Meistens hält es sich die Waage zwischen Verzweiflung und Glück für Elisa Hanusch. Das Glück quiekt gerade im Eimer, den sie mit sich trägt. Fünf Krötenmännchen und ein Krötenweibchen sitzen und rangeln darin. Drei Männchen streiten sich um das Weibchen, die anderen versuchen vergeblich die glatte Wand des Eimers hochzuklettern. Sie wissen nicht, dass Elisa Hanusch, 34, ihnen gerade wohl das Leben gerettet hat. Die Verzweiflung liegt wenige Meter von der Kaufbeurerin entfernt auf dem Boden, platt, die Lunge zerquetscht. Erst einige Augenblicke muss es her gewesen sein, dass ein Auto die Kröte erfasst hat.
Jedes Jahr im März beginnt am Kaiserweiher ein Naturspektakel, das vom Menschen immer mehr bedroht wird. Tausende Frösche, Molche und vor allem Kröten begeben sich auf die Reise zum Kaiserweiher, eines der größten Amphibiengebiete Bayerns am Rande von Kaufbeuren, um dort abzulaichen, also ihre Eier abzulegen. In ihrem Kopf haben die Kröten einen Magnetsinn - eine Art Krötennavi, das sie immer zurück zu dem Ort navigiert, wo die Tiere geschlüpft sind.
Elisa Hanusch ist ihr Krötentaxi. Für mehrere Wochen läuft sie mit anderen Freiwilligen den circa zwei Kilometer langen Weg um den Kaiserweiher ab und versucht möglichst vielen Tieren bei ihrem Weg über die Straßen zu helfen. Denn die sind die größte Gefahr für die Amphibien. Von drei Seiten ist der Kaiserweiher mittlerweile "eingekesselt", wie Hanusch sagt. Nur eine Seite des Weihers ist noch direkt an die Natur gebunden, der Rest ist bebaut mit einer Hochschule und zwei Neubauwohngebieten. Viele junge Familien sind in das Gebiet gezogen, das so schön in der Natur liegt. Nah an der kleinen Altstadt Kaufbeurens und doch mitten in der Idylle der Natur.
Immer wieder rasen an diesem Abend Mitte März Autos mit lauter Musik an Elisa Hanusch vorbei. Das Tempo-40-Schild, über dem Hinweisschild, auf dem der Frosch anzeigt, dass die Amphibienwanderung wieder begonnen hat, wird oft ignoriert. Die Tiere werden von den Autos überfahren. Oder es zerplatzen ihre Lungen durch den sich plötzlich ändernden Luftdruck auf der Straße, wenn ein Fahrzeug schnell vorbeifährt.

Elisa Hanusch fühlt sich durch die Rücksichtslosigkeit mancher Autofahrer darin bestärkt, dass ihre Arbeit wichtig ist. Sie läuft den kleinen grünen Zaun ab, den die Helferinnen und Helfer an der Straßenseite aufgebaut haben. Ihr Blick immer zum Boden gerichtet. Seit acht Jahren sammelt sie jedes Jahr im Frühling mehrere Wochen die Frösche, Molche und andere Amphibien und trägt sie über die Straße zum Weiher. Am liebsten sind ihr aber die Kröten. In ihrem Eimer quakt es mittlerweile noch lauter. Es haben sich schon acht Kröten darin gesammelt. "Die haben so eine Persönlichkeit", schwärmt sie. Sie sind so "charaktervoll", haben eine "knuffige Art".
Auch Elisa Hanusch war lange Zeit nicht bewusst, dass hier am Rand der Stadt ein riesiges Amphibiengebiet beheimatet ist. Erst als sie eine Krötensammelaktion in einem anderen Ort beobachtete und recherchierte, wo sie sich engagieren könnte, stieß sie auf die Sammelaktion der Ortsgruppe des Bund Naturschutz in Kaufbeuren.
Sie setzt die zehn quiekenden Kröten, die sie auf der ersten Strecke, gesammelt hat, ins sumpfige Wasser aus. Dann geht sie die Kemnater Straße entlang. Hier rasen die Autos besonders. Die Straße war früher außerhalb des Stadtgebiets und mutet auch heute noch wie eine Landstraße an. Auch deshalb hat die Stadt Kaufbeuren einen Tunnel für die Amphibien unter die Straße gebaut. An diesem Abend hat er zumindest zwei Kröten geholfen: Im Strahl der Taschenlampe sitzt ein Doppeldecker im Durchgang. So nennt Elisa Hanusch die schon vergebenen Pärchen - Weibchen mit einem Männchen auf dem Rücken. Da es in der Krötenpopulation deutlich mehr Männchen als Weibchen gibt, versuchen die Männchen, sich möglichst früh eine Partnerin zu "sichern" - indem sie auf ihren Rücken steigen und sich zum Weiher tragen lassen.

Einige Meter weiter hat die Stadt extra einen Grünstreifen angelegt, den die Kröten nutzen sollen, um durch die zwei Wohngebiete zu kommen. Mitten auf der "Krötenautobahn", steht heute allerdings ein Spielplatz. Daran vorbei schlängelt sich ein Weg, der bei den Kröten wegen des warmen Asphalts zwar beliebt ist, aber wegen der Radfahrer und Fußgänger gefährlich ist. Stattdessen fehlen Totholzhaufen und andere Verstecke, in denen sich die Tiere auf ihrem Weg verstecken und vor der Sonne schützen können. Eine findet Elisa Hanusch aber doch am Spielplatz. "Vorführeffekt", lacht sie und schiebt zwei Finger unter den Krötenmann. Er krallt sich an ihr fest, offenbar mit der Vermutung, ein Weibchen erwischt zu haben. Für Elisa Hanusch das Zeichen, dass er auf dem Weg zum Weiher ist und nicht schon wieder auf dem Rückweg. "Die Technik hab ich vor einigen Jahren herausgefunden", erzählt sie stolz. Biologin ist sie nicht, über die Jahre hat sie aber immer mehr über die Tiere gelernt.
Sie möchte auch die Anwohner für das Schauspiel, das hier jedes Jahr stattfindet, sensibilisieren. Am Rand des Weihers sind mittlerweile Infotafeln angebracht, die das Biotop Kaiserweiher und die Amphibienwanderung erklären sollen. Elisa Hanusch hatte das Lektorat übernommen. Manchmal kommen Schulklassen zu dem Weiher und helfen mit, auch an diesem Abend ist ein Lehrer mit ein paar Schülerinnen und Schülern unterwegs.

Zwei Stunden ist Elisa Hanusch an diesem Abend unterwegs, am Ende zählt sie, wie viele Tiere sie dokumentiert hat. Weil es zwar warm, aber trocken war, war es vergleichsweise ruhig an diesem Abend. 21 Kröten waren es bei ihr. Zusammen mit den anderen hat sie 102 Amphibien an dem Abend gerettet. Insgesamt werden im Frühjahr wieder einige Tausend von den knapp 50 Freiwilligen über die Straßen gebracht werden.
Im Juni geht dann ein weiteres Spektakel los: Hunderttausende kleine, sogenannte Hüpferlinge, die sich von Larven zu Kaulquappen zu kleinen Kröten entwickelt haben, werden sich strahlenförmig vom Kaiserweiher in die umliegende Landschaft begeben und Verstecke suchen. Auch dabei wird Elisa Hanusch wieder helfen, möglichst viele vor dem Tod auf der Straße und in Gullis zu retten.

