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Burhan Qurbani auf der Berlinale:Das ist es jetzt

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Ein ikonisches Werk der Literatur soll den Blick zurück auf die deutsche Gegenwart lenken - das ist die Idee von Regisseur Burhan Qurbani.

(Foto: Regina Schmeken)

Franz Biberkopf ist heute schwarz, heißt Francis und sucht Zuflucht. So muss es sein für Burhan Qurbani, dessen Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz" im Berlinale-Wettbewerb läuft. Eine Begegnung.

Von Juliane Liebert, Berlin

Am Ende wird Burhan Qurbani ein bisschen nervös, weil er gerne rauchen möchte. Alle Fragen sind beantwortet, jemand hat ihm einen Aschenbecher auf den Tisch im Büro gestellt, aber er ist zu höflich, tatsächlich drinnen zu rauchen. Der Aschenbecher bleibt unberührt.

Der gebürtige Rheinländer, Sohn afghanischer politischer Flüchtlinge, ist einer der vielversprechendsten deutschen Regisseure. Sein Abschlussfilm an der Filmhochschule, "Shahada" lief 2010 im Wettbewerb der Berlinale, da war er noch Student. 2014 erschien "Wir sind jung. Wir sind stark.", ein Spielfilm über die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Dieses Jahr läuft seine Adaption von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" als einer von zwei deutschen Filmen im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Sie spielt im Hier und Jetzt, im Drogenmilieu der Hasenheide. Sein Franz Biberkopf heißt jetzt Francis. Er wird von Welket Bungué gespielt. Francis ist "Zufluchtsuchender", wie Qurbani sagt, ein langes, sehr deutsches, merkwürdig tröstliches Wort: Zuflucht. Im Duden definiert als "Ort, jemand, den man in der Not aufsucht, um Schutz, Hilfe zu bekommen; Sicherheit (für einen Verfolgten, in Not Geratenen). Beispiel: ,Du bist meine Zuflucht'." Francis kommt nach Deutschland, um Zuflucht zu finden. Er will gut sein - wie sein Vorbild Franz Biberkopf.

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"Ich hab an der Hasenheide gewohnt." erzählt Qurbani, "ich wollte immer etwas über diese Jungs dort machen. Ich finde die Situation beschissen. Da hast du diesen ultrabürgerlichen Park, wo die Mittelschicht mit ihren Kindern spazieren geht, und die kriegen ein ganz bestimmtes Bild von der Community in diesem Park: Schwarzer Mann = Dealer. Ich fand den Gedanken scheußlich und wollte einen Film über sie machen. Aber ich dachte: Egal, was du in Deutschland über die Community machst, es wird nicht wahrgenommen werden. Es wird versickern und dann hat es keiner gesehen."

Irgendwann kam ihm der Gedanke: Doch was, wenn es "Berlin Alexanderplatz" ist? "Was, wenn diese Jungs und Mädels, die an den Rand der Gesellschaft gespült sind, wo wir unser Tunlichstes tun, um sie zu ignorieren, sie nicht in unseren Alltag reinzulassen, was ist, wenn wir sie mit dieser Figur besetzen? Dann kannst du es nicht ignorieren, nicht wegschauen. Du musst hinschauen."

In gewissem Sinne ist Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" also ein trojanisches Pferd. Es nimmt ein Stück Kartoffelkanon und zwingt es in die Gegenwart. Was die, von denen man annimmt, dass sie sich empören werden, schon im Vorab empört — unter dem Youtube-Trailer zum Film tummeln sich rechtstümelnde Kommentare, manche an der Grenze zum Gewaltaufruf.

Als sie das Projekt begannen, waren Qurbani und sein Co-Autor Martin Behnke zunächst überrascht, dass die Filmrechte überhaupt noch frei waren, als sie beim Fischer-Verlag anfragten. So entstand der Kontakt zu Stephan Döblin, dem jüngsten Sohn, der die Rechte seines Vaters verwaltet. "Es gab einen langen Briefverkehr zwischen ihm und mir", sagt Qurbani. "Ich habe versucht, ihm zu erklären, was ich vorhabe. Er meinte, er findet das richtig und im Sinne seines Vaters. Das Einzige, worauf er Wert gelegt hat, war, dass wir das Erbe seines Vaters achten, und dass der Franz am Ende in der Gemeinschaft aufgeht. Das ist das Ende des Romans. Wenn Franz Biberkopf auf dem Alexanderplatz steht, dann ist er Teil dieser Gemeinschaft."

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Alfred Döblin hat seinen Roman "Berlin Alexanderplatz" aus der intellektuellen Gottesperspektive erzählt. Ähnlich wie bei Joyce in "Ulysses" sind die Figuren dem Autor sozial unterlegen, der komplexen Bühnenmaschinerie des Romans ausgeliefert. Sein Blick ist der eines Arztes. Eines Arztes, dem Franz Biberkopf trotzdem nicht egal sein muss — der aber mit einer gewissen klinischen Kälte auf ihn schaut. Qurbani hat immer irritiert, dass er beim Lesen nicht an die Figuren ran durfte. "Der Autor hat mich bewusst von den Figuren ferngehalten. Als Filmemacher musst du die ultimative Empathie erzeugen. Du musst den Charakter lieben. Sogar die hassenswerten Figuren musst du lieben. Sogar Reinhold muss faszinierend und sexy und liebenswert sein. Sonst leidest du nicht mit."

"Genau dafür macht man ja diese Art von Film", sagt Burhan Qurbani. "Als antifaschistischen Widerstand."

Rainer Werner Fassbinder hätte diese Forderung nach ultimativer Empathie wohl irritiert. Von ihm stammt die bis dato letzte Verfilmung des Romans, eine Fernsehserie aus dem Jahr 1980. Sein Stil war eher die Verfremdung durch ausdrucksloses oder stark expressives Spiel und künstliche Orte. Zusammengefunden hätten Fassbinder und Qurbani vielleicht bei Reinhold, der einem in der intensiven Darstellung von Gottfried John als innerlich zerrissener, aber diabolisch manipulativer Charakter schmerzhaft nahe geht.

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Qurbani schreibt mit seinen Schauspielern immer gemeinsam eine Biografie für die Figuren, und zwar über drei Generationen. Er glaubt, die "Neurosen unserer Großeltern sind die Neurosen unserer Eltern sind unsere Neurosen". Wer die packe und verstehe, könne sich viel einfacher in eine Figur hineinspielen.

Am stärksten sind Qurbanis Filme tatsächlich immer da, wo sie den kleinen Gesten und Wörtern, dem Alltag, dem Unwillkürlichen Raum geben. Schon in "Wir sind jung. Wir sind stark." stellt das Schwarzweiß zwar einerseits Distanz her, befreit den Film aber auch vom Plüsch des historischen Dekors und verleiht ihm existenzielle Wucht. Jede Einstellung des Films ist durchdacht. Es ist Qurbani offensichtlich ein Anliegen, die Sehnsucht nach einem Leben, das den Namen verdient, in den Körpern der Jugendlichen Gestalt annehmen zu lassen. Ohne diese Ebene politisch zuzukleistern. Die Vietnamesen in "Wir sind jung" sind keine Repräsentanten von irgendwas, sondern einfach Menschen, die es in ein fremdes Land verschlagen hat. Die entschlossen sind, sich dort ein Leben aufzubauen.

"Wir hatten Angst, dass uns der Film viel mehr um die Ohren fliegt. Weil es um diesen angekündigten Pogrom in Rostock ging. Der Film kam genau zu der Zeit raus, als Pegida auf die Straße gegangen ist und die AfD immer stärker wurde. Ich glaube, in einer Zeit, in der in Deutschland Politiker auf der Straße erschossen werden, in der Journalisten und Persönlichkeiten aus der Öffentlichkeit auch physisch angegriffen werden oder auf irgendwelchen Mordlisten stehen, liegt der Gedanke, dass es Drohungen geben könnte, nicht fern. Aber gerade dann muss man sich hinstellen und sich dem aussetzen. Genau dafür macht man ja diese Art von Film. Als antifaschistischen Widerstand."

Wenn Qurbani über sein Team spricht, liegt Zärtlichkeit in seiner Stimme. Er macht analoge Fotos von allen, die mitgeholfen haben, von der Soundmixerin über den Kameramann bis, natürlich, zu den Schauspielern. Er schwärmt von Welket Bungué, Jella Haase und Albrecht Schuch.

Auch wo seine Filme politisch sind, produzieren sie stets Schönheit, ohne amoralisch zu ästhetisieren. Die Inszenierung abstrahiert kaum je von den Menschen. In "Wir sind jung" gibt es eine Szene an der Ostsee. In der sieht man in einer Einstellung einen der Jungs von hinten nackt am Strand stehen. Sein einer Oberschenkel und Hintern zittert. Als wäre ihm kalt oder als hätte er einen Zitterkrampf, wie man ihn vom Schwimmen manchmal bekommt. Qurbani will die Menschen verstehen, indem er ihnen zuschaut. Auch und gerade dort, wo sie Böses oder Dummes tun.

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"Ich mag diesen Begriff aus der Soziologie - der Neue Deutsche", sagt Burhan Qurbani

Als er in Halle an der Saale drehte, arbeitete er einmal an einer Szene mit 500 Statisten, die für den Film alle "Ausländer raus!" schreien mussten. Er hatte Angst, es könnten wirkliche Ausländerhasser darunter sein. Über Lautsprecher sagte er: "Wir müssen jetzt einen O-Ton machen, und zwar müsst ihr alle "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" schreien." Es funktionierte nicht. Also sagte er "Ich bin hier Ausländer in Deutschland, ihr habt meine offizielle Erlaubnis." Dann fing er selbst an. Erst da machten die Statisten mit.

"Ich mag diesen Begriff aus der Soziologie - der Neue Deutsche. Ich glaube, damit bin nicht ich gemeint, sondern du. Also nicht ich, der ich hier als Flüchtlingskind geboren bin, sondern du, die du dein eigenes Land eben als das Land siehst, das pluralistisch ist und in dem es selbstverständlich ist, dass ich neben dir genauso aufwachse. Ich habe den Begriff ein bisschen umgeformt — bei mir sagt Berta, der Transmensch auf der Party: ,Wir sind die neuen Deutschen, wir haben uns für uns entschieden'. Was heißt das? Dass Deutschland nie mehr rein cis oder hetero sein wird. Vor allem wird Deutschland nie mehr komplett weiß sein. Das ist es jetzt. Fucking live with it."

© SZ vom 20.02.2020/cag
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