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Radwege:Kommt in die Gänge!

Bild in neuer Seite öffnenNeue Fahrradstraße in Friedrichshain, Eine Fahrradstraße von der Palisadenstraße Weidenweg zur Rigaer Straße wurde eing

Radeln in der Großstadt: Eine weitere Fahrradstraße in Berlin, hier in Friedrichshain, ist eingerichtet.

(Foto: Andreas Friedrichs /imago images)

Verkehrsminister Scheuer verspricht den Deutschen ein lückenloses Radnetz bis 2030. Doch wenn die Regierung so weitermacht, ist das Land davon Jahrzehnte entfernt. Es hilft nichts: Den Autos muss Platz genommen werden.

Kommentar von Markus Balser

Wer im Morgenverkehr über Berlins Straßen, über Hauptverkehrsachsen in München oder Hamburg radelt, der spürt den wachsenden Autoverkehr buchstäblich hautnah. Die Mobilität der Deutschen nimmt trotz Corona-Einschränkungen zu. Längst rollen Morgen für Morgen wieder Blechlawinen in die Innenstädte. Für Radfahrer gehen die Zeiten freier Straßen und eines sicheren Fahrgefühls zu Ende: Es wird wieder enger - und oft deutlich gefährlicher.

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Der Fahrradverkehr hat in den vergangenen Jahren bereits enorm zugelegt. In der Pandemie bekam er einen zusätzlichen Schub, auch durch den Boom bei E-Bikes. Doch die Verkehrspolitik hat die Chance leerer Straßen leichtfertig verspielt. Die Radwege-Infrastruktur hält mit dem wachsenden Bedarf längst nicht mehr Schritt. Wenn nun immer mehr Pendler das Home-Office verlassen, die Büros in den Innenstädten wieder voller werden, kehrt der Kampf um den knappen Platz in den Städten mit voller Wucht zurück. Und damit auch der Gesellschaftsstreit um die künftige Mobilität.

Denn bis heute dominiert in der Verkehrsplanung vielerorts das überholte Ideal der "autogerechten Stadt". Dabei hat die ihr Kernversprechen längst gebrochen, mehr Bewegungsfreiheit in den Metropolen zu schaffen. Die Realität sind Staus, Lärm und schlechte Luft. Um die Radwege-Infrastruktur steht es dagegen beschämend schlecht. An den meisten Bundes-, Land- und Kreisstraßen fehlen sie noch immer vollends. In den Städten dürfen Radler sich schon glücklich schätzen, wenn ihnen auf den Autospuren schmale Streifen eine Existenzberechtigung einräumen. Auf den meisten Magistralen haben die Autos das Sagen, der Rest kann sehen, wo er bleibt.

Es fehlt der Mut, den Platz in den Städten neu zu verteilen

Nun will Andreas Scheuer den Deutschen weismachen, die Lösung sei nah. Deutschland werde bis 2030 zur Radnation. So sagte es der Bundesverkehrsminister am Dienstag auf dem Nationalen Radverkehrskongress in Hamburg und kündigte gleich auch noch ein "lückenloses Radnetz" an. Die Wahrheit ist: Davon ist Deutschland nicht etwa neun Jahre, sondern Jahrzehnte entfernt. Denn es wird in den kommenden Jahren nicht nur an Geld fehlen - gerade mal bis 2023 ist mehr Geld für den Radverkehr sicher. Vor allem fehlt es an Mut, den knappen Platz neu zu verteilen. Es reicht längst nicht mehr aus, Fahrradsymbole auf die Straßen zu malen oder Autofahrer nur daran zu hindern, Radwege zu Parkplätzen umzufunktionieren. Es müsste längst darum gehen, dem Autoverkehr Platz zu nehmen. Das allerdings wagte bisher kein Verkehrsminister im Autoland Deutschland.

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Paris und Brüssel machen es vor, wie es geht

Viele Städte, zum Beispiel Paris oder Brüssel, haben gezeigt, dass es geht. Sie haben Mobilität neu geplant, haben etwa Straßenspuren umgewidmet oder neue Radwege ausgewiesen. In deutschen Großstädten fand sich auch manche Idee. Doch viele waren nur als Provisorium gedacht. Pop-up-Radwege sind vielerorts schon wieder verschwunden. Schuld daran ist auch ein Engpass in der Verwaltung. Um Straßen kümmern sich in Städten, Ländern und dem Bund riesige Verwaltungseinheiten, um den Radverkehr nur wenige Experten.

Viele Deutsche wollen umsteigen. Sie wollen aufs Rad. Nun muss die Politik in die Gänge kommen und eine fahrradfreundliche Infrastruktur schaffen. Der dringend nötige klimafreundliche Umbau der Städte setzt breitere und sichere Radwege voraus. Große Versprechen sind zu wenig. Der Radverkehr in Deutschland braucht endlich eine zupackende Politik.

© SZ/kus/kast