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Reiseführer Polen:Auftakt

MARCO POLO Koautorin Izabella Gawin

Entdecken Sie Polen!

Wenn der Zug über die Oderbrücke in Richtung Osten rattert, vorbei an prächtigen Wiesen ohne Zäune und asphaltierte Zufahrten, vorbei an Wäldern, in denen die Bäume nicht in Reih und Glied stehen, und wenn die schöne, wilde Flusslandschaft der Oder mit ihren verschlungenen Nebenarmen und Sümpfen kein Ende zu nehmen scheint, dann ahnt man es schon: Man ist in einem weiten, zum Teil noch ungezähmten Land.

Und in der Tat, Polen ist groß. Mit fast 313000 km2 ist es fast so groß wie Deutschland, und mit 38,5 Mio. Einwohnern, das sind 123 pro Quadratkilometer, relativ dünn besiedelt. Dabei gibt es auffallende regionale Unterschiede: Ganze Landstriche scheinen unberührt und menschenleer zu sein, wie zum Beispiel in Masuren. In den industriellen Ballungszentren und Großstädten dagegen leben bis zu 500 Menschen auf einem Quadratkilometer. Unterschiedlich prägt auch die Natur die Lebensumstände der Polen. Das Land bietet eine große Vielfalt an Landschaften: im Norden die Küste mit traumhaften Ostseestränden, daran anschließend die unzähligen Seen und die reichen Wälder der Kaschubischen Schweiz und Masurens, noch weiter südlich folgen die Tiefebenen Großpolens und Masowiens und schließlich - an der südlichen Grenze - der Berggürtel der Sudeten und Karpaten.

Nicht erst seit jährlich etwa 16 Mio. Touristen Polen besuchen, um die weitgehend intakte Natur und die einzigartigen Naturreservate zu bestaunen, ist den Polen bewusst, dass dieses Kapital schützenswert ist. Ein Netz von Reservaten, Landschaftsschutzgebieten und Nationalparks überzieht das ganze Land. Insgesamt soll künftig ein Fünftel des Staatsgebietes unter Naturschutz stehen, das ist doppelt so viel wie in Deutschland. Der Umweltschutz hat stark durch die von der EU zur Verfügung gestellten Mittel profitiert, mit denen vielerorts Kläranlagen, Recyclingsysteme und Elektrofilter angeschafft wurden.

Polen ist ein Land im Aufbruch. Viele Besucher sind von dem greifbaren Aufschwung des modernen Polen überrascht und fasziniert. Überall wird gebaut. In den Vorstädten prägen große Fabriken und viele mittlere und kleinere Betriebe das Bild. Im Speckgürtel der Städte bauen die Gewinner des Wirtschaftswachstums ihre Villen. Typisch ist der zum Teil geschmacklich noch unsichere Baustil mit unzähligen Türmchen, Bögen und kauernden Gipslöwen hinter wehrhaften Umzäunungen. In parkähnlichen Landschaften entstehen neue Wohngebiete, die mit einer guten Infrastruktur ausgestattet sind. In den Stadtzentren machen Prestigeobjekte mit moderner Architektur aus Stahl und Glas einander Konkurrenz.

Die großen Städte sind voller Leben: Ungezählte Cafés und Kneipen säumen die Fußgängerzonen. Geschäfte mit wohlbekannten internationalen Marken wetteifern mit einheimischen Mode- und Designgeschäften um die Gunst der Kunden. Infotafeln mit Werbung für Sprachschulen, Verwaltungs- und Wirtschaftskurse pflastern die Fassaden. Die Zeitungen sind voll mit Inseraten von Internet- und Baufirmen sowie anderen Dienstleistungsunternehmen. Auf den Straßen sind viele junge Menschen zu sehen - Polen ist jung, ein Drittel der Einwohner Warschaus zum Beispiel ist jünger als 24 Jahre.

Auch der Wiederaufbau der historischen Sehenswürdigkeiten, ja, ganzer Städte aus den Nachkriegsruinen übertrifft so manche Erwartung. Wunderschön und liebevoll restauriert verzaubern sie mit einer unvergleichlichen Atmosphäre. Dass ein nicht gerade mit Reichtum gesegnetes Land wie Polen so viele Mittel für diese Dinge bereitstellt, liegt an dem besonderen Stellenwert, den die Kultur in Polen einnimmt. Fremdherrschaft und Unterdrückung haben gezeigt, wie unverzichtbar diese materiellen und immateriellen Geschichtszeugen für die Bewahrung der nationalen Identität des polnischen Volkes sind.

Im Alltag ist die Geschichte präsent, aber was die Menschen vor allem interessiert, ist das Hier und Jetzt - und eine Perspektive für morgen. Umfragen zufolge wünschen sich junge Polen "ein ganz normales Land", ohne den ständigen Blick auf die Helden, Kämpfer und Märtyrer früherer Generationen. Die meisten kennen den Real Existierenden Sozialismus und seine Auflösung, den "polnischen Papst" sowie die Gewerkschaft Solidarność nur noch vom Hörensagen. Was sie heute erleben, ist ein gespaltenes Land. Auf der einen Seite stehen die Patrioten von Kaczyńskis Partei "Recht und Gerechtigkeit", die "westlicher Dekadenz" den Kampf ansagen. Homosexuellen-Ehe, Abtreibung und weibliche Priester sind ihnen ebenso ein Gräuel wie Multikulturalismus und "Konsumterror". Ihr Ideal ist das eines rein polnischen, katholischen Staates, in dem der Papst den Ton angibt, das Vierte Gebot gilt ("Du sollst Vater und Mutter ehren") und Polens historische Opferrolle nicht hinterfragt wird. Auf der anderen Seite stehen die Modernisierer, meist aufgeklärt-liberale Städter, die sich vielfach in der Palikot-Bewegung aufgehoben fühlen. Diese Partei räumte aus dem Stand überraschend viele Stimmen ab. Ihre Anhänger wollen es nicht hinnehmen, dass die katholische Kirche bis in ihr Intimleben hineinregiert. Doch auch dem Brüsseler Diktat wollen sie sich nicht unterwerfen, sondern haben eigene Vorstellung von sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit sowie von Meinungsfreiheit.

Trotz des beschleunigten Lebensrhythmus und der neuartigen Sorgen - Polens legendäre Gastfreundschaft ist geblieben. Viele Touristen sind von der Warmherzigkeit und Spontaneität ihrer Gastgeber eingenommen. Dazu kommen die vielfältigen Freizeitangebote des Landes: Reiten, Golf, Segeln, Skifahren oder Eissegeln. Gestresste Urlauber loben die Ruhe und Einfachheit des Landlebens, die wohltuenden Kuren und guten Wellnessanlagen. Naturfreaks schwärmen von Wölfen, Wisenten, Seeadlern und Bibern in den urwüchsigen Nationalparks. Für junge Menschen ist das Szeneangebot der Großstädte attraktiv, Familien loben die Kinderfreundlichkeit der Polen, Kulturinteressierte sind begeistert vom Reichtum der alten und der Avantgarde der modernen Kultur.

So manches, was bei einem oberflächlichen Blick auf Polen als einfach nur chaotisch eingeordnet wird, ist bei näherer Betrachtung spannend. Spannend ist die Brücke zwischen Tradition und Moderne, das Hin und Her zwischen den noch vorhandenen Spuren der Rückständigkeit und dem Fortschritt im Eiltempo. Spannend ist auch die Energie, mit der das Land auf seinem Weg in die Zukunft mehrere Stufen auf einmal nimmt. Wenn Sie sich als Besucher von der einzigartigen Natur und den wunderschönen Kulturdenkmälern verzaubern und vom Entwicklungstempo Polens beeindrucken lassen, dann nehmen Sie auch ein bisschen vom Geist dieses Landes und von der Warmherzigkeit Ihrer Nachbarn mit nach Hause.

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Izabella Gawin promovierte an der Universität Bremen in Kulturwissenschaften. Als freie Reise-Publizistin und Autorin veröffentlichte sie inzwischen mehr als ein Dutzend Bücher - bevorzugt über ihr Geburtsland Polen. Dort ist sie gern in den Großstädten unterwegs, zum Ausgleich aber auch in einsamer Natur, am liebsten in den urwüchsigen Waldkarpaten.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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