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Die Rache des Kulturministers
Kai Diekmann: Buch über 68er
23.10.2007, 12:00
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Auf Schirrmachers Spuren: Auch der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung hat sich nun auf 240 Seiten Gedanken über die Zukunft der Deutschen gemacht. Neben dem Autor der SPD-Spitzenkandidat für Hamburg, Michael Naumann, der das Buch mit Diekmann vorstellen wird. (Foto: dpa)
Es sollte natürlich auf ihn zurückstrahlen, auf den großen Chef der Bild-Zeitung. Dass Kai Diekmann tatsächlich die Größe besessen hat, seinen schärfsten Kritiker als Laudator einzuladen, um sein Buch vorzustellen. Das sollte alles andere sein als "Der große Selbstbetrug", wie Diekmanns Buch heißt, das im ehrwürdigen Piper-Verlag erschienen ist.
An anderer Stelle würde man vielleicht schreiben: Diekmann will einen Beitrag zum 68er-Diskurs leisten. Oder: Es handelt sich um eine kritische Betrachtung der Generation 68. Ist es aber nicht. Dieses Buch ist eine Abrechnung mit den Protestlern und Demonstranten von damals. Und Michael Naumann ist auf Diekmanns Einladung hin gekommen, um Rache zu nehmen in seiner Laudatio.
Man muss wissen: Das Verhältnis zwischen Bild und Naumann, dem ehemaligen Zeit-Herausgeber und Kulturstaatsminister, der jetzt als Spitzenkandidat der Hamburger SPD zur Bürgerschaftswahl 2008 antritt, ist weit unter dem angesiedelt, was man gemeinhin noch als respektvoll bezeichnen würde. Naumann hat es mal als gegenseitige "nackte Verachtung" charakterisiert. In seiner Zeit-Kolumne hat er Bild bereits 2004 als das "Geschlechtsteil der deutschen Massenmedien" beschrieben.
Er hat davon in diesen Tagen nicht viel zurückzunehmen. Was auch damit zu tun haben kann, dass es die Bild-Zeitung geschafft hat, den hanseatischen Spitzenkandidaten der SPD in acht Monaten kaum einmal namentlich zu erwähnen.
Aber Naumann hat die Einladung tatsächlich angenommen, Diekmanns Buch im Berliner Edelrestaurant "Sale e Tabacchi" vorzustellen - oder sagen wir, seine sehr spezielle Sicht auf das Buch darzulegen.
Der Chefredakteur, der zum Buchautor wurde, hat den Ort wohl gewählt. Das Lokal ist im Erdgeschoss der taz untergebracht, jener "einzig ernstzunehmenden Boulevardzeitung" neben der Bild, wie Diekmann versichert.
Die taz sitzt neuerdings auch nicht mehr in der Kochstraße. Dank einer taz-Kampagne wurde sie nach dem Studentenführer der 68er in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Noch ein Grund, an diesem Abend hierherzukommen.
Der Verlag hat die Buchpräsentation als Toskana-Abend angekündigt. Wie Diekmann sagt, als Hinweis auf die Toskana-Fraktion der SPD, angeführt von Alt-Kanzler Gerhard Schröder. Auf den Stehtischen sind - ganz toskanisch -angeordnet: Rote Kerzenlichter, Prosecco als Aperitif, italienischer Wein, Antipasti.
Wenn sich Diekmann in diese selbstgebastelte Höhle des Löwen gewagt hat, dann ist Naumann an diesem Abend der Löwe, dazu auserkoren, den gegelten Eindringling intellektuell zu zerfleischen.
Kai Diekmann, rosa Hemd unter dem schwarzen Sakko, tritt ans Mikrofon. Links hinter ihm steht Naumann, den Unterarm auf den Tisch mit den Freiexemplaren des Buches gestützt, und beäugt den Mann, den er wohl am liebsten aus der journalistischen Landschaft verbannen lassen würde.
Die Gästezahl ist überschaubar. Es sind keine 50 an der Zahl, aber es handelt sich durchaus um eine illustre Mischung. Diekmanns Frau Katja Kessler im Smalltalk mit der Frühstücksfernsehen-Figur Cherno Jobatey, der Plakatkünstler und Alt-Linke Klaus Staeck im Gespräch mit Schröders Regierungssprecher und Ex-Bild-Mann Bela Anda. Mit dabei auch die führenden freien Mitarbeiter der Bild: Georg Gafron und Hugo Müller-Vogg sowie der Chef-Briefeschreiber Franz-Josef Wagner.
Diekmann hebt an zur Abrechnung. Völlig steif vor Gel, das Entenschwänzchen dort, wo andere Männer ehrlicherweise einen Zopf tragen würden. Er liest das Schlusskapitel seines Buches: "Lob der Achtundsechziger". Ein Kapitel einfachster Wahrheiten. Politisch, resümiert er da, seien die 68er "komplett gescheitert". Ästhetisch seien sie ebensowenig ein Gewinn gewesen. Nackte Glühbirnen, ein paar Poster an den Wänden, "häusliche Selbstdarstellung als Kombination von Flohmarkt und Einzelzelle".
Auf der nächsten Seite: Naumanns Replik auf Diekmanns Thesen.
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![]() 29.11.2007 18:47:25 Man kann Kai Dieckmann kritisieren - Angriffsflaechen bietet er wahrlich genug. Aber es ist nicht ok, den Inhalt seines Buches ueber eine Diffamierung seiner persoenlichen Schwaechen "herunter" zu interpretieren. Ich habe das Gefuehl, dass der Autor des Artikels genau das vor hatte. Inhaltlich-faktisch hat Kai Dieckmann in seinem Buch sicherlich in vielem Recht. So unbequem das fuer viele 68er vielleicht sein mag. Aber die ehemaligen APO Kollegen waren ja immer schon die Meister im Kritisieren anderer - und hielten sich selbst fuer unfehlbar. Liest eigentlich jemand vom "Spiegel" hier mit? Ein boeser Schelm wer dabei Parallelen zu politischen Radikalen vom anderen Ende des Spektrums sieht... Kai Dieckmann hat sich, so scheint es, vom Abnicker Kohl'scher Hanswurst-Politik zu einem Agent Provocateur entwickelt - ich persoenlich danke ihm dafuer, weil er so mehr Bewegung in die deutsche Szene bringt - und unterhaltsam ist es allemal. Immerhin sind hier schon 18 Kommentarseiten entstanden, so viel Traffic muss erstmal jemand lostreten. ![]()
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