Von Konrad Fischer

Mit den Anti-China-Demonstrationen ist Tibets Flagge zum Symbol des Widerstands gegen die Pekinger Staatsgewalt geworden. Die Verkaufszahlen explodieren - die Herkunft der Fahnen ist ungewiss. Verdient hier die Volksrepublik mit?

Tibet-Proteste, APGrossbild

Fahne als Zeichen der Solidarität: Exil-Tibeter protestieren im indischen Mumbai (Bombay). (Foto: AP)

Tenzing Dorje Sherpa ist weit weg von Textilindustrie und Weltpolitik. In seinem Himalaya-Laden in der Münchner Schellingstraße verkauft der gebürtige Tibeter neben buddhistischer Literatur, Gebetsmühlen und Beruhigungstee auch ein paar Fahnen seines Heimatlandes. "Die habe ich direkt aus Nepal importiert", sagt Dorje Sherpa und verweist auf ein kleines Emblem auf der Rückseite der Fahnen. "Made in Nepal" steht da.

Das können wohl die wenigsten Fahnenträger von sich behaupten, die in diesen Tagen mit dem farbenprächtigen Symbol gegen die Unterdrückung der Tibeter protestieren - und Deutschlands Fahnenhändler einen unerwarteteten Boom der exotischen Flagge bescheren.

"Auf den meisten Fahnen findet sich gar keine Herkunftsbezeichnung", sagt Thomas Kreisel, Geschäftsführer der Karlsruher Fahnenfabrik. Er bezieht seine Fahnen vom Konstanzer Großhändler Promex, der wiederum angibt, seine Fahnen in Taiwan produzieren zu lassen. "Wir arbeiten dort seit Jahren mit den selben Partnern zusammen", versichert Promex-Geschäftsführer Andreas Saur.

Zwei Drittel produzieren in China

Das Geschäft mit den Solidaritätsprodukten reizt viele Fahnenfabriken. Die Hersteller des Nischenprodukts wittern das schnellverdiente Geld - und kennen dabei zum Teil keine Skrupel.

"40 Prozent der in Deutschland verkauften Fahnen werden in China produziert", erklärt Hartmut Koch, Eigentümer der Thüringer Fahnenfabrik in Erfurt. "Das sieht bei den Tibet-Fahnen nicht anders aus." Doch wo nichts draufsteht, lässt sich auch schwer etwas nachweisen. "Die schwarzen Schafe sind der Branche aber bekannt."

Unternehmer Koch, der ausschließlich in Deutschland produziert und zuletzt im Auftrag des Dalai Lama eine Reihe von Tibet-Fahnen anfertigte, verweist auf die bestehenden Lieferverträge vieler Fahnenfabriken. "Von den 146 Fahnenherstellern in Deutschland produzieren rund zwei Drittel in China." Besonders auf den Marktführer im deutschen Raum, die Frankfurter Fahnenfabrik, ist der Thüringer Koch nicht gut zu sprechen. Er greift direkt an. "Deren Fahnen stammen ausschließlich aus chinesischen Fabriken."

In Frankfurt will man sich zu diesen Vorwürfen nicht äußern. "Der Produktionsort variiert von Fahne zu Fahne", sagt ein Sprecher. Er weist darauf hin, dass die Anzahl der Produktionsaufträge für Tibet-Fahnen noch im einstelligen Bereich liege - über den Umfang der einzelnen Aufträge macht er keine Angaben.

Für eine Produktion in China spricht vor allem eines: der günstige Preis. "Die Produktion einer Standardfahne kostet in Deutschland gut zehn Euro, in China sind es 2,50 Euro", erläutert Experte Koch. Auch der Karlsruher Fahnenfabrikant Kreisel bestätigt: "Wer seine Tibet-Fahne für drei Euro kauft, der darf sich nicht wundern, wenn sie nicht aus Baden oder Thüringen kommt."

Auf die Herkunft der Fahnen achteten jedoch die wenigsten, erläutert ein Händler: Die meisten Protestierer schauten vor allem auf den Preis und nicht darauf, ob die Fahnen ausgerechnet in China gefertigt werden: "Ob sie dabei am Ende selbst die Stricke finanzieren, mit denen anderswo tibetische Mönche aufgeknüpft würden, ist ihnen egal."

Ende des Booms nicht abzusehen

Die deutschen Fahnenhändler haben lange gezögert, selbst die Produktion von Tibet-Fahnen aufzunehmen. "Wir haben keine Fahnen auf Lager und werden vorerst auch keine vorproduzieren", sagt Hartmut Koch von der Thüringer Fahnenfabrik. "Genauso schlagartig, wie die Nachfrage begonnen hat, kann sie auch wieder zu Ende sein."

In Bonn hat man es jetzt doch gewagt. Die Bonner Fahnenfabrik, eine der vier großen deutschen Fahnenfabriken, die am Standort produzieren, stellt einige hundert Fahnen auf Vorrat her.

Promex-Großhändler Saur hat sofort auf die Tibet-Demonstrationen reagiert. "Als das losging, haben wir die Fahnenproduktion gestartet." Innerhalb von zehn Tagen waren die ersten Flaggen da. "Bei unseren Partnern in Taiwan laufen die Maschinen rund um die Uhr - deshalb konnten wir so schnell auf die Nachfrage reagieren."

Inzwischen hat Saur weiteres Tibet-Merchandising in Auftrag gegeben. "Ansteckpins laufen schon gut, jetzt suchen wir nach einem Partner für Silikonarmbänder." Im Internet finden sich inzwischen neben T-Shirts mit der Aufschrift "Free Tibet" auch Aufkleber, bedruckte Umhängetaschen und Tibet-Buttons.

Ein Ende des Booms ist vorerst nicht abzusehen. Promex-Mann Saur fasst den Aufschwung eindrucksvoll in Worte. "Was früher unser Jahresgewinn mit Tibet-Fahnen war, verdienen wir jetzt in der Woche." Auch er hat Verträge mit chinesischen Produzenten, die bezögen sich jedoch nicht auf die Herstellung von Tibet-Fahnen. Wer etwas anderes behaupte, der verhalte sich "geschäftsschädigend", schiebt er verärgert hinterher. Es geht schließlich um einen "vier- bis fünfstelligen Betrag", den Promex pro Woche mit den Flaggen des Himalaya-Hochlandes verdient.

Vom Boom des Geschäfts hat auch Tensing Dorje Sherpa ein bisschen mitbekommen in seinem nach Räucherstäbchen duftenden Himalaya-Laden. "Ich habe einige Fahnen verkauft in den letzten Wochen", sagt er, "die meisten fragen aber nach T-Shirts." Damit kann er nicht dienen - und die Frage nach der Herkunft darf der preisbewusste Tibet-Symphatisant bei T-Shirts wohl erst gar nicht stellen.

(sueddeutsche.de/mel/jja)

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Leserkommentare (7)



25.04.2008 17:41:31

Vitis: Die Rüstungsindustrie...

... beliefert immer schon alle Zahlungswilligen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder politischer Intention. Menschenrechte werden natürlich wirksam "hinter der Tür" angemahnt.


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