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Zeitgeschichte Kanzlers Werke, Kanzlers Irrwege

Helmut Schmidt genoss hohes Ansehen. Zwei sehr unterschiedliche Biografien von Kristina Spohr und Thomas Karlauf beleuchten Denken und Wirken des Politikers.
Von Ralf Husemann

War Helmut Schmidt nur eine "Übergangsfigur", wie sein Freund Henry Kissinger einmal meinte, oder gehört er als einer von wenigen in die "Ruhmeshalle deutscher Kanzler", wie die Historikerin Kristina Spohr in einem Interview schwärmte? Die Wahrheit liegt vermutlich, wie so oft, irgendwo dazwischen. Der zweite sozialdemokratische Kanzler der Republik meinte auf jeden Fall, seine eigene Bedeutung selbst richtig einschätzen zu können. Spohr zitiert einen ungenannten Parteifreund mit dem schönen Satz: "Er ist die meiste Zeit überzeugt davon, die einzige wahre Führungsgestalt in der westlichen Welt zu sein."

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Dieser Einschätzung schließt sich die deutsch-finnische Autorin weitgehend an. Kristina Spohr, 43-jährige Professorin an der Londoner School of Economics - derzeit macht sie ein zweijähriges Sabbatical - verbirgt ihre Bewunderung nicht. Das geht schon mit dem Titel "Der Weltkanzler" los, der vermutlich selbst Schmidt eine Spur zu großartig gewesen wäre.

So viel positive Voreingenommenheit wäre eigentlich eher von Thomas Karlauf zu erwarten gewesen, der sich die "späten Jahre" Helmut Schmidts genauer angesehen hat, also die langen 33 Jahre nach Schmidts jähem Kanzlerende 1982 bis zu seinem Todesjahr 2015. Karlauf hat als Cheflektor des Siedler-Verlags fast alle Bücher Schmidts betreut und nach 1997 die Buchrechte des Ex-Kanzlers gegenüber den Verlagen vertreten. Prompt warnte ihn eine Freundin, wie er freimütig schreibt, er solle Schmidt nur ja nicht "zu einem Heiligen" machen. Und Karlauf räumte selbst seine Skrupel ein: "Die Vorstellung, den Mann, den ich verehrte, zu verletzen, belastete mich."

Herr Schmidt eröffnet die Buchmesse 1982. Seine Rede begann er mit den Worten: "Sie hatten hier den Bundeskanzler eingeladen, nun müssen Sie mit einem gewissen Herrn Schmidt vorliebnehmen." Helmut Schmidts Amtszeit war eine Woche zuvor abrupt beendet worden, da die FDP den Koalitionspartner gewechselt hatte.

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Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Karlauf bei aller Sympathie für seinen Protagonisten die für einen Historiker notwendige Distanz besser gelungen ist als Kristina Spohr: Die kann öfters ihre Hochachtung vor dem "Macher und Denker" ("wie kein anderer Staatslenker der 70er Jahre") kaum zügeln. Er sei "seiner Zeit voraus" gewesen, habe ein "ungewöhnliches Maß an Gedankentiefe und Reflexion" und "Merkmale echter Staatskunst" gezeigt, und so weiter und so fort. Auch Karlauf rutscht schon mal ein "der Chef" (ohne Anführungszeichen) durch, oder er nennt, ohne Ironie, ein Kapitel "Wege des Ruhms". Tatsächlich hatte Schmidt in den vergangenen Jahren in der deutschen Öffentlichkeit ein unglaublich hohes Ansehen, wobei seine immer weiter zurückliegende Kanzlerschaft mehr und mehr idealisiert wurde. Das war aber nicht immer so. Noch 2001 lag der Altkanzler bei einer Umfrage hinter Günther Jauch, Gerhard Schröder, Thomas Gottschalk und anderen auf Platz 10, knapp vor Verona Feldbusch. Schmidt dazu: "Armes Deutschland."

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Karlauf scheut sich nicht, etwa Schmidts Buch "Die Deutschen und ihre Nachbarn" von 1990 als "merkwürdig blass" zu kritisieren. Im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, an die Schmidt bis fast zum Schluss nicht glauben wollte, habe ihm "eine klare Perspektive" gefehlt. Und er verschweigt auch nicht eine gewisse Missgunst, die Schmidt gegenüber offensichtlich erfolgreicheren Menschen an den Tag legte, wie dem charismatischen Willy Brandt, den er regelmäßig mit Spott übergoss oder dem kühnen Reformer Michail Gorbatschow, dem er die "teilweise würdelose Gorbi-Manie" vieler Deutschen neidete. Und um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Karlauf zitiert auch mutig Schmidt, als der davor warnt, dass Deutschland "von Flüchtlingen überschwemmt" werde. Der rechtsradikalen DVU musste Schmidt verbieten lassen, Zitate von ihm im Wahlkampf zu verwenden.

Dergleichen kritischer Abstand ist bei Spohr eher selten zu spüren, auch wenn sie einräumt, dass Schmidt "unerträglich" sein konnte, "wenn er in die Defensive geriet und seine intellektuelle Eitelkeit auf dem Spiel stand". Aber wenn sie konstatiert, dass Schmidt "nur wenig mehr als Verachtung für den unbekannten Farmer-Gouverneur" Jimmy Carter empfand, dann wird deutlich, dass sie mit der Einschätzung zumindest sympathisiert. Habe Carter doch durch den plötzlichen Stopp der geplanten Stationierung von Neutronenbomben in Deutschland Schmidt "persönlich gedemütigt".

Beiden Büchern muss attestiert werden, dass ihnen eine umfassende Archiv- und Forschungsarbeit zugrunde liegt, sowie persönliche Gespräche mit Schmidt noch relativ kurze Zeit vor seinem Tod. Die selbstbewusste Historikerin behauptet in ihrer Einleitung forsch: "Keine Veröffentlichung hat sich bisher zugleich mit der Wirtschaftspolitik und der Sicherheitspolitik des Kanzlers befasst und dabei den Blick darauf gerichtet, wie all dieses mit seinen innenpolitischen Problemen zusammenwirkte." Tatsächlich wäre es merkwürdig, wenn ein Schmidt-Biograf genau diese Punkte, Stichworte Ölkrise und Nato-Doppelbeschluss, und die hitzige Diskussion in den 70er-Jahren über diese Themen auslassen würde. Wichtiger ist Spohr denn auch, dass es Schmidt mit internationalen Kontakten, der Begründung der G-7-Gipfel und militärpolitischen Konzepten geschafft habe, dass Deutschland "auf der Weltbühne erwachsen wurde".

Ausführlicher behandelt Karlauf Schmidts achtjährige Zeit in der deutschen Wehrmacht, die den Kanzler sehr geprägt hat, wie er selbst immer wieder feststellte, egal, ob er nun vom "Scheißkrieg" sprach oder ahnungslos von sich gab, dass nur "eine Minderheit der Soldaten" an die Nazi-Ideologie geglaubt habe und die Armee weitgehend "ein anständiger Verein" geblieben sei. Karlauf: Offenbar reichte Schmidts "kritische Intelligenz nicht aus, den Charakter des Unrechtsregimes zu durchschauen". Ein harter Satz. Dagegen Spohr sehr viel allgemeiner: "Schmidt sollte stets in lebendiger Erinnerung behalten, was Krieg wirklich bedeutet, nämlich Schrecken, Zerstörung und Tod."

Dazu passt auch die Geschichte vom jüdischen Großvater Schmidts, ein Geheimnis, das ihm seine Mutter angeblich 1933 oder 1934 anvertraut hat und das ihn, wie er gerne erzählte, vor dem Nationalsozialismus "immunisiert" habe. Während Spohr nur kurz den Großvater als bloßes Faktum konstatiert, hakt Karlauf intensiver nach. Den jüdischen Großvater habe es zwar gegeben, Schmidts zwei Jahre jüngerer Bruder habe sich aber nicht vorstellen können, dass ihre Mutter diese gefährliche Information zu Beginn der Nazizeit erzählt habe. Und Schmidt habe sich auffallenderweise erst konkret 1978 nach dem Vorfahren erkundigt . . .

Nicht nur von Kristina Spohr wird als "Erfolgsgeschichte" Helmut Schmidts gerne die Durchsetzung des Nato-Doppelbeschlusses gefeiert. Doch tatsächlich wurde auf Druck der USA lange Zeit nur der erste Teil umgesetzt, der die Stationierung von neuen atomaren Mittelstrecken-Raketen ( Pershing II) und von Marschflugkörpern vor allem in Deutschland vorsah. Dagegen demonstrierten 1981 im Bonner Hofgarten 350 000 Menschen und eine halbe Million Menschen ein Jahr später in den Rheinauen. Und auf einem SPD-Sonderparteitag 1983 stimmten gerade noch 14 von 400 Genossen für die Raketenaufstellung. Diese Abstimmung verschweigt Spohr merkwürdigerweise - um Schmidts "Erfolgsgeschichte" nicht zu schmälern?

Tatsache ist, dass maßgeblich dieses Thema Schmidt, wie auch Spohr konstatiert, sein Amt gekostet hat. Es ließ aber vor allem den Kalten Krieg der Großmächte wieder entfachen und vergrößerte die Gefahr eines auf Mitteleuropa begrenzten Atomkrieges. Genau das, was Schmidt - Spohr unterstreicht das immer wieder - auf jeden Fall vermeiden wollte. Dazu zählt auch die von Schmidt ständig angemahnte Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Russen, die er diesmal locker hintanstellte. Als passionierter Schachspieler wollte er, dass die Nato in Europa mit der Sowjetunion "gleichziehen" müsse, nachdem diese begonnen hatte, neue SS-20-Mittelstrecken-Raketen zu stationieren. Das Problem war, dass die Pershing II nach einem Kurzflug von nur fünf Minuten auf sowjetischem Gebiet einschlagen konnte. Da die Mittelstreckenraketen der UdSSR die USA nicht erreichen konnten und die Großmächte den ganz großen Krieg vermeiden wollten, bestand die Gefahr, dass die Sowjets, um einem - von der Nato nie ausgeschlossenen Erstschlag - zuvorzukommen, ihrerseits ihre Raketen auf Mitteleuropa und vornehmlich auf Deutschland abfeuern könnten. Deutschland wäre ausgelöscht worden. Keine "Erfolgsgeschichte". Vor allem weil der zweite Teil des Doppelbeschlusses, die angepeilten Abrüstungsverhandlungen, die ursprünglich ja die Aufstellung der neuen Raketen verhindern sollten, auf den St.-Nimmerleins-Tag verschoben wurden. Erst im Dezember 1987 unterzeichneten Gorbatschow und Ronald Reagan den sogenannten INF-Vertrag, der den weltweiten Abbau aller atomaren Kurz- und Mittelstreckenraketen vorsah. Das ging weit über den einstigen Doppelbeschluss hinaus.

Auch wenn man den völlig neuen Schmidt nicht unbedingst in den Büchern von Karlauf und Spohr entdecken wird, lohnt sich für den zeitgeschichtlich interessierten Leser die Lektüre allemal. Bei Karlauf nicht zuletzt auch die ausführliche Darstellung von Schmidts Herausgeber-Ära bei der Wochenzeitung Die Zeit und bei Spohr die engagierte Beschreibung von Schmidts "intensiver und informeller Gipfeldiplomatie".

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