Vogelfreie Frauen
"Ehrenmord" in Berlin
21.02.2005, 10:40
Es gibt einiges, das man an der jungen Türkin Hatin Sürücü sehr respektabel finden kann.
Die junge Berlinerin, die mit 16 Jahren gezwungen wurde, einen Cousin in Istanbul zu heiraten und ein Kind mit ihm bekam, hatte sich entschlossen, auf eigene Faust in ihre Heimatstadt Berlin zurückzukehren – ohne ihren Mann und auch nicht heim zu ihrer Familie. Denn sie wollte auf eigenen Füßen stehen.
Sie schaffte ihren Schulabschluss, kümmerte sich allein um ihren kleinen Sohn, schloss erfolgreich eine Lehre als Elektroinstallateurin ab. Hatin Sürücü war mit 23 Jahren eine Frau, auf die viele Berliner Familien ausgesprochen stolz wären.
Ihre eigene Familie aber fand Hatin Sürücü alles andere als respektabel. Am Abend des 7. Februar wurde die Frau an einer Bushaltestelle in Berlin hingerichtet. Mit mehreren Schüssen in den Kopf. Als Tatverdächtige nahm die Polizei drei ihrer Brüder fest. Sie waren offenbar geschickt worden, die „Ehre“ der Familie wiederherzustellen.
Hatin Sürücü ist die fünfte Frau, die in Berlin innerhalb weniger Monate von Mitgliedern der eigenen Familie getötet wurde. Immer wieder stachen in letzter Zeit türkische Männer auf der Straße ihre Ehefrauen nieder, weil diese sie verlassen hatten oder verlassen wollten – manchmal mussten die eigenen Kinder mit ansehen, wie der Vater zustach. Die Frauen starben, die Empörung war kurz.
Doch die Ermordung von Hatin Sürücü ist zum Politikum geworden, denn sie wirft tiefer gehende Fragen auf: Welche Werte gelten heutzutage in der deutschen Hauptstadt? Und wie können diese Werte vermittelt werden? Wenige Tage nach dem Mord erklärten in der nahe dem Tatort gelegenen Thomas-Morus-Oberschule mehrere Schüler, sie könnten die Brüder des Opfers durchaus verstehen.
„Die hat doch selber Schuld“, werden drei junge Türken zitiert: „Die Hure lief rum wie eine Deutsche.“ Schon zuvor hatte das Trio eine Mitschülerin massiv bedrängt, weil sie in der Schule kein Kopftuch trägt.
Verbale Attacken muslimischer Jungmänner sind Alltag in Berlin – doch diesmal verfasste der Direktor der Oberschule einen offenen Brief an die Eltern, in dem er „Hetze gegen die Freiheit“ beklagt. Dieser Brief löste eine Diskussion aus über ein Problem, das bisher als nebensächlich abgetan wurde.
Als zum Beispiel vor ein paar Jahren ein 16-Jähriger aus afghanischer Familie mithalf, seine Tante zu töten, weil diese sich weigerte, nach dem Tod ihres Mannes nach altem Brauch dessen Bruder zu heiraten, da gab es nur Kopfschütteln.
Jetzt aber wird auch vielen Politikern das Vakuum in Berlin bewusst, einer Stadt, in der Werte von Türken, Deutschen, Arabern und Polen, Iranern und Pakistanern oft heftig aufeinander prallen. Einer Stadt auch, in der das Christentum alles andere als ausgeprägt ist.
Jetzt wird in Berlin, wo es, anders als in den anderen Bundesländern, keinen verpflichtenden Religions- oder Ethikunterricht gibt, nach einer Schule gerufen, in der Werte vermittelt werden. Die Stadt, die das Fach Religion lange für altmodischen Firlefanz hielt, merkt plötzlich, dass die Basis für das Zusammenleben bröckelt.
Dass sich dort, wo die Werte der europäischen Aufklärung nicht mehr gelehrt werden, rasch anderes ausbreitet: krude Gedanken der germanischen „Volksgemeinschaft“ oder die archaische Gewalt des anatolischen Patriarchats.
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