Aufstieg des SSV Ulm:Einfach durchgerauscht

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Einer der Ulmer Aufsteiger: der Brasilianer Leonardo Weschenfelder Scienza. (Foto: Harry Langer/dpa)

Als Sammelbecken für Außenseiter ist Aufsteiger Ulm in die dritte Liga gestartet - und steigt direkt noch einmal auf. Und das mit einem Trainer, der zwei Jahre vereinslos war.

Von Christoph Leischwitz

Der Brasilianer Leonardo Weschenfelder Scienza lebt erst seit fünf Jahren in Europa, und es ist fair zu sagen, dass sein Deutsch noch nicht so ausgefeilt ist wie sein Spielwitz. Am Samstagnachmittag stand der 25-Jährige auf der Tartanbahn des Donaustadions, der SSV Ulm hatte gerade 2:0 gegen Viktoria Köln gewonnen, auch mithilfe eines unberechtigten Elfmeters, den Scienza verwandelte, aber wen interessierte das jetzt noch. Hinter ihm feierten Tausende Fans, die den Platz gestürmt haben, viele davon mit Tränen in den Augen, die sich über Jahrzehnte angesammelt hatten.

Scienza sagte also: "Das ist nicht ein Spieler, der das alleine macht. Und heute, we showed again, wir sind einfach soooo eine gute Mannschaft." Seiner Frau habe er kurz noch mitteilen können: "Ich feiere einfach so. Zwei, drei Tage, you cannot hear from me." Passend dazu sangen über die Stadionlautsprecher Seiler und Speer gerade: "Wannsd aamal no so ham kummst..."

Dabei ist aufsteigen für die Ulmer mittlerweile eine gewohnte Übung: Die meisten Spieler hatten das im vergangenen Jahr schon erlebt, von der Regionalliga in die dritte Liga, jetzt der Durchmarsch, hoch in Liga zwei. Dass kleine Vereine mit einem klaren Plan schwer aufzuhalten sind, hat in der vergangenen Saison schon die SV Elversberg gezeigt.

Und die Ulmer haben gerade eine besondere Mannschaft beisammen. Da ist einer wie Scienza, der beim 1. FC Magdeburg in der zweiten Liga nur ein einziges Mal länger als eine Halbzeit spielen durfte; oder Dennis Chessa, der beim FC Bayern ausgebildet wurde, aber 2021 mit dem FK Pirmasens sogar aus der Regionalliga abstieg. Spieler also, die eine neue Chance bekamen. Aber auch mit zahlreichen Spielern, die hinter einem Scienza oder einem Chessa fast nie ihre Chance bekamen, weil doch immer dieselben in die Startelf beordert wurden. Das alles angeleitet von einem Trainer, den lange Zeit niemand haben wollte: Zwei Jahre lang war Thomas Wörle vereinslos, ehe ihn der Regionalligist SSV Ulm verpflichtete. Jetzt hat Wörle den Durchmarsch geschafft.

Viele Spieler wissen nicht, ob sie mit Ulm in die zweite Liga gehen

Das alles ist deswegen so "unfassbar", wie Wörle und auch Geschäftsführer Markus Thiele sagten, weil hier ein Außenseiter-Verein zum Sammelbecken für Außenseiter wurde und niemand damit gerechnet hatte, wie viel Potenzial daraus entstehen kann. Der SSV Ulm 1846 spielte letztmals 2001 in der zweiten Bundesliga, die meiste Zeit danach waren die schwarz-weißen Spatzen eher eine graue Maus, selbst in der eigenen Stadt. Auf die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate angesprochen, sagte Thiele: "Da muss man ja weiter zurückgehen. Wir haben vor drei Jahren hier angefangen, da waren 1200 Zuschauer da, jetzt feiern knapp 17 000 den Aufstieg in die zweite Liga", sagte er am Samstag bei Magentasport.

Die Geschichte, dass es nach dem Aufstieg in die dritte Liga erst einmal nur um den Klassenverbleib ging, ist natürlich wahr. Vor zwei Wochen, nach dem 1:0-Sieg gegen den Aufstiegskandidaten Jahn Regensburg, hatte Thiele im Gespräch mit der SZ aber auch eingeräumt, dass sie schon recht bald gemerkt haben, dass es einfach gut läuft. Trainer Wörle konnte keinen genauen Zeitpunkt festmachen, wann er begann, an mehr zu glauben. Als sie jedoch im November drei Spiele in Serie verloren, seien sie gut damit umgegangen, sie hätten sich ausgesprochen.

Und trotzdem: "Wir haben die ganze Zeit Späße gemacht, weil wir selber oben waren, wir konnten es gar nicht fassen", erzählt Angreifer Felix Higl, Sohn von Alfons Higl, der 2007 als Co-Trainer mit dem VfB Stuttgart deutscher Meister geworden war. Der 27-Jährige war ein Leistungsträger, nachdem er sich in der Spielzeit davor beim VfL Osnabrück nicht durchsetzen konnte oder nicht durchsetzen durfte. "Dieser Aufstieg wiegt tausendmal mehr als der mit Osnabrück", sagte Higl, bereits biergetränkt, denn "mit diesem Verein aufzusteigen, der so lange weg war vom Profifußball - Wahnsinn".

Nach ersten Berichten aus der Nacht verliefen die Feierlichkeiten friedlich, wenngleich der Rathausplatz silvesterähnliche Zustände erlebt haben soll. Offiziell wissen viele Spieler auch jetzt noch nicht, ob sie in Ulm bleiben und mit in die zweite Liga gehen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass der Durchmarsch zusätzlich zusammenschweißt.

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