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Reiseführer Dublin:Auftakt

Entdecken Sie Dublin!

James Joyce schrieb über seine Heimatstadt, sie sei „schöner, als was ich von England, der Schweiz, Frankreich, Italien oder Österreich gesehen habe“. Mit seinem Monumentalroman Ulysses hat er Dublin ein literarisches Denkmal gesetzt, wie es keine andere Stadt für sich beanspruchen kann. Auf Gälisch heißt die irische Hauptstadt Baile Átha Cliath – die „Stadt an der Hürdenfurt“. Auch der anglisierte Name stammt aus dem Gälischen: Dubh-linn bedeutet „schwarzer Pfuhl“ und bezeichnet ein Becken mit dunklem Wasser, das sich am Zusammenfluss der Liffey und des heute unterirdischen Flusses Poddle gebildet hatte, wo der historische Stadtkern wuchs.

Die irische Haupstadt ist reich an Museen und Galerien, an Kirchen und Sportstätten, an Sehenswürdigkeiten, Einkaufsgelegenheiten und Konzertsälen, an Kinos, Theatern, aber vor allem an Pubs. Fast alles ist bequem zu Fuß zu besichtigen. Das Zentrum ist klein, es wird im Norden vom Royal Canal und im Süden vom Grand Canal begrenzt. Im Norden, Süden und Westen dehnen sich die Vororte aus.

Dublin ist eine junge Stadt, fast ein Drittel der Bevölkerung ist unter 25. Die Jungen prägen Atmosphäre und Rhythmus der Stadt. Zu den schönen alten Pubs gesellten sich moderne Bars und Clubs. Temple Bar, wo ursprünglich ein Busbahnhof entstehen sollte, ist zu einem Vergnügungsviertel ausgebaut worden, in dem die Jugend an den Wochenenden bis spät in die Nacht feiert. Die Gastronomie erlebte eine Revolution. Die traditionelle irische Hausmannskost machte kulinarischen Einflüssen aus aller Welt Platz. Kaum eine Stadt in Europa hat sich in den vergangenen 20 Jahren so stark verändert wie Dublin.

Die Dubliner haben lange Erfahrung mit krassen wirtschaftlichen und politischen Umbrüchen. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der irischen Hauptstadt. Wikinger gründeten die Siedlung an der Liffey um 841, wurden aber 1014 vom irischen König Brian Boru besiegt und verschmolzen mit der keltischen Bevölkerung. Ab 1170 kam Dublin unter die Herrschaft der englischen Könige und war im Hochmittelalter ein befestigtes Handels- und Regierungszentrum. Von Dublin Castle aus versuchte die englische Krone, ganz Irland zu unterwerfen, was erst nach der Reformation gelang. Damit begann die jahrhundertelange protestantische Herrschaft über das mehrheitlich katholische Land. Nach den Wirren der Reformation und der Kriege um die Mitte des 17. Jhs. kam nach 1690 eine Zeit des Friedens und des Wohlstands für Dublin. Die engen, armen Gassen des Mittelalters wichen breiten Alleen und repräsentativen Stadtplätzen mit eleganten Häuserreihen im typisch georgianischen Stil.

Nach der Auflösung des irischen Parlaments 1801 verlor Dublin seine politische und gesellschaftliche Bedeutung. Im 20. Jh. schließlich fruchteten die Unabhängigkeitsbemühungen irischer Patrioten. Entscheidendes Ereignis war dabei der Osteraufstand 1916. In Dublin tobten heftige Kämpfe, vor allem um die Hauptpost an der O'Connell Street. Erst mit der Gründung des irischen Staats 1921 wurde Dublin Hauptstadt.

Seit den 1990er-Jahren hat die Grüne Insel eine wahre Berg- und Talfahrt durchgemacht: Vom Armenhaus Europas zu einem der reichsten Länder der Welt – und wieder zurück zum Armenhaus. 1987 wurde der Grundstein für einen Aufschwung gelegt, der in Europa beispiellos war. Damals schlossen Gewerkschaften, Arbeitgeber und Staat einen Sozialpakt, in dem sie Steuersenkungen, aber nur geringfügige Lohnerhöhungen vereinbarten. Gleichzeitig lockte man multinationale Konzerne mit niedrigen Steuern und schlüsselfertigen Fabriken nach Irland. Das Durchschnittseinkommen stieg um 60 Prozent, Arbeitslosigkeit wurde fast zum Fremdwort.

Der Wirtschaftsboom und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen waren über Irland rasant hereingebrochen, weshalb man bald nur noch vom „keltischer Tiger“ sprach. Am meisten machte sich der Boom in Dublin bemerkbar. Auf den Brachflächen der Innenstadt entstanden moderne Gebäudekomplexe, etwa in Smithfield, früher das Kleine-Leute-Viertel mit schmalen Gassen und Backsteinhäuschen. Der Platz bekam ein neues Kopfsteinpflaster und moderne Bogenlampen, und auf dem riesigen Gelände einer ehemaligen Whiskeybrennerei entstand eine neue Welt: Smithfield Village mit Luxushotel, Einkaufspassage, Thai-Restaurant, 200 Apartments und dem zum Aussichtsturm umgebauten Schornstein der Brennerei, an dessen Außenseite ein gläserner Fahrstuhl hochsaust. Oder die Liffey: Jahrzehntelang hatte man den Fluss vernachlässigt, wurde er als Müllkippe missbraucht, die Gebäude an den Ufern verkamen, die Menschen zogen weg. Nun legte man eine Uferpromenade an und baute einen hölzernen Walkway über dem Fluss, zum Nationalfeiertag am 17. März wird auf der Liffey ein Feuerwerk abgebrannt. Und im Hafen entstanden im Rahmen des größten Entwicklungsplans in der irischen Geschichte Wohnungen, Hotels, Parks, ein Konferenzkomplex und ein Einkaufszentrum – die Docklands.

Mit dem Boom kamen die Einwanderer. 1996 überstieg die Zahl der Einwanderer zum ersten Mal die der Auswanderer, nach der Jahrtausendwende kamen mehr als 50 000 Immigranten pro Jahr. Die Bevölkerungszahl stieg auf über 4 Mio. an, fast zehn Prozent waren Einwanderer. Die größte Gruppe stellten die Polen. In den Supermärkten gab es Sondertische mit polnischer Ware, und Dublins Abendzeitung, der Evening Herald, legte dem Blatt jeden Freitag eine achtseitige Beilage auf Polnisch mit Tipps für die Einwanderer bei. Daneben kamen vor allem Nigerianer, Balten und Chinesen.

Dublin wurde bunt und kosmopolitisch. Nicht mehr die einheitlichen grauen Ladenzeilen und die blassen Iren prägten das Stadtbild, sondern die Einwanderer und ihre exotischen Läden, vor allem im Viertel um die Parnell Street. Auf wenigen hundert Metern liegen hier ein halbes Dutzend vergleichsweise preiswerte chinesische Restaurants. Außerdem gibt es chinesische und afro-karibische Supermärkte, in denen auch die Einheimischen einkaufen. Dazwischen ist ein alteingesessener Laden übrig geblieben. Er verkauft Papageien.

In der Moore Street, einer Seitenstraße der Parnell Street liegen das alte und das neue Dublin dicht beieinander. Auf der Straße, die für Autos gesperrt ist, verkaufen die Gemüsehändlerinnen mit dem schärfsten Mundwerk Irlands an hölzernen Ständen ihre Ware, wie sie es seit Jahrzehnten tun. Doch die Ladenzeilen sind fest in ausländischer Hand: nigerianische und chinesische Cafés, ein Friseurgeschäft mit Haarteilen für afrikanische Frauen, ein karibischer Supermarkt. Selbst der Fleischer FX Buckley's, der hier sein Geschäft seit hundert Jahren betreibt, bietet Schweinsköpfe und Zungen an, die Iren verschmähen, Chinesen dagegen schätzen.

Deutsche, US-amerikanische, französische, britische und Schweizer Banken hatten Milliarden Euro in die irische Finanzwirtschaft investiert. Die Gelder flossen als Kredite vor allem in einen durch Steuervergünstigungen angefeuerten Bauboom. 2008 kam der Absturz. Die Immobilienblase platzte, die Baufirmen konnten ihre Kredite an die irischen Banken nicht zurückzahlen, und die wiederum konnten ihre Schulden nicht bei den internationalen Banken begleichen. Nun stehen 300 000 Häuser leer, es gibt Hunderte von Geistersiedlungen.

Die irische Regierung musste die Europäische Union und den Internationalen Währungsfonds um Hilfe bitten. Die wurde ihr gewährt, doch die Bedingungen waren knallhart: ein drastisches Sparprogramm und Zinsen von fast sechs Prozent. Die Folgen sind eine Arbeitslosenrate, die wieder auf dem Stand der 1980er-Jahre ist. Jede Woche müssen deshalb 1000 Iren auswandern. Der Wert der Eigenheime ist ins Bodenlose gesunken, 75 000 Menschen können ihre Hypotheken nicht mehr bedienen. Viele Gastarbeiter sind in ihre Heimat zurückgekehrt, sodass die Häuser, die sie in Dublin gemietet hatten, nun ebenfalls leer stehen. So wurde eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, an deren Ende Irland auf einem riesigen Berg unbezahlbarer Schulden sitzen wird. Dem Land droht der Staatsbankrott.

Für Urlauber macht sich das alles kaum bemerkbar. Die Preise in den Restaurants und den Hotels sind zwar etwas gesunken, eine billige Stadt ist Dublin dennoch nicht. Das Herz der krisengeschüttelten Metropole ist und bleibt die Gegend um die 400 Jahre alte Universität, Trinity College, das schicke Einkaufsviertel um die Grafton Street und das Regierungsviertel um Merrion Square und St. Stephen's Green, deren schöne Grünanlagen wie geschaffen sind für eine Verschnaufpause. Noch mehr Platz bietet Phoenix Park, nordwestlich des Zentrums, Europas weitläufigster Stadtpark.

Für Literaturfreunde ist Dublin nach wie vor ein wahres Paradies. In Museen, Theatern und am Bloomsday, jährlicher James-Joyce-Festtag am 16. Juni, feiert Dublin seine Schriftsteller. Die Freude der Iren am Erzählen kommt aber auch in den Pubs zum Ausdruck. Spätestens dort erfahren Sie, dass Pub und Kultur keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen und eine Reise nach Dublin erst richtig abrunden.

Und auch das Wetter ist geblieben, wie es war. Der häufige Regen hat die Insel vor Massentourismus und Hotelhochhäusern bewahrt. Ein Sprichwort besagt, dass die Iren zwei Tage im Jahr besonders genießen: Weihnachten und den Sommer. Das ist natürlich nur ein Vorurteil, Generationen von Urlaubern sind aus Irland sonnengebräunt nach Hause zurückgekehrt – es ist reine Glückssache. Und Dublin hat im Jahresdurchschnitt weniger Niederschlag als Nizza. Ein anderes Sprichwort lautet: „Ein Fremder ist ein Freund, dem man bisher noch nicht begegnet ist.“ Daran halten sich die Dubliner noch immer. Probieren Sie es aus!

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Der gebürtige Berliner reiste 1974 zum ersten Mal nach Irland. Zwei Jahre später zog er nach Belfast, wo er als Deutschlehrer arbeitete. Anfang 1985 ließ sich der Wirtschaftspädagoge mit seiner irischen Frau und zwei Kindern in Dublin nieder. Seitdem berichtet er für die taz und die Tageszeitung über irische Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und vor allem über den manchmal skurrilen Alltag in Irland.

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Quelle: www.marcopolo.de