Reisetipps Sardinien

Stichworte Sardinien

Autonomie

Graffiti längs der Schnellstraße: A foras sos Italianos - Italiener raus. Ganz so heiß wie auf der Nachbarinsel Korsika geht es nicht zu, der Frust über die Bevormundung durch Rom ist bisher gewaltlos geblieben. Es sprechen noch murales statt Bomben. Sie fordern das, was die Südtiroler genießen, nämlich Schul- und Kulturhoheit, Entscheidung über die Finanzen und das Recht auf die eigene Sprache. Die Regionalregierung in Cagliari konnte bei der Ansiedlung der großen, wenig umweltverträglichen Industrien ebenso wenig mitreden wie bei der Schaffung riesiger militärischer Sperrgebiete, die Sardinien zum mit Elektronik und Waffen vollgestopften „unsinkbaren Flugzeugträger“ gemacht haben. An einen (sicherlich nicht überlebensfähigen) Kleinstaat Sardinien denkt so gut wie niemand.

Hirten & Schafe

Hirten und ihre Herden prägen die Landschaft. Mit über 5 Mio. Schafen liegt Sardinien weit an der Spitze der italienischen Regionen. Aus der groben, kratzigen Wolle werden in den Bergdörfern Teppiche und Decken gewebt. Lammfleisch ist gefragt und bringt nach Käse den meisten Ertrag.

Vor der Motorisierung blieben die Hirten oft für Wochen draußen. Der Hirte muss Krankheiten heilen, Käse und Ricotta, eine Art Quark, herstellen. Auch heute wird ein guter Teil des Käses nicht in den Molkereien zubereitet, sondern in der Einöde.

Im Winter geht es dann in die Ebenen, wo die Herden in der Macchia weiden oder auf den Stoppelfeldern. Pacht kostet nicht nur die Winterweide, auch die kargen Bergweiden sind meist nicht mehr Gemeindeländereien, sondern tancas, mit Mauern eingefriedetes Privatland, im 19. Jh. angeeignet, als der Gemeinbesitz per Dekret aufgelöst wurde.

Junge Hirten arbeiten meist mit Käsereien zusammen, die Abtransport und Verarbeitung der Milch besorgen. Sie sind dank Auto und Straßen nicht mehr vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Ihre Hütten sind oft noch die pinettas, die Miniaturausgaben der Nuraghen, aber mit Fernseher und Video. Mit den alten Hirten verschwinden die malerischen Gestalten im Anzug aus festem Samt und mit der knappen Schirmmütze auf dem Kopf. Der Nachwuchs steckt in Jeans oder Secondhandklamotten aus Beständen des italienischen Militärs.

„Kathedralen in der Wüste“

Das treffende Wort für fast alle großen Industrialisierungsprojekte, mit denen Politiker und staatliche Institutionen den raschen Aufschwung von Problemgebieten versprachen und fast immer nur den Freunden der Freunde gefüllte Taschen und Karrieren brachten. Bei den Planern in Rom haben kleine Genossenschaften und Familienbetriebe kaum eine Chance. Für Wahlversprechen taugen eher Riesenbetriebe wie die großen Erdölraffinerien in Porto Torres und im Golf von Cagliari, die Faserchemie von Ottana und die Papierfabrik von Arbatax. Sie haben alle kaum Arbeitsplätze geschaffen, beziehen ihre Rohstoffe von außerhalb und produzieren kaum oder gar nicht für den sardischen Markt, belasten die Umwelt und sind mehr oder weniger akut von der Schließung bedroht.

Kork

Fast die gesamte italienische Korkproduktion kommt aus Sardinien und davon der Löwenanteil aus der Gallura. Die Rinde kann nur alle neun Jahre geschält werden. Die Stämme leuchten dann rot, bis der neue Kork nachwächst.

Meer

1870 km Küste besitzt Sardinien. Davon sind zwar etliche Kilometer völlig unzugängliche Steilküste, der größte Teil aber sind Strände, vielfach noch ganz einsam. Bis auf wenige, begrenzte Schmutzecken um die großen Häfen und Industriezonen (besonders Cagliari bis Sarroch, Portovesme und Porto Torres) ist das Meer sauber und sind viele Strände unberührte Natur.

Nord- und Westküste sind stark den Winden ausgesetzt. Ost- und Südküste sind wesentlich ruhiger, obwohl es auch hier kräftig blasen kann. Die Badesaison beginnt bereits im Mai, für Abgehärtete auch schon früher. Angenehme Wassertemperaturen herrschen dann bis in den Oktober, in warmen Jahren werden sogar noch bis weit in den November 18 Grad erreicht.

Murales

Die ersten Anstöße kamen aus der italienischen Studenten- und Stadtindianerbewegung nach 1968: Politisch engagierte junge Künstler lernten im Ausland die Wandmalereien Mexikos und Chiles kennen und übernahmen das spanische Wort murales. Die Themen kamen von der sardischen Autonomiebewegung, dem zunehmenden Protest gegen den Ausverkauf der Insel an Militärs und Tourismusunternehmen, aber auch aus der sardischen Geschichte, der Welt der immer Unterlegenen, aus den harten Auseinandersetzungen zwischen Herren und Knechten in den Hirtendörfern. Plakativ und verständlich sind die Texte auf Sardisch. In San Sperate, Serramanna, Villagrande Strisaili, Oliena und Orgosolo wurden in kurzer Zeit die Hauswände zu Bildergeschichten über die leidvolle sardische Vergangenheit, mit der Hoffnung auf eine bessere, aber unbedingt sardische Zukunft. An den murales arbeiteten neben Berufskünstlern auch Laien mit. Heute verbleichen die meisten Bilder, blättern ab, sind Geschichte.

Nuraghen

Über 8000 von den Steintürmen stehen einsam in der weiten Landschaft. Von vielen sind nur noch die Grundmauern zu sehen, andere erreichen mit bis zu drei Stockwerken Höhen von über 12 m. Nicht selten bilden sie mit Nebentürmen und meterdicken Mauerringen richtige Burgen. Längs den Bergrücken oder an den Rändern von Hochebenen stehen sie in langen Reihen in Sichtkontakt. Sie bildeten Verteidigungslinien, was gut bei Macomer und um die Giara di Gesturi zu erkennen ist. Die Steinmassen und die tonnenschweren Steinblöcke sind beeindruckend. Die Herkunft ihrer Baumeister, die um 1800 v. Chr. über das Meer kamen, ist unbekannt. Sie lebten in zahlreichen Stammesfürstentümern, die untereinander ständig in Krieg lagen und ab 700 v. Chr. erst von den Puniern und dann von den Römern unterworfen wurden.

Sarazenentürme

Von den Nuraghen sind sie leicht zu unterscheiden. Sie stehen direkt an der Küste, das Mauerwerk ist weniger massig. Gebaut wurden sie zwischen dem 15. und 18. Jh. auf Anordnung der spanischen Vizekönige, um Angriffe der Piraten abzuwehren, die Dörfer auch weitab von der Küste plünderten und die Einwohner in die Sklaverei verschleppten. 56 Türme stehen noch, von weiteren 25 sind Reste erhalten. Ihre Gesamtzahl dürfte einmal bei ungefähr 100 gelegen haben. Sie waren ständig bemannt und standen in Sichtkontakt.

Sprache

Donzi populu tenet su derittu a faeddare sa sua limba - jedes Volk hat das Recht, seine Sprache zu sprechen. Die Herrschenden taten sich zu fast allen Zeiten schwer mit der Volkssprache. Auf Sardisch sprechen stand während der spanischen Herrschaft zeitweilig die Todesstrafe. Im ländlichen Sardinien lernen noch heute die meisten Kinder zunächst die Muttersprache Sardisch und Italienisch erst vom Fernseher und in der Schule. Fremden gegenüber sprechen sie korrektestes Schriftitalienisch, wie man es auf dem Festland nur selten hört. Untereinander, besonders wenn Fremde nicht mithören sollen, wird Sardisch gesprochen. Seit 1999 ist die von Sprachwissenschaftlern als Mix aus den verschiedenen sardischen Dialekten geschaffene sardische Schriftsprache zweite offizielle Sprache, wird aber im Alltag kaum gebraucht. Zweisprachige Ortsschilder und Internetseiten sind indes stark im Kommen.

Tiscali

1998 gründete Renato Soru nach der Öffnung des italienischen Telekommunikationsmarkts in Cagliari den Telefonanbieter und Internetprovider Tiscali. Er nannte die Firma, inzwischen der größte Internetanbieter Italiens, nach dem vorgeschichtlichen Dorf in den Bergen des Supramonte. 2003 zog sich Soru aus der Geschäftsleitung zurück, kandidierte als Unabhängiger für das Regionalparlament und wurde 2004 Präsident der sardischen Regionalregierung.

Vögel

Sardinien ist ein Vogelparadies. Die wilde, unberührte Natur, die großen Lagunenseen und die zahlreichen unzugänglichen Schluchten sind einzigartige Lebensräume. In den Küstenseen stehen Flamingos als zartrosa Tupfer zu Hunderten im flachen Wasser und gründeln nach Algen und Kleintieren, während Reiher, Kormorane und Löffler größeren Fischen nachstellen. Zur Zeit der Macchiablüte sind die leuchtend blauen Bienenfresser in oft riesigen Schwärmen unterwegs. Wegen ihres hübschen Federkleides hat die sardische Tourismuswerbung sie zum Symbolvogel der Insel gemacht. Wo Rinder weiden, fehlt selten der auffällige Wiedehopf mit seinem schicken Federkrönchen.

Wasser

Monatelange Trockenheit, die in vielen Jahren die Quellen versiegen, Felder und Weiden verdorren lässt, gehört zusammen mit den Wald- und Macchiabränden zu den Plagen Sardiniens. In den meisten Ferienorten ist wenig davon zu spüren, trockene Wasserhähne sind selten, Sparsamkeit aber bleibt ein Gebot, das auch Touristen beherzigen sollten. In den Städten und in vielen Dörfern Innersardiniens fließt das Wasser im Sommer und Herbst nur für ein paar Stunden am Tag. Die Quellen in Berg- und Waldgebieten sind oft umlagert von Leuten mit Kanistern und großen Korbflaschen, denn ihr frisches Wasser schmeckt anders als das oft mit Chlor aufbereitete aus dem Hahn.