Marienplatz:Demonstration gegen Angriffe auf Politiker

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Auf dem Marienplatz protestieren am Feiertag Menschen gegen die jüngsten Angriffe auf Politikerinnen und Politiker in mehreren deutschen Städten. (Foto: Catherina Hess)

Die Attacken auf Franziska Giffey und Matthias Ecke haben bundesweit Entsetzen ausgelöst. Nun sind in München Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Gewalt zu protestieren. Auch zwei Stadträtinnen sind gekommen - und berichten von ihren Erfahrungen.

Von Sabine Buchwald

Nach den jüngsten Attacken auf deutsche Politikerinnen und Politiker haben drei Münchner Initiativen spontan zu einer Kundgebung aufgerufen. In weniger als 24 Stunden organisierten die Gruppen "Fridays for Future", "Gemeinsam gegen Rechts" und "EUre Wahl" eine Demonstration am Donnerstagvormittag auf dem Marienplatz. "Es ist eine Linie überschritten worden, diese Fälle sind jetzt der Anlass, auf die Straße zu gehen", sagte Ronja Hofmann, Sprecherin der drei Organisationen. "Es ist so wichtig, dass wir uns dagegen stemmen. Wir alle hier haben das Gefühl, etwas machen zu müssen."

Obwohl die Veranstaltung erst am späten Mittwochnachmittag angekündigt worden war, folgten etwa 250 Menschen friedlich dem Aufruf. In kurzen Auftritten erklärten die überwiegend jungen Vertreter der Organisationen ihre Haltung. Insbesondere die Sorge um Demokratie und den Verlust von freiheitlichen Rechten wurde immer wieder angesprochen. Mehrfach gefordert wurde, Vertreter rechter Parteien nicht mehr in Talkshows einzuladen, ihnen möglichst wenig Gelegenheit zu geben, sich öffentlich zu profilieren. Die Sprüche der AfD-Vertreter dürften keine Gewohnheit werden. Wie könne es sein, dass die Rechten den Diskurs mitprägten, fragte der Redner von "Fridays for Future".

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"Dass ich hier bin, ist ein Statement gegen die AfD", sagte ein junger Mann in buntem T-Shirt vor dem Podium auf Nachfrage. Er wolle nicht erleben, was seine Großeltern erlebt hätten. Kreativ, aber wenig provozierend fielen die Sprüche auf den Plakaten aus: "Menschlichkeit gegen Rechts", forderte ein junger Mann, "Hasen statt Hassen", eine Mitdemonstrantin.

Die Münchner Stadträtinnen Anne Hübner (SPD, links) und Mona Fuchs (Die Grünen). (Foto: Catherina Hess)

Als Vertreter aus dem Stadtrat sprachen Anne Hübner (SPD) und Mona Fuchs (Die Grünen). Laut Bündnis-Sprecherin Hofmann seien sie bewusst angefragt worden, weil sie den beiden Parteien angehören, deren Politiker zuletzt besonders angegriffen wurden. Solidarisch stellten sich Hübner und Fuchs zusammen auf das Podium. "Wir stehen hier, weil wir Demokraten sind. Und damit München eine Stadt bleibt, in der sich jeder sicher fühlen kann", sagte Hübner. Sie selbst sei in Finsterwalde in Brandenburg geboren und in Dresden aufgewachsen. Mit Blick in Richtung ihrer alten Heimat verlangte sie: "Wir dürfen Rechtsextremismus nicht als ostdeutsches Problem abtun." Fuchs ergänzte: "Wir müssen jeden Tag aktiv für unsere Demokratie kämpfen." Die Kaskade von Angriffen erinnere sie an eine dunkle Zeit in Deutschland, an die Übergriffe auf SPD-Politiker in den Dreißigerjahren.

Auch Benedict Lang, frisch gewählter Vorsitzender der bayerischen Jusos, erklärte sich solidarisch mit den Politikern in Ostdeutschland: "Wir haben die Genossen im Osten viel zu lange allein gelassen." Der Kampf gegen rechts sei "unser aller gemeinsamer".

Abseits des Rednerpults antwortete die Grünen-Stadträtin Fuchs auf die Frage, ob sie zunehmend Angst bekomme, als Politikerin aufzutreten: "Angst nein, Sorge ja." Es werde leider ungemütlicher. Sie bekomme viele E-Mails, bei denen sie sich überlege: "Zeige ich das jetzt an?" Für die Statistik wäre es gut, aber die Zeit habe sie nicht. Auch Hübner sorgt sich nur wenig um ihre eigene Sicherheit, vielmehr hingegen um die von Menschen jüdischen Glaubens oder dunkler Hautfarbe. Einig waren sich beide, dass es klare Signale an die Bevölkerung brauche, dass man als Politiker zusammenstehe, dass man sich nicht in Grabenkämpfen verliere, dass man eine Brandmauer gegen rechts bilde. "Wir haben diese Brandmauer im Münchner Stadtrat", so Fuchs. Niemand reagiere auf die Anträge der "Faschisten" von der AfD.

Stellvertretende Vorsitzende der SPD in Sendling und Integrationsbeauftragte des dortigen Bezirksausschusses, Dilek Bilenler. (Foto: Catherina Hess)

Anders als Hübner und Fuchs hat die Integrationsbeauftragte des Sendlinger Bezirksausschusses, Dilek Bilenler, durchaus Provokation auf offener Straße erlebt und schreckte nicht davor zurück, den Vorfall der Polizei zu melden. Beim Plakatieren am Harras sei ein bekennender AfD-Anhänger mit Hitlergruß auf sie zugekommen. Erschreckt habe sie, dass später eine Beamtin auf der Polizeistation zu ihr gesagt habe: "Sie wissen, das ist eine Anzeige gegen unbekannt." Man habe sie eigentlich davon abbringen wollen, Anzeige zu erstatten - so berichtet es Bilenler. Sie findet, dass man solche Vorfälle nicht stillschweigend hinnehmen dürfe. So sei es für sie auch eine Selbstverständlichkeit gewesen, ihre Feiertagspläne zu verschieben und auf den Marienplatz zu kommen. "Wir müssen die Mittel einsetzen, die wir haben: politisch dagegenhalten und auf Demos gehen."

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