Von Harald Eggebrecht

Wer dieses Gewehr anlegt, der wird nicht nur das Weiße im Auge des Feindes im Visier haben, sondern vor dem werden sofort auch die Felsendome des Monument Valley aufwachsen, er wird das herannahende Dröhnen der Büffelherden hören, bevor er die gewaltige Staubwolke sieht, die sie aufwirbeln.

»Es wird ein Stutzen, ein Repetierstutzen mit fünfundzwanzig Schüssen.«

Er wird den Stetson tiefer in die Stirn ziehen, wenn er den Viehdieben auflauert, die seine Rinder in einen versteckten Canyon treiben, und er wird genauer zielen, wenn es zum tödlichen Schuss kommt. Und am Abend, wenn er sich nach getaner Tat auf sein braves Quarter Horse schwingt, versenkt er seine Winchester im Sattelfutteral, tippt noch einmal zum Abschied leicht an die Krempe seines Fünf-Gallonen-Hutes und wendet sein Pferd dem Sonnenuntergang zu . . . ¸¸I"m a lonesome Cowboy", summt es dann aus Lucky Luke.

Henry auf sächsisch...

Diese Langwaffe gehört zu den ¸¸berühmtesten Gewehren des Wilden Westens", auch wenn deren Erfinder wiederum ein Sachse aus dem erzgebirgischen Hohenstein-Ernstthal war namens Karl May. Der ließ sich, als er noch ein ausgewandertes ¸¸Greenhorn" in Amerika war, von einem ¸¸Gunsmith" namens Henry zwei Gewehre geben, eine sehr schwere Büchse, die er ¸¸Bärentöter" nannte, und eines, das den Namen seines Erfinders Henry trug: ¸¸Es wird ein Stutzen, ein Repetierstutzen mit fünfundzwanzig Schüssen." So verrät es der alte Henry seinem jungen Freund aus Germany.

Der will es erst nicht glauben, aber Henry erklärt das sensationelle Prinzip: ¸¸Dieses Eisen wird eine Kugel, welche sich exzentrisch bewegt; fünfundzwanzig Löcher darin enthalten ebenso viele Patronen. Bei jedem Schusse rückt die Kugel weiter, die nächste Patrone vor den Lauf."

Nun, diesen waffenbautechnisch unmöglichen Henry-Stutzen gibt es eigentlich nur in den imaginären ¸¸dark and bloody grounds" des sächsischen Phantasten May, der sich als Old Shatterhand in die Unsterblichkeit nicht nur an den Lagerfeuern dieses sehr literarischen Wilden Westens, sondern auch in den heißen Köpfen seiner Leser träumte.

Seine Einbildungskraft war so groß, dass sich die Waffenwunder Henry-Stutzen und Bärentöter - und auch Winnetous Silberbüchse - schließlich tatsächlich materialisierten: Karl May ließ seine Phantasiegewehre bauen. Sie sind nicht schussfähig, aber sie liegen in existenter Gestalt im Karl-May-Museum in Radebeul, als gäbe es sie wirklich.

...und amerikanisch

Die Winchester aber existiert und hat existiert, schussfähig und handfest, längst bevor sie zum Mythos wurde im, nach der Legende, heroischen Prozess der Eroberung des Wilden Westens. Und es gibt auch eine echte Stelle, an der sich Karl Mays Imagination und die amerikanische Geschichte kreuzen: Benjamin Tyler Henry hieß der begabte Konstrukteur, der jenes Repetiergewehr mit Unterhebelmechanik entwickelte, als dessen Vollendung die Winchester gilt, die die ganze Welt in den Händen von John Wayne oder James Stewart oder anderer Westerner erwartete, wenn sie sich aufs Pferd schwangen oder die Hauptstraße von Old Tucson entlang schritten oder Indianerhäuptlingen gegenübertraten oder Banditen aus ihren Schlupflöchern trieben.

Eines von tausend

Kein Western also, in dem nicht eine Winchester in Anschlag gebracht wird, dieses Gewehr, das den Helden im Schatten ihrer Sombreros eine ähnlich traumhafte Treffsicherheit verleiht wie sie der Bogen von Robin Hood besitzt, wenn Douglas Fairbanks oder Errol Flynn die Sehne spannt. Die Meldung, dass die Firma Winchester / U.S. Repeating Arms (USRAC) ihre Repetierreihen 70, 1894 und 1300 einstellen und das 1994 errichtete Werk in New Haven Ende März geschlossen wird, wirkt da wie ein Erdbeben und eine Götterdämmerung.

Doch erstens sind die Kinowesterner alle in den Ewigen Jagdgründen, von denen sie jederzeit wiederkehren können so wunderbar wie eh und je, wenn sie etwa in ¸¸Rio Bravo" von Howard Hawks auf Leinwand oder Bildschirm ihr Leben beginnen; zweitens ist in der Realität der Mythos lange schon verblasst. Winchester ist nämlich keineswegs mehr amerikanisch bis an das Herz hinan, sozusagen Weltkulturerbe von ¸¸How the West was won".

Die Rechte am Namen besitzt heute die Olin Corporation, die 1981 der USRAC die Lizenzrechte verlieh. Zehn Jahre später kamen die japanischen (!) Miroku-Werke dazu, die auf diese Weise auch schon Waffen der berühmten Firma Browning bauten. Browning und USRAC waren aber bis 1997 in den Händen des französischen Staatskonzerns GIAT. Den löste als Besitzer die Herstal Group aus Belgien ab. Vor allem die in Europa gefertigten Winchester gehen so gut, dass die Herstellung auf dem Alten Kontinent ausgeweitet werden kann.

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