Foto: Dominik Butzmann
sueddeutsche.de: Sie haben in Ihrer Amtszeit als Bundespräsident die Parteien und die Parteichefs heftig kritisiert. Sie haben von Machtversessenheit gesprochen. Sind Sie heute positiver gestimmt?
von Weizsäcker: Damals wurden Machtkämpfe anders exerziert. Damals dienten Machtkämpfe zunächst der Machtübernahme innerhalb der eigenen Partei. Die Partei war die Politik- und Machtquelle, welche dann die Machtversessenheit speiste.
sueddeutsche.de: Sie reden von Helmut Kohl und der CDU.
von Weizsäcker: Ich rede nicht von Personen, sondern ganz allgemein von Machtversessenheit. Wenn einer im Zuge seiner Machtversessenheit die Macht hat, dann schließt das ja noch nicht aus, dass er dann den rechten Gebrauch von der Macht macht. In einem Fünf-Parteien-Land wie heute hat aber die alte Machtversessenheit keine Basis mehr.
sueddeutsche.de: Aus dem alten Drei-Parteien-System ist ein Fünf-Parteien-System geworden. Haben Sie Angst vor Weimarer Verhältnissen?
von Weizsäcker: Nein, ich glaube nicht, dass wir in eine Parteiverdrossenheit hineinwachsen. Das Interesse an Politik nimmt nicht ab, es steigt. Wenn das Angebot der Parteien nicht auf Anhieb überzeugt, ist das normal.
sueddeutsche.de: Sie sprechen davon, dass es heute viel schwieriger sei, Politik zu machen als früher. Angenommen, Sie wären ein junger Mann, würden Sie heute in die Politik gehen?
von Weizsäcker: Hören Sie mal: Ich habe mein 90. Lebensjahr begonnen. Solche Fragen kann ich wirklich nicht beantworten. Als der Krieg anfing, war ich 19 und als der Krieg zu Ende war und ich halbwegs heil wieder nach Hause gekommen bin, war ich 25. Als ich zum ersten Mal Konrad Adenauer vorgestellt wurde, hat der nette Fragen gestellt und gesagt: 'Also jetzt gründen Sie mal Ihre Familie und bilden sich gut aus. In der Politik brauchen wir Sie nicht.' Und das galt nicht speziell mir, da standen ein paar junge Leute herum, das galt den Leuten meiner Generation.
Die Generation Adenauer, es war die Weimarer Generation, sagte sich Folgendes: "Ja, wir haben schwere Erfahrungen hinter uns, wir haben auch selber schwere Fehler in der Vergangenheit gemacht, aber daraus haben wir gelernt. Wir sind jetzt ordnungsgemäß berufen, die Sache zu machen. Und wir machen sie jetzt." Sie hatten keine Lust, die jungen Leute aufzufordern, aktiv mitzumachen. Wir dagegen wollten nicht einfach unter dieser Autorität immer älter und dann schließlich ganz alt werden.
sueddeutsche.de: Dieses gerontokratische Element war ja auch Auslöser für die Bewegung von 68.
von Weizsäcker: Die Vergangenheitsbewältigung, oder besser: Vergangenheitsbeschäftigung fing schon vor 1968 an. Dann haben die 68er zwar das Thema aufgerufen, aber am Ende selbst nicht sehr vertieft. Aber etwas zur Bürgergesellschaft haben sie natürlich auch beigetragen. Man musste nicht unbedingt vom "Muff von tausend Jahren" reden, wie die 68er das getan haben, aber diese Autoritätsglocke, die auf dem Land und seiner Politik lag, die hing schon auch mit alten Politikern und Professoren zusammen. Und ich finde, dass es heute leichter ist, sich wirklich zu beteiligen an der Politik. Wir haben ja keine Weimarianer mehr...
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In diesem Artikel:
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- Karl-Heinz Kurras - Zweite Stasi-Akte
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