5. Juni 2016, 19:55 Bad Tölz Inszenierte Gewalt

Im vierten und letzten Teil ihrer Kunst-Aktion in der Tölzer Wandelhalle präsentieren Florian Hüttner und Till Krause eine Installation des Amerikaners Mark Dion

Von Petra Schneider

Wie wandelbar die Tölzer Wandelhalle ist, hat sich im Lauf des vergangenen Jahres eindrucksvoll gezeigt: Sie wurde zum Exerzierplatz für bedrohliche Kapuzenhenker, zur entrückten Weltraumsphäre mit blauer Sonne, zum Ort der Begegnung und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht. Im vierten und letzten Teil der Ausstellungsreihe "HALLE - Politik. Die Tölzer Wandelhalle - ein Großbau der Moderne wird herausgefordert" wird sie zum Schießstand.

Ein Sofa mit Camouflage-Überwurf, Stapel mit Zielscheiben, Patronenhülsen. Eine gelb-schwarze Linie markiert, von wo aus geschossen wird. Zwei leere Biergläser erwecken den Eindruck, als habe hier gerade noch jemand gesessen. Sich in das Sofa gefläzt, einen markigen Spruch abgelassen und rumgeballert. 35 Meter sind es bis zu einer Barrikade aus Zielen, die die Wandelhalle durchschneidet. Bratpfannen mit Einschusslöchern, Autotüren, eine zerborstene Scheibe. In eine Kühlschranktür ist ein fast faustgroßes Loch gerissen. An Holzgestellen, die wie Galgen wirken, baumeln die Hälse von Flaschen. Zielscheiben der National Rifle Association mit verschiedenen Motiven sind durchlöchert: Etwa ein "Bad Guy - Target", auf dem ein bärtiger Mann mit Kapuzenjacke abgebildet ist, die Pistole auf den Betrachter gerichtet, der Blick feindselig.

Die Wandelhalle mit ihrer klassischen Ästhetik wirkt beschädigt. Schrott und Müll haben Besitz von ihr ergriffen, Gewehre und Gewalt. Mit jedem Schritt vom Sofa bis zu den Zielscheiben wächst das Unbehagen: Immer deutlicher zeugen die Einschusslöcher von brachialer Gewalt. Immer stärker wird das Gefühl, dass man womöglich selbst zur Zielscheibe werden könnte, in dieser langen, langen Halle. "Shooting Gallery" hat Mark Dion seine Installation genannt. Vor drei Tagen ist der Objekt- und Installationskünstler erst aus New York angereist. Gemäß dem Konzept der Reihe wurde auch er gebeten, sich ausgehend von einem historischen Foto mit der wechselnden Funktion und Nutzung der 1929 gebauten Wandelhalle auseinander zu setzen. "Die Halle und die Neue Welt (Amerikanische Besatzung)" ist sein Aufgaben-Foto überschrieben. Es zeigt die leere Halle im Jahr 1953. An den Wänden gemalte Klischees, die längst übertüncht sind: Wolkenkratzer und Flugzeuge, Segelyachten vor endloser Bläue. Ein Identifikationsort für die in Bad Tölz stationierten GIs, die in der Wandelhalle einen Supermarkt, den "PX-Store" betrieben.

Die beiden Ausstellungsmacher Florian Hüttner und Till Krause, die die renommierte Hamburger Galerie für Landschaftskunst (GFLK) und deren Dependance in der Tölzer Wandelhalle betreiben, wollten für das letzte Bild ihrer Reihe einen amerikanischen Künstler. Mark Dion, der in Pennsylvania und New York lebt, hat die Wandelhalle in einen inszenierten Raum verwandelt, der einen "dunklen Aspekt" der amerikanischen Kultur aufgreife. Die Verherrlichung von Gewalt durch Waffen, die in keiner anderen Kultur so verankert sei wie in Amerika. "Jeder, der einen Führerschein hat, kann ein Gewehr kaufen, mit dem man töten kann", sagt Dion. Die Objekte, die als Zielscheiben dienen, stammen aus beiden Kulturen, aus Pennsylvania und Bad Tölz. Darunter sind auch kleine Blechkännchen, die Krause und Hüttner im Keller der Wandelhalle gefunden haben. Sie stammen noch aus dem ehemaligen PX-Store. Die Einschusslöcher hat der Künstler zusammen mit dem örtlichen Jagdverein "eingearbeitet". 18 verschiedene Kaliber hätten sie verwendet, erzählt Dion. Und - "es hat Spaß gemacht". Es sei nicht seine Absicht, zu belehren und einfach die amerikanischen Waffengesetze zu kritisieren. Denn Aufgabe der Kunst sei es, den Zweifel zu säen und Widersprüche aufzuzeigen. Die hässlichen Seiten und die Rationalisierungen, mit denen diese gerechtfertigt werden. Jäger zum Beispiel seien sehr engagiert, wenn es um Schutz und Hege der Tiere gehe. "Aber das Resultat all ihrer Studien ist: Sie töten sie."

Dion hat an der School of Visual Arts in New York studiert. Der 54-Jährige wirkte bei diversen internationalen Ausstellungen mit, etwa im Museum of Modern Art in New York, bei der Biennale in Venedig und 2012 bei der Documenta 13 in Kassel. Seine Hauptthemen sind Natur und Landschaft, deren Repräsentation in Naturwissenschaft und Kunst, das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt. Er erstellt Szenerien und artifizielle Landschaften, oft mit feinem Humor und jenseits romantischer Verklärung. Den schönen Schein von Fortschritt und amerikanischem Traum, wie er in den Wandbildern der Halle in Szene gesetzt worden war, kontrastiert er mit seiner "Landschaft aus Müll und Zerstörung".

Ausstellung bis 25. Juni, Mittwoch bis Sonntag 18 bis 20 Uhr, Wandelhalle, Ludwigstraße 14.