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Reiseführer Bayerischer Wald:Stichworte

Vom größten Stammtisch der Welt, wilden Tieren und bayerischem Poker: eine kleine Einführung in die Besonderheiten der Region

Anbetung

Verwurzelt und bodenständig wie die Bayerwäldler selbst sind ihr Gottesglaube und ihre Anbetung von Schutzheiligen, Namenspatronen aller Art oder Gaben der Natur. Früher war es Brauch, dass bei jedem Bauernhof ein Holunderstrauch stand: Jeder, der vorbeikam, sollte den Hut ziehen aus Achtung vor den Hollerfrüchten. Der Sage nach sollten in dem Busch gute Geister wohnen. Wer es wagte, ihn abzusägen, dem sollten Unglück und Tod auf dem Hof drohen. Heute mögen Feierlichkeiten wie der Kellberger Leonhardi-Umritt zu Ehren des Patrons der Gefangenen und Pferde oder die Pfingstprozession mit einer aus einem Fichtenstamm bestehenden "Kerze" auf den Bogenberg Tausende Schaulustige anziehen, doch die tief religiösen Akteure verstehen sich aufrecht als Wallfahrer. Eine andere, sozusagen weltlichere Form der Anbetung ist seit 1953 beim Politischen Aschermittwoch der CSU in Passau zu beobachten. Da lobpreisen die Waidler mit Gästen von überall her am größten Stammtisch der Welt frenetisch und bierselig ihren jeweiligen Ministerpräsidenten.

Architektur

Im Bayerischen Wald finden sich Stadt- und Dorfbilder voller Gegensätze. Überall stehen neben funktionalen Gebäuden übertrieben auf rustikal getrimmte "Landhäuser". Auch der Spagat zwischen Denkmalschutz und Innovation glückt nur bedingt. Und die nicht immer nur schmucke Solartechnik hat allerorts die Dächer, aber auch ganze Brachwiesen erobert. In den Städten konzentrieren sich in aufwendig sanierten Altstadtkernen barocke Patrizierbauten, oft mit Blendgiebeln: Man zog die Frontfassade höher als das Dach, um den Hausherrn reicher aussehen zu lassen. Viele Ortschaften glänzen nach öffentlich geförderten Wettbewerben unter dem Motto: "Unser Dorf soll schöner werden". Und überall schmiegen sich noch alte Höfe in den Windschatten eines Hügels. Früher wurde mit naturbelassenem Holz gebaut, einen Eindruck davon vermitteln die Museumsdörfer Tittling und Finsterau.

Brauchtum

Vielerorts sind es die Alten, die die Jungen gestreng dazu anhalten, das Andenken an Geschichte und Geschichten zu bewahren. Wer da nicht den Komparsen geben mag im örtlichen Historienspiel, wie das schon der Großvater und dessen Vater taten, dem bleibt nur eins: auswandern. Religiös geprägt sind viele, oft in ganz Altbayern verwurzelte Bräuche wie das Schwingen der ratternden Holzratschen am Karfreitag, wenn die Kirchglocken schweigen. Sehr weltlich dagegen ist das Brautstehlen, wenn Hochzeitsgäste die Braut in ein anderes Wirtshaus entführen und fest weiterzechen, bis der Bräutigam sie auslöst. Die Dorfjugend trifft sich am Kriegerdenkmal oder Bankerl (Bänkchen), wo sich schon die Großeltern näherkamen. Von jeher gehen die Männer - fast alle Feuerwehrler, Pendant ist der katholische Frauenbund - zum Stammtisch. Längst haben Frauen daran ihren Platz erobert oder eigene Ratsch-, d. h. Plauder-Runden etabliert. Überall finden sich auch Sing- und Volksmusikkreise und Theatergruppen zusammen, die jährlich einen Schwank einstudieren und wenige Male, meist im Pfarrsaal, aufführen.

Dialekt

Griaß-Eahna hat nichts mit einer Ihnen unbekannten Erna zu tun. So begrüßt hier der Sprecher jeden, den er siezt. Der doppelvokalreiche Dialekt der zum Glück stets übersetzungswilligen Einheimischen bleibt eine Wissenschaft für jeden Zuag'roast'n (Zugezogenen). Auch wer schon mehrere Jahre hier verbracht hat, kann immer wieder neue Vokabeln lernen, die oft sogar landstrichspezifisch sind. Einige Beispiele: G'steckan heißt Böschung, Znief(e) ist ein Kümmerling, zeil'n sagt man für melken, an Erdei bedeutet etwas von, und sched bloß. Sched-a-weng heißt: bloß ein bisschen.

Die Feinheit liegt in den Endungen: Unterhalten ein Mann und eine Frau, also zwoa, sich über zwo, ist von zwei Frauen (jüngere sind Mäscha) die Rede. Geht es um se zwe, sind zwei Burschen bzw. Männer (Kund'n) gemeint. Schiab's zuwe/zure oder danne ist die Aufforderung, etwas an den Rand (weg) zu rücken. Zuwa/zu(a)ra und danna meint dagegen, es näher heranzuholen. Kleiner Test: Wo stehen Sie zum Sprecher, wenn er Sie auffordert: "Geh oba"? Richtig: Sie stehen oben, er sagt: "Komm runter" - zu ihm hin. "Geh obi/obe" bedeutet, dass er neben Ihnen steht und Sie wegschickt nach unten.

E-Mobilität

E-Bike und E-Wald sind die neuen Zauberworte im Bayerischen Wald, der unlängst mit rund 50 Mietstationen als größte E-Bike-Region Europas galt (Infos unter short.travel/bay1). Und das ambitionierte Modellprojekt E-Wald will mit mietbaren Elektroautos zeigen, dass E-Mobilität auch auf einem noch nicht ganz ausgereiften Stand der Technik in einem klimatisch und topografisch schwierigen Gebiet funktionieren kann - durch Vernetzung und mit modernen Steuerungskonzepten. Das Vorhaben ist zunächst bis zum Jahr 2016 angelegt und wird in den Landkreisen Cham, Regen, Freyung-Grafenau, Passau, Deggendorf und Straubing-Bogen umgesetzt. Zielgruppe in der Modellregion sind vor allem Urlauber.

Fauna

Einzigartig ist die Tierwelt in National- und Naturpark, wo bedrohte Arten wie Fischotter, Luchs, Wildkatze, Schwarzstorch, Wanderfalke und Auerhuhn wieder angesiedelt bzw. bewahrt und im Bestand gestärkt werden. So bremsten 2007/08 die Luchse den Ausbau der B 11 zwischen Deggendorf und Ruhmannsfelden aus, Zauneidechsen und Laufkäfer bei Eging die Erweiterung des Autozubringers. 2011/12 sorgten Bären, Elche, die vergiftete Luchsin Tessa und sogar ein Goldschakal im Nationalpark für Schlagzeilen. Uhu, Braunbär und Wolf, Wisent und Wildpferd trifft man im Tierfreigelände. Auch in den Wäldern außerhalb der Schutzzonen leben Hirsche und Rehe, Wildschweine, Dachse, Füchse, Iltisse, Marder, Wiesel und Äskulapnattern. Typische Fischarten sind Äsche, Forelle, Hecht und Schleie, in Ilz und Wolfsteiner Ohe gibt es den seltenen Huchen. Sogar Flusskrebs und Flussperlmuschel haben hier überlebt.

Flora

Im Urwald des Nationalparks dürfen neben Deutschlands häufigstem Baum, der Fichte, Weißtanne, Föhre, Rotbuche, Spitz- und Bergahorn, Ulme, Sumpfbirke und Linde wachsen und vergehen. Das verrottende Holz nährt Algen und Flechten. In den Hochlagen um Arber, Rachel und Großen Falkenstein wachsen neben Heidel- und Preisel- auch arktische Beeren. Ein Markenzeichen des Bayerischen Walds ist dank seiner schwimmenden Grasinseln der aufgestaute Kleine Arbersee. Er besitzt eine Sumpfflora wie aus dem Lehrbuch. Am Rand von Hochmooren wie dem Föhrauer Filz gibt es Binsen, Wollgras, Torfmoos und Sumpfbärlapp. "Gehen wir in die Schwammerl!" ist die Aufforderung zum Pilzesuchen. Und die findet man schon ab dem Spätsommer reichlich im Bayerischen Wald.

Goldhauben

Goldhauben, im 18. Jh. im Donauraum Symbol für den Wohlstand ihrer bürgerlichen Trägerinnen, erlebten in Passau von den 1970ern an eine Renaissance: 1987 gründeten angesehene Damen den Alt-Passauer Goldhaubenverein (www.goldhauben-passau.de). Die Mitglieder repräsentieren die Dreiflüssestadt im In- und Ausland und schmücken stolz alle bedeutsamen Veranstaltungen der Stadt. Eine weitere Goldhaubengruppe entstand 1989 in Aicha vorm Wald (www.aichavormwald.de/goldhaubengruppe). Die erste Darstellung einer Passauerin mit Goldhaube stammt wohl von 1790 und findet sich im Oberhausmuseum. Von 1830 an trugen den Kopfschmuck jene Einwohnerinnen der Stadt, die sich das leisten konnten. Die reinen Materialkosten beziffern die Goldhaubenfrauen heute auf 800 bis 1000 Euro. Eine Stickerin arbeitet bis zu 400 Stunden, bis sie mit vergoldetem Faden nach dem vorgezeichneten Grundmuster auf ein gewebtes Goldband Perlen, Ornamente, Flitter und Folien aus vergoldetem Kupfer aufgenäht und das edle Hütchen geformt hat.

Kirchen & Klöster

Eine Besichtigung wert sind alle Relikte der Missionierung des Bayerwalds: Nahezu jedes Dorf hat ein hübsches Kirchlein. Regensburg, Gotteszell, Aldersbach, Osterhofen und Metten geben Beispiele für die spätbarocke Kunst des Stuckateurs Egid Quirin Asam (1692-1750) und seines Bruders, des Freskanten Cosmas Damian Asam (1686-1739). Im Kloster Niederaltaich können Männer Besinnungsurlaub machen. Im Passauer Dom lohnt der Besuch eines Konzerts auf der weltgrößten Kirchenorgel. Hörenswert sind aber auch die Himmelstöne der Kirchturmglockenspiele, etwa in Cham, Bad Kötzting und Haidmühle.

Temelin

Proteste gibt es gegen das südböhmische Atomkraftwerk Temelin, gerade einmal 100 km von Passau entfernt, seit es als leistungsstärkstes AKW der Nachbarn im Jahr 2000 mit zwei russischen 1000-Megawatt-Reaktoren und einer US-Kontrollanlage ans Netz ging. Zwei zusätzliche und 10 Mrd. Euro teure Reaktorblöcke sollen 2015 in Betrieb genommen werden. Entsprechend lautstark sind die Bedenken. Denn das AKW gilt nicht erst seit Fukushima als extrem unsicher, über 110 Störfälle dokumentierten seine Gegner bereits. Im Juli 2006 leckte eine Ölleitung, im März 2007 lief radioaktives Wasser aus, im April 2010 und im Februar 2012 gab es Probleme in der Dampfzuleitung zur Turbine. Die Einwände beschäftigten schon die Regierungen in München und Berlin, wo dieses Atomkraftwerk keine Genehmigung erhielte.

Totenbretter

Es gibt sie einzeln und in Gruppen, manchmal sind sie überdacht: Vielerorts im Bayerischen Wald werden Sie die Totenbretter sehen, hölzerne Gedenktafeln für liebe Verstorbene, oft an deren Lieblingsplatz, oft mit derb heiteren Sprüchen und Zeitzeugnissen wie: "Der Vater in die Sense trat, das hat ihm den Tod herbei gebracht, ein Vierteljahr musst er schwer leiden, bis er konnt verscheiden" oder "Sie starb, als sie 15 Jahr und schon zu gebrauchen war". Sie stammen aus der Zeit, als es weder Leichenhäuser noch Särge gab. Man nähte den Leichnam in ein Leinentuch, bahrte ihn bis zum Begräbnis auf dem Brett in der Stube auf und trug ihn darauf zum Grab. Wurde das Brett nicht mit begraben, ließ man es vom Schreiner verzieren und beschriften und stellte es in die Gegend, so etwa an Arber und Falkenstein im Nationalpark, am Ranzersberg bei Lalling, bei Roding, Gotteszell oder Stamsried. In vielen Heimatzeitungen heißt die Rubrik für Nachrufe "Totenbrett". Moderne Variante sind die sogenannten Marterln, das sind Gedenksteine oder Kreuze am Straßenrand, die an Unfalltote erinnern.

Watten

Dreschen im Wirtshaus zwei Spielerpaare dramatisch altdeutsche Karten, frönen sie dem bayerischen Poker, dem Watten. Einsatz ist meist die nächste Runde Bier. Die "Kritischen", die drei höchsten Trümpfe, heißen "Maxe" (Herz-König), "Welle" (Schelln-7) und "Spitz" (Eichel-7), auch "Soach" oder "Bettsoacher" (Bettnässer) genannt. So alt wie das Spiel ist die Zeichensprache, mit der ein Watter den Partner über sein Blatt informiert (z. B. Kussmund für "Maxe"). Manchmal hat er das heimlich längst erledigt, wenn er mit anderen Signalen die Gegner täuschen will.

Wirtschaft

Es ist eine Folge der Globalisierung, dass sich die Nachbarschaft zu den EU-Mitgliedern Österreich und Tschechien zunehmend auf die Region auswirkt. Außerdem herrscht konjunkturbedingt immer wieder Angst vor Entlassungen. Neben der Glasindustrie sind der Tourismus und nicht zuletzt der Nationalpark wichtige Wirtschaftsfaktoren. Wer nicht dort sein Auskommen hat, findet als Pendler Arbeit bei BMW (Dingolfing und Landshut, Zweigwerk in Regensburg), in der Zahnradfabrik (Passau), bei Siemens (Regensburg), auf den Donauwerften oder in einer der Hochschulen in Passau, Deggendorf, Straubing, Landshut und Regensburg.

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Eigentlich kam die Oberbayerin 1984 nur zum Studieren nach Passau. Doch der Bayerische Wald ließ sie nicht mehr los. Das Mosaik aus Bergwiesenidyll und Stadtgewimmel faszinierte sie genauso wie die Menschen hier. Bis 1999 berichtete Christine Pierach als Redakteurin der Passauer Neuen Presse aus der Region, heute arbeitet sie in Passau als freie Journalistin und Fotografin.

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Quelle: www.marcopolo.de

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