bedeckt München 25°

Reiseführer Piemont - Turin:Auftakt

Entdecken Sie das Piemont!

Ein rollendes Auf und Ab von Hügelketten, grün schattiert mit Eichenwäldchen, Weinbergen und Haselnusshainen. Auf den Hügelspitzen sitzen Dörfer wie Zipfelmützen, dicht herumgebaut um Burgen oder barocke Pfarrkirchen, deren rötliche, unverputzte Backsteinfassaden Wärme und Behaglichkeit ausstrahlen. Still ist es in den kurvigen Straßen zwischen den Dörfern; lautlos arbeiten sich Rennradler in voller Montur auf den Serpentinensträßchen zwischen den Hügeln ab und hin und wieder knattert zweitaktig eine ape vorbei, die Lieferwagenversion der Vespa, die so beliebt ist bei Handwerkern und Landarbeitern: Das Monferrato, die Hügelwelt zwischen dem Po und dem Appenin, ist eine der schönsten Kulturlandschaften Italiens - und doch nur eine von den vielen Seiten des Piemonts.

Hochalpine Bergketten, die das Land majestätisch umstehen und bis zu 4000 m hoch aufragen, gehören ebenso dazu wie der an der Grenze zur Schweiz gelegene Lago Maggiore, der mit seinen Palmen und Zitronenbäumen schon herrlich mediterran anmutet. Das Herz des Piemonts aber schlägt in Turin, der barocken Millionenstadt, die sich gerade erfolgreich von der arbeitsamen Fiat-Motown zur modernen Kunst- und Genussmetropole häutet.

Dennoch gehört das Piemont noch zu den weniger überlaufenen Reisezielen Italiens. Goethe war vermutlich nicht der erste Italienreisende, der das Piemont links liegen ließ; in jedem Fall war er nicht der letzte. Bis vor wenigen Jahren schäumte der Strom der Touristen an dieser großen italienischen Region mit geradezu beleidigender Unbeirrbarkeit vorbei. Einer der Gründe dafür war sicher, dass das Piemont abseits der großen Einfallstraßen nach Italien liegt. "En passant", auf dem Weg an den Adriastrand oder nach Florenz, kommt man hier nicht vorbei. Man muss sich schon eigens hinbemühen in diesen nordwestlichen Winkel Italiens. Doch es lohnt sich.

Am besten fährt man mit dem Auto oder dem Zug von Mailand aus hin, denn dann bekommt man - an klaren Tagen wenigstens - gleich den besten Eindruck davon, was der Name Piemont bedeutet: pedes montium, das zu Füßen der Berge gelegene Land. Die Reise geht durch die flache Poebene, Reisfelder und einsame Vierkanthöfe prägen die Szenerie. Doch dann rückt, fast wie eine Fata Morgana, ein gewaltiges Gebirge ins Bild. Es ist der Monte Rosa, das zweithöchste Bergmassiv Europas, das mit seinen vergletscherten Ostwänden die piemontesische Ebene dominiert. Im Westen bauen sich derweil schon die Cottischen Alpen auf, die Italien von Frankreich trennen und deren markanteste Spitze, der gleichschenklige Monviso, wie der Gipfel aus dem Paramount-Logo wirkt. Liebhaber eindrucksvoller Landschaften bekommen hier wahrscheinlich schon Herzrasen - dabei ist das erst der Anfang.

Denn die Berge bilden ja nur den Rahmen für ebenso stimmungsvolle Inhalte: für das endlose, rebenbewachsene Hügelmeer im Monferrato und in den Langhe, die man das Meer der 1000 Hügel genannt hat. Dann die sanfte Voralpenlandschaft um Ivrea und Biella und die weite, platte Poebene davor. Auch der Po, der längste Fluss Italiens, ist ein Kind der piemontesischen Berge. Er entspringt unterhalb des Monviso, fließt durch Turin und biegt dann ostwärts in Richtung Lombardei ab. Schließlich die von mediterranem Flair umwehten Seen im Nordosten, Lago Maggiore und Lago d'Orta, wo Palmen rascheln und in der Saison sogar die Zitronen blühen.

Doch das Piemont ist nicht nur ein schönes, es ist auch ein gewichtiges Stück Italien. Mit rund 4,5 Mio. Ew. und gut 25000 km2 ist es nach Sizilien die zweitgrößte Region des Landes - und eines seiner wirtschaftlichen Filetstücke. Hier wird hart gearbeitet und ordentlich produziert - sei es bei Olivetti in Ivrea, bei Ferrero in Alba oder in den Textilfabriken rund um Biella. Die traditionsreichsten Unternehmerfamilien Italiens sind alle reinsten piemontesischen Blutes. Und Turin, die Kapitale Piemonts, ist mit seinen rund 900000 Ew. die viertgrößte Stadt Italiens.

Die Automobilfabrik FIAT, die Giovanni Agnelli dort 1899 gründete, ist trotz der Schwierigkeiten der letzten Jahre immer noch der bedeutendste Industriekonzern Italiens. Im Unterschied zu anderen italienischen Regionen haben sich die Piemontesen immer stark über ihre Wirtschaft definiert; Kultur oder gar Tourismus liefen eher nebenbei mit. Doch das hat sich in den letzten Jahren spürbar geändert - nun strömen nicht mehr nur Produzenten von Autozubehör, sondern auch jede Menge Gourmets und Kletterer, Skifahrer und Wanderfreunde, Kunstliebhaber und Weinkenner ins Land am Fuß der Berge. Es gibt ja so viel zu tun und sehen!

Gut lässt sich der Wandel an der Hauptstadt Turin beobachten, die nach langem Dornröschenschlaf zu neuem Leben erwacht ist. Die Fastmillionenstadt am Po hat, obwohl sie von 1861 bis 1865 dem frisch gegründeten Königreich Italien als erste Hauptstadt diente, stets einen etwas ruhigeren, unauffälligeren Lebenswandel gepflegt. Man arbeitete bei Fiat und ging früh schlafen. Noch immer wirkt Turin auf den ersten Blick ernsthaft und introvertiert, ganz wie man es dem piemontesischen Charakter nachsagt. Das Stadtbild prägen rechtwinklige, wie mit dem Lineal gezogene Straßenzüge, ockerfarbene Bürgerpaläste, lange Kastanien- und Platanenalleen. Wer zum ersten Mal durch Turin schlendert, fühlt sich meist eher an Paris erinnert als an Rom oder Florenz. Zufall ist das nicht: Es waren die aus Frankreich über die Alpen gekommenen Savoyerfürsten, die Turin im 16. Jh. zu ihrer Residenzstadt machten und entsprechend aufputzten - im ihnen vertrauten französischen Stil.

Turin beschert deshalb ein ganz anderes Italienerlebnis. Es flirrt nicht und flirtet nicht und biedert sich niemandem an. Wer die Stadt begreifen will, muss durch die kilometerlangen Arkaden und über die weiten Plätze spazieren, muss den zurückgenommenen Barock der Kirchen und Paläste auf sich wirken lassen, muss in einem der mit Stuck und Spiegeln verzierten alten Kaffeehäuser gesessen haben, wo man stundenlang über seinem Cappuccino Zeitung lesen darf. Dann spätestens werden ihn die elegante Schönheit und der disziplinierte Geist der Stadt erobert haben und so schnell nicht mehr loslassen.

Doch das ist noch nicht alles. Seit ein paar Jahren weht ein spürbar frischer, junger Wind durch die barocken Straßen. Wo früher noch um 22 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt wurden, drängen sich heute Straßencafés und Ethnorestaurants; in Hinterhöfen und ehemaligen Fabrikhallen finden Kunstausstellungen und andere Happenings statt, und wenn nicht gerade Olympische Winterspiele sind, dann macht Turin als Weltdesignhauptstadt oder Austragungsort der "World Air Games" auf sich aufmerksam.

Spannend finden das nicht nur Reisende aus dem Ausland, sondern sogar die Italiener selbst, die lange ein eher distanziertes Verhältnis zum Piemont und seiner Hauptstadt gepflegt hatten. Das ist längst passé. Heute steuern auch Römer und Süditaliener gern das Piemont an - nicht mehr, um bei Fiat zu arbeiten, sondern um das Land zu genießen. Die Region ist das wohl größte Feinschmeckerparadies Italiens. Man muss nur einmal riechen: Da ist der durchdringende Duft der weißen Trüffeln, die im Herbst in den Eichenwäldern des Monferrato heranreifen; das elegante Bouquet von Rotweinen, die nirgendwo im Land von solcher Qualität gekeltert werden wie hier; das kräftige Aroma eines Castelmagnokäses; die feine Süße köstlicher Schokoladen. Es ist kein Wunder, dass die Slow-Food-Bewegung, die den bewussten Genuss lokaler Spezialitäten in den Vordergrund stellt, gerade hier geboren wurde. Es hat eben nur ein bisschen gedauert, bis sich das alles herumgesprochen hat. Goethe war einfach ein bisschen zu früh dran.

Weiter zu Kapitel 2

Eigentlich wollte die Reisejournalistin in Turin nur einen Antiquitätenmarkt besuchen, doch dann blieb sie, fasziniert von der Schönheit der Stadt, gleich ganz da. Seit 1995 lebt die gebürtige Münchnerin in der piemontesischen Hauptstadt, in die sie nach ihren Reisen durch die Welt immer wieder voller Vorfreude zurückkehrt. Sie schreibt für viele deutsche Zeitungen und Magazine.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

Zur SZ-Startseite