcher Bauernhäuser gibt es nicht mehr, aber in zahlreichen Dörfern existiert wenigstens noch ein gut erhaltenes, oft hergerichtet als Heimatmuseum. Die ganze Bandbreite der traditionellen Dorfarchitektur, vom schlichten Hof bis zu sogenannten Kurien, Herrenhäusern im bäuerlichen wie kleinadligen Barockstil, können Sie am besten im Balaton-Oberland erleben.

Folklore

Zigeunermusik und Csárdás, der ungarische Nationaltanz, stehen ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Doch wie authentisch sind solche Veranstaltungen? Natürlich sind die organisierten Hochzeiten gespielt, doch eine Bauernhochzeit wird, vor allem in den Dörfern, noch immer traditionell gefeiert: mit dem Beweinen der Braut oder der Sitte, dass der Bräutigam unter mehreren verhüllten Mädchen die Seine herausfinden muss.

Kirchen

Selbst kleinste Dörfer besitzen in der Regel zwei, nicht selten sogar drei Kirchen. Das hat historische Gründe: Nach der türkischen Besetzung traten die Lehren Martin Luthers einen Siegeszug an. Der Katholizismus startete ab Mitte des 17. Jhs. eine massive Gegenreformation, und die Mehrheit der Bevölkerung nahm wieder die katholische Religion an. Um die Kirchen zuordnen zu können, schaut man am besten auf die Turmspitze: Die katholischen und evangelischen schmückt oben ein Kreuz, die calvinistischen haben einen Stern.

Köche

Ein Ungar am Herd? Am heimischen immer noch selten. Aber wenn es um Ruhm und Preise geht, packt Ungarns Männer die Kochleidenschaft - ob vor kleinem Publikum bei Sommerfesten in den Plattenseedörfern oder vor großem beim Gulaschfestival in Budapest. Die halászlé (Fischsuppe) ist die Krönung einer Passion ungarischer Männer: des Angelns. So treten z. B. alljährlich um die 20 Herrenmannschaften in der Halásztanya von Alsóörs am Nordufer zum Wettstreit um den Pokal für die beste Fischsuppe an. Das Kochfestival "Auf den Spuren königlicher Köche" in Nagyszakácsi ist zugleich ein dreitägiges Volksfest mit Umzug, Musik und Historienspielen, bei dem die Renaissance den Ton angibt.

Franz Anton Maulbertsch

Schon als 15-Jähriger besuchte der vom Bodensee stammende Künstler (1724-96) die Wiener Kunstakademie. 1757/58 malte der Meister des Spätbarock die Pfarrkirche von Sümeg im Balaton-Oberland aus - noch heute ein Fest der leuchtenden Farben. Die Sümeg-Fresken gelten als die schönsten des Landes. Ab 1770 arbeitete Maulbertsch fast ausschließlich in Ungarn und gestaltete u. a. den Dom von Győr.

Namen & Daten

Genau anders herum als gewohnt! Diese Eselsbrücke sollten Sie in Ungarn für Daten und Namen nutzen. Eine Angabe wie 13.07.05-13.08.06 bedeutet: vom 5. Juli bis 6. August 2013. In Ungarn schreibt man zuerst das Jahr, dann den Monat, dann den Tag. Am Plattensee aber hat man sich auf Urlauber eingestellt und wählt häufig die den Gästen vertraute Schreibweise. Prüfen Sie Termine, denn es ist nicht immer so! Für Namen gilt dasselbe: Steht auf einer Visitenkarte Gáldi Gábor, heißt der Mann mit Vornamen Gábor und mit Nachnamen Gáldi. Verheiratete Frauen tragen in der Regel den Namen ihres Mannes mit dem Zusatz né, was Frau bedeutet. Herrn Gáldis Ehefrau würde also Gáldiné heißen.

Nationalparks

Über 350 km2 Naturraum gehören rund um den Balaton zu den besonders geschützten Gebieten. Sie bilden den Nationalpark Balaton-Oberland (Balaton-Felvidéki Nemzeti Park | www.bfnpi.hu), dessen Verwaltung von Csopak aus über eine Art Flickenteppich wacht. Jedes der verstreut liegenden Areale verfügt über eine ganz besondere Fauna und Flora.

Die Halbinsel Tihany ist schon seit 1952 Landschaftsschutzgebiet. Im Nordwesten (Apáti-Hügel) gedeihen mediterrane und submediterrane Pflanzen. Zudem wurden 800 Schmetterlingsarten gezählt. Unter Schutz steht auch die Hügellandschaft des Pécsely-Beckens 6 km nordwestlich von Tihany.

Ein Landstrich mit einzigartigem Charakter ist das Káli-Becken. Dessen geologische Besonderheiten (Basalt, roter Sandstein, Dolomit) sorgen für eine artenreiche Fauna und Flora.

Zum Naturschutzareal Tapolca-Becken gehören auch die sogenannten Basaltorgeln von Badacsony. Dieser Berg und seine Umgebung sind von Vulkanformationen geprägt. Dort können Sie auf den warmen Felsen viele Eidechsenarten entdecken. Schluchten, Höhlen und Wälder machen das Keszthely-Gebirge zum Ziel für Naturliebhaber und Wanderer.

Ein weiterer Teil des Nationalparks Balaton-Oberland ist der Kis-Balaton. Dieses große Vogelschutzreservat, registriert als "Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung", ist eine Heimat für fast alle Reiherarten Mitteleuropas und hat eine große Kormorankolonie. Insgesamt wurden bislang 250 Vogelarten identifiziert.

Puszta

Rund um den Plattensee findet sich eine Reihe von Ortsbezeichnungen mit dem Wortbestandteil -puszta, z. B. Rádpuszta. Das Wort Puszta erinnert die Ungarn vor allem an die Schreckensherrschaft der Türken, die ganze Landstriche verwüsteten: puszta bedeutet öde, Ödnis. Am Plattensee aber versteht man unter Puszta die Wirtschaftsgebäude eines Guts, die in einiger Entfernung zum Dorf liegen. Dort lebte früher das Gesinde, standen Viehställe und Getreidespeicher.

Rechtsruck

Im Jahr 2010 kehrte Viktor Orbán nach acht Jahren als Oppositionsführer in das Amt des Regierungschefs zurück. Seine erzkonservativ-nationale Fidesz-Partei gewann mehr als zwei Drittel der Sitze im Parlament. Hinzu kam noch der Erfolg der Rechtsaußen-Gruppierung Jobbik. Minderheiten, besonders die in Ungarn recht zahlreich vertretenen Roma, fühlen sich an den Rand gedrängt, oft sogar bedroht. Orbán handelte sich mit Verfassungsänderungen und einem restriktiven Mediengesetz schnell Ärger mit der EU ein. Doch revisionistische Strömungen haben in Ungarn eine lange Tradition, seitdem das Land 1920 im Friedensvertrag von Trianon zwei Drittel (!) seines Territoriums verlor - ein bis heute traumatisches Ereignis. Orbán setzte ein Staatsbürgerschaftsgesetz durch, demzufolge die etwa 2,5 Mio. Ungarnstämmigen, die heute in diesen Gebieten leben, einen ungarischen Pass "zurückerhalten" sollen. Massendemonstrationen, sowohl für als auch gegen die Regierung begleiten das Land seitdem. Tatsache ist aber auch, dass die Mehrheit der Volks einstweilen noch hinter Viktor Orbán steht.

Sprache

Selbst Vielsprachige stehen dem Ungarischen ratlos gegenüber. Mit Ableitungen von vertrauten Sprachen kommt man nicht weiter: Ungarisch ist völlig anders. Es gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie und hat sich während der Wanderung der Magyaren (Ungarn) mit anderen Sprachen vermischt, z. B. mit dem Türkischen. Um sich zu orientieren, ist es schon wegen der Aussprache von Ortsnamen wichtig, sich mit einigen Regeln vertraut zu machen - der korrekten Aussprache kommt eine große Bedeutung zu. Nutzen Sie die Erläuterungen im Sprachführer ab Seite 124 dieses Bands!

Ungarndeutsche

Eine halbe Million Deutsche wurde im 18. Jh. auf Betreiben der Habsburger ins Land geholt, um die während der Türkenära nahezu ausgestorbenen Dörfer wieder zu bevölkern. Das Hauptsiedlungsgebiet der Deutschen wurde Südungarn. Und egal, woher sie stammten - sie wurden zu "Schwaben" oder auch "Donauschwaben". 1945, nach den Konferenzen von Jalta und Potsdam, mussten 250000 Ungarndeutsche mit ihrer Vertreibung aus der neuen Heimat für den Zweiten Weltkrieg bezahlen. Heute leben noch ca. 100000 Ungarndeutsche im Land, denen eine kulturelle Selbstverwaltung zugestanden wurde.

Wellness

Luxus und Verwöhnung - darauf verstanden sich die alten Römer! Über 20 Bäder haben Archäologen in Ungarn freigelegt, und die Funde zeigen, wie lustvoll sie vor rund 2000 Jahren Badekultur zelebrierten. An Thermalwasser fehlt es dem Land nach wie vor nicht: Bislang sind über 1200 Quellen bekannt, 35 Orte dürfen sich Kurort nennen. Die Thermalwasservorkommen machen die Balaton-Region zu einem Anziehungspunkt für Kur- und Wellnessgäste. Hévíz bietet ein ausgezeichnetes Angebot an Kur- und Wellnesshotels, und Balatonfüred genießt einen guten Ruf als Zentrum für Herzkranke. Dank der großen Summen, die in den Gesundheitstourismus flossen, haben andere balatonnahe Thermalorte wie Zalakaros, Pápa, Marcali oder der Höhlenkurort Tapolca nachgezogen. Direkt am Balaton setzt vor allem Siófok auf den Wellnesstourismus.

Wirtschaft

Der wichtigste Wirtschaftsfaktor am Plattensee ist der Tourismus. Ob er floriert oder stagniert, ist nicht nur von regionaler, sondern von nationaler Bedeutung, denn der Balaton ist neben Budapest das wichtigste touristische Ziel des Lands. Dass man rund um den See mit Deutsch ohne Probleme durchkommt, hat einen einfachen Grund: Die meisten Gäste kommen schon seit DDR-Zeiten aus deutschsprachigen Ländern. Österreicher und Deutsche stellen auch den Großteil der Käufer, die sich eine Immobilie am Balaton zugelegt haben. Nicht zuletzt ist der Balaton ein bevorzugtes Gebiet wohlhabender Ungarn, die sich rund um den See stattliche Anwesen gebaut haben, z. B. in Töreki nahe Siófok, wo eine Reihe von Reetdachvillen stehen.

Zimmer frei

Wohl nirgendwo auf der Welt hängen mehr Schilder mit dieser Botschaft an Gartenzäunen als in Ungarn, und nirgendwo in Ungarn mehr als rund um den Balaton - dazu meist tatsächlich in deutscher Sprache. Wer nicht in der Hochsaison unterwegs ist, findet auf diese Weise fast immer spontan und ohne Voranmeldung eine ansprechende und meist günstige Bleibe. Doch das Beste an "Zimmer frei" ist der persönliche Kontakt zum Gastgeber, der kleine Einblick in seinen Alltag, das Gespräch im Vorbeigehen oder bei einem Kaffee. Meist - nicht immer - wird etwas Deutsch gesprochen, oft sogar erstaunlich gut. Ganz nebenbei unterstützen Sie mit einer Übernachtung im Privatzimmer konkret eine Familie anstatt größerer Unternehmen - die schonendste Art von Tourismus. Sie müssen aber darauf vorbereitet sein, dass die Gastgeber im Juli und August Gäste nur für mehrere Tage oder mindestens eine Woche aufnehmen wollen. Sind Sie dazu bereit, werden Sie auch in der Hochsaison noch kurzfristig eine Unterkunft finden. In der übrigen Zeit dürften Sie auch für nur eine Nacht kein Problem haben.

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Nils Kern lebt als Journalist, Autor von Reiseführern und Übersetzer in Polen. Ungarn und den Plattensee erkundet er seit nunmehr fast 20 Jahren auf zahlreichen längeren Reisen wie auch im Rahmen einiger Kurztrips - und lernte es im Wandel dieser Jahre kennen. Er mag besonders die herrliche Ruhe des Balaton im September und die Gastlichkeit der "Zimmerfrei"-Privatvermieter.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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