Krieg in der Ukraine:Mit letzter Kraft

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Ukraine, Charkiw: Ein Feuerwehrmann nach russischem Beschuss im Qualm eines brennenden Hauses. (Foto: dpa)

Die ukrainische Armee ist unter Druck und erschöpft, es fehlt an Munition, um Russland zurückzuhalten. Der Krieg ist in einer für die Ukraine bedrohlichen Phase.

Von Florian Hassel

US-Außenminister Antony Blinken traf am Dienstag in Kiew ein, es war ein Besuch in einer Stunde der Not. Im Osten des Landes halten erschöpfte, zahlenmäßig unterlegene ukrainische Soldaten mit letzten Vorräten an Munition und anderem Material eine russische Armee zurück, die nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt von Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, vorrückt - und auch an anderer Stelle unter Druck setzt.

"Wir wissen, dass dies eine herausfordernde Zeit ist", sagte Blinken bei einem Treffen mit Präsident Wolodimir Selenskij. US-Waffenlieferungen - einem Blinken-Mitarbeiter zufolge etwa Artilleriemunition, weitreichende Raketen, Munition für die Luftabwehr - seien auf dem Weg. "Und das wird auf dem Schlachtfeld einen echten Unterschied gegen die fortdauernde russische Aggression machen", so der US-Außenminister.

Die Ukraine hat es versäumt, Verteidigungsgräben oder Bunker zu bauen

In der Tat ist die militärische Lage herausfordernd: In der Region Charkiw haben die Russen dem Militärkorrespondenten Jurij Butussow zufolge an der Grenze schnell mehrere Dörfer erobert und etwa 100 Quadratkilometer besetzt. Zwar befreiten die Ukrainer das schon zu Beginn der Invasion am 24. Februar 2022 besetzte Gebiet im September 2022. Doch versäumten sie es, effektive Verteidigungsgräben oder Bunker zu bauen oder auch nur wirksame Minenfelder zu legen, wie der im umkämpften Grenzstädtchen Wowtschansk eingesetzte Aufklärungsoffizier Denis Jaroslawskyj nach Beginn des russischen Vormarsches beschrieb.

Diese Versäumnisse fallen umso stärker auf, als Präsident Selenskij im Dezember 2023 sagte, gerade die Region Charkiw sei am besten befestigt. Doch auch die SZ sah im März 2024 bei Besuchen in Grenzorten und anderen potenziell von einem russischen Vormarsch bedrohten Positionen in der Region, dass Befestigungen bestenfalls punktuell existierten.

Munition und Abwehrgeschosse gehen aus

Ob an der Grenze oder anderen Gebieten an der knapp 1200 Kilometer langen Front in der Ukraine können die Russen seit Monaten immer leichter angreifen, weil den Ukrainern die Munition und Abwehrgeschosse sowohl für ihre eigenen, noch aus Sowjetzeiten stammenden Luftabwehrsysteme wie für schätzungsweise knapp 20 verschiedene westliche Systeme zunehmend ausgingen.

Dass etwa Russland vor Kurzem selbst das zuvor gut gesicherte größte Kraftwerk Kiews zerstören konnte, lag Selenskij zufolge daran, dass "uns komplett alle Raketen ausgingen" - und nach sieben abgeschossenen russischen Raketen die nächsten vier das Trypilska-Kraftwerk zerstörten. Nachschub für die Luftverteidigung sei "das größte Defizit für uns", bekräftigte Selenskij gegenüber Außenminister Blinken.

Die Schwächen der Luftabwehr und das Fehlen westlicher Kampfjets wie der F-16 aus US-Produktion ermöglicht Russland, immer ungehinderter über der Ukraine zu fliegen und sowohl ukrainische Militärstellungen wie Objekte im Hinterland effektiver zu zerstören. Jack Watling zufolge, Ukraine-Spezialist des Londoner Militärforschungsinstitutes Rusi, gelang es Russland wegen der zuvor intakten ukrainischen Luftabwehr lange nicht, ungehindert Spionagedrohnen fliegen zu lassen. Das sei nun anders: Russische Spionagedrohnen vom Typ Orlan-10 etwa bewegten sich nun ungehindert, flögen sowohl über Charkiw wie noch deutlich weiter von der Front entfernt selbst über die Großstadt Saporischschja. Die Folge: Russland könne nun ungleich effektiver ausgekundschaftete Ziele mit Raketen oder weitreichender Artillerie zerstören.

"Wir brauchen heute zwei 'Patriots' für Charkiw und die Region Charkiw."

Im Gespräch mit Blinken sagte Selenskij unter Anspielung auf das Patriot-System, das leistungsfähigste Luftabwehrsystem aus US-Produktion: "Wir brauchen heute zwei Patriots für Charkiw und die Region Charkiw." Ob, wann und wie viele Patriot-Systeme Kiew zusätzlich bekommt, ist freilich offen. Ohnehin fehlt es nicht nur an Patriots und den von ihnen abgefeuerten Abwehrraketen (mit einem Stückpreis von vier Millionen Dollar), sondern auch an deutlich billigeren, jeden Tag zu Hunderten abgeschossenen Drohnen. Militärkorrespondent Butussow, der im umkämpften Grenzort Wowtschansk in der Region Charkiw der Soldaten der 57. Brigade begleitet, meldete, es fehle sowohl der 57. Brigade wie etlichen anderen Einheiten an Drohnen.

Generalleutnant Kyrylo Budanow, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, zeichnete am Montag ein düsteres Bild von der Lage im umkämpften Grenzgebiet. "Die Situation steht auf der Kippe", sagte Budanow der New York Times per Videocall aus einem Bunker in Charkiw. Die Ukraine habe ihre Reserven eingesetzt. "Leider haben wir niemanden mehr in den Reserven." Am Dienstag indes klang Budanow im ukrainischen Fernsehen etwas optimistischer: Die Lage habe sich seit Montagabend stabilisiert. Auch Militärkorrespondent Butussow sprach aus Wowtschansk von einer "verbesserten Lage". Russische Verluste seien stark gestiegen; gleichwohl hätten die Russen wegen ihrer "numerischen Überlegenheit die Initiative".

Nur eine Frage von Monaten

Dem Washingtoner Institut für Kriegsstudien (ISW) zufolge deuten russische Aktionen wie das Zerstören wichtiger Brücken darauf hin, dass das russische Militär zumindest jetzt noch keinen Vorstoß auf Charkiw selbst plant, sondern zunächst nur eine bis zu zehn Kilometer tiefe "Pufferzone" an der Grenze auf ukrainischem Gebiet erobern will. Rusi-Analyst Watling indes hält sowohl ein russisches Vorrücken auf Charkiw wie die Ausweitung der russischen Offensive weiter südlich im Donbass in Richtung der ukrainischen Garnisonsstädte Kostjantyniwka und Kramatorsk nur für eine Frage von Monaten.

Auch an der Front im Süden der Ukraine werde Russland in die Offensive gehen und womöglich die Stadt Saporischschja bedrohen. Nur wenn die westlichen Alliierten der Ukraine ihre Rüstungsindustrien hochführen, Kiew deutlich mehr Munition und Luftabwehr und beim Training neuer Soldaten helfe, könne Moskaus kommende Sommeroffensive scheitern und die Ukraine Luft schöpfen, um später selbst wieder die Initiative zu ergreifen.

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