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Reiseführer Russland:Auftakt

Veronika Wengert

Was für ein Land!

Glitzernde Wolkenkratzer neben Zwiebeltürmchen und sowjetischer Bautristesse - die russischen Städte präsentieren sich in abwechslungsreichem Architekturmix. Lässt man die Metropolen hinter sich, ziehen farbenfrohe Holzhäuser am Straßenrand vorüber. Die Ebene wird nur selten durch sanfte Hügel unterbrochen. Wer sich am Strand aalen möchte, reist ans Schwarze Meer. Wer sich für Sakralkunst interessiert, findet am Goldenen Ring reichlich altrussisches Bauwerk. Und wer Restaurants, teure Boutiquen oder Partys bis zum Morgengrauen liebt, ist in Moskau und St. Petersburg gut aufgehoben. Willkommen in Russland!

Russland ist ein Land voller Kontraste. Palmen recken sich entlang der südlichen Strandpromenaden in den Himmel, während im Norden eisige Polarwinde das Thermometer schon mal unter minus 50 Grad Celsius fallen lassen. Auf Kamtschatka im fernen Osten erheben sich Vulkane und fordern Abenteurer heraus, während die Ostseeküste als westlichster Punkt des Landes auf die Bernsteingewinnung setzt. Und irgendwo zwischen dieser landschaftlichen Vielfalt liegt Moskau: Die Zehn-Millionen-Metropole, die auch nachts nicht zur Ruhe kommt und sich immer schneller auf dem Karussell des gesellschaftlichen Wandels dreht.

Im Geschäftsviertel Moskau-City sprießen die weltweit höchsten Bürotürme in den Himmel, um sich gegenseitig an Prunk und Superlativen zu übertrumpfen, in exklusiven Nachtklubs werden schon mal 1000 US-Dollar Eintritt fällig, und die breiten Prachtboulevards sind von Reklametafeln für Luxuswaren dicht gesäumt. Sowjetische Tristesse, das war gestern, Lebenslust und Konsum regieren heute - auch wenn die Finanzkrise von 2008/09 dem Glamour einen deutlichen Dämpfer verpasst hat. In Moskau konzentriert sich aber nicht nur das Kapital, sondern auch die politische Elite des Landes. Da bleibt selbst das prunkvolle St. Petersburg mit seinen barocken Palästen nur als „zweite Hauptstadt“ zurück, wie sie im Volksmund oft genannt wird. Und auch der Durchschnittsbürger bleibt außen vor: Jeder Siebte lebt in Russland unter dem Existenzminimum, und so prägen auch um Almosen bittende Rentner das Bild der Großstädte. Aber es besteht Hoffnung: Zunehmend entsteht eine gut ausgebildete Mittelschicht, die längst auf dem eigenen Ikea-Sofa im Warmen sitzt.

Doch auch anderswo im Land bewegt sich was: So wappnen sich die russische Schwarzmeerküste und das Hinterland von Sotschi für den Besucheransturm, der zu den Olympischen Winterspielen 2014 erwartet wird. Während gigantische Infrastruktur- und Investitionspläne die Region zuversichtlich stimmen, äußern Umweltschützer allerdings Bedenken.

Der westliche Fortschritt hat längst auch in der Provinz Einzug gehalten - und sei es nur in Form von amerikanischen Fastfoodketten, japanischen Autos oder Sushirestaurants, die es inzwischen in fast jeder größeren Stadt gibt. Wirtschaftliches Zugpferd des Landes bleibt der europäische Teil Russlands, mit seinen Industrie- und Ballungszentren. Auf internationalem Parkett lässt Russland mit seinen reichen Öl- und Gasvorkommen gerne mal seine Muskeln spielen - die Supermacht ist zurück auf der Weltbühne.

Geografisch war Russland schon immer gigantisch, unter den Zaren ebenso wie unter der Sowjetmacht und auch heute. Russland war Kernland, andere Gebiete schlossen sich freiwillig an oder wurden durch Krieg, Annexion und politische Unterdrückung einverleibt. Mit welchem Staat der Erde wäre dieses Land vergleichbar? Russland ist ein Kontinent, mehr als doppelt so groß wie Australien, fast 50-mal so groß wie Deutschland. Und Russland ist ein Vielvölkerstaat, in dem die Russen mit über 80 Prozent allerdings den größten Anteil haben. In autonomen Republiken, Gebieten und Kreisen leben Chanten, Mansen, Ewenken, Nenzen, Permjaken, Korjaken, Dolganen und Tschuktschen. Fast 10000 km misst die Entfernung zwischen den Küsten der Ostsee und der Tschuktschen-See im Fernen Osten. Das Territorium des Landes erstreckt sich über elf Zeitzonen. Dämmert im Westen der Morgen, neigt sich im Osten bereits der Tag. Der nördlichste Punkt liegt hinter dem Polarkreis am Kap Tscheljuskin in Sibirien, den südlichsten Punkt bildet die Region Wladiwostok am Japanischen Meer. Russland grenzt an 14 Nachbarstaaten; der kleinere Teil Russlands liegt in Europa und wird im Osten vom Ural begrenzt, der größere Teil liegt in Asien und schließt Sibirien und den Fernen Osten ein. Russland verbindet Europa und Asien. Alexander von Humboldt prägte den Begriff Eurasien. Über 3 Mio. Ströme und kleinere Flüsse durchziehen das Land, 200 von ihnen sind länger als 500 km. Einige fließen gemächlich durchs Tiefland, wie der Ob, andere, wie die Angara, der einzige Abfluss des Baikalsees, entfalten gewaltige Kräfte. Der russischste von allen ist die Wolga, liebevoll „Mütterchen“ genannt, die ins Kaspische Meer mündet.

Russland teilt sich in vier Klimazonen. Im äußersten Norden herrscht polares und subpolares Klima, gefolgt von zwei Zonen, die von kaltem bzw. gemäßigtem Kontinentalklima geprägt sind. Allein im tiefen Süden - an der Schwarzmeerküste etwa - wird es subtropisch. Ebenso abwechslungsreich präsentieren sich die Vegetationszonen. Während ein spärlicher Flechtenwuchs im hohen Norden Grundnahrung für Rentiere ist, gedeihen im Süden Reis, an den Hängen des Kaukasus Tee und in der fernöstlichen Primorje-Region Sojabohnen. Die waldreiche Taiga zieht sich quer durchs Land. Russland, das heißt Wald: Die Hälfte der weltweiten Holzvorkommen stehen auf russischem Boden. Eine alpine Gebirgsflora trifft man im Kaukasus und im Ural an. Die Artenvielfalt der Tierwelt ist groß: von Walross und Eisbär über Braunbär, Wolf, Luchs und Elch bis zu Tiger, Leopard und Antilope.

Von den Jahreszeiten prägen sich vor allem der Sommer und der Winter ein. Der Frühling ist kurz und kommt mächtig, viel rascher als in Mitteleuropa. Während Schnee und Eis noch tauen, bricht das Grün an den Sträuchern und Bäumen heftig hervor. Der Sommer ist warm, ja heiß und in mittleren Breiten nicht selten feucht - und kurz, kaum länger als drei Monate. Aber er lässt die Natur üppig erblühen. Zwar hat auch der Herbst schöne Tage, aber vor allem ist er grau und düster. Erst wenn der erste Schnee unter den Sohlen knirscht, wenn in der Mittagszeit die Sonne am Himmel steht, kehrt Normalität ins Leben der Menschen zurück.

Die Weite des Landes, die Natur mit ihren gewaltigen Kontrasten, die mitunter dunkle Geschichte haben die Menschen geformt. Der Umgang mit der Natur, mit Größe und Vielfalt, mit Despotie und Freiheitsdrang nimmt Einfluss auf ihre Gefühlswelt. Der russische Mensch, meinte der Schriftsteller Anton Tschechow (1860-1904), lebe „gern in Erinnerungen..., weniger jedoch in der Gegenwart“. Es scheint für ihn kein Heute zu geben, allein Vergangenheit und Zukunft: Das ist „der wichtigste nationale Charakterzug der Russen“.

Jeder Russland-Tourist sollte seine eigenen Erfahrungen machen, und deshalb zum Schluss noch ein Rat der Geschwister Erika und Klaus Mann, die während einer Weltreise 1929 notierten: „Bei einem ersten Aufenthalt in Russland sollte man sich, eifriger noch als in anderen Ländern, jeden Tag, den Gott werden lässt, vorhalten: Vergiss die Vorurteile, die positiven wie die negativen, urteile nicht - schaue!“

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Spannend ist das unvorhersehbare Moment - Russland ist ein Land, in dem viel improvisiert wird. Und faszinierend ist die Weite des Landes.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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