René Adler fehlt, Robert Enke spielt, Tim Wiese grummelt - und im Hintergrund träumt ein alter Bekannter vom Comeback - so sehr, dass die Biographie noch warten muss, weil ein Kapitel fehlt.
Jens Lehmann nach seinem letzten Spiel als Torwart der Nationalelf. Foto: rtr
Zu den Ritualen einer DFB-Pressekonferenz gehört es, dass Journalisten immer genau das wissen wollen, was der Bundestrainer genau nicht sagen will. Den Journalisten wäre es am liebsten, der Trainer würde zu Beginn der Veranstaltung mit der Aufstellung rausrücken, dann könnten sie sich die lästigen Fragen sparen. Insofern war es fast spektakulär, als Joachim Löw am Donnerstag betont beiläufig das Geheimnis des Tages ausplauderte, listig verpackt zwischen Stefan Kießlings "überraschenden Kniebeschwerden" und Piotr Trochowskis Innenbanddehnung.
"Im Tor wird Robert Enke beginnen", sagte Löw und setzte zu einer Lobeshymne an - auf Tim Wiese, der "sein Torwartspiel und seine fußballerischen Qualitäten enorm verbessert" habe. Diese schönen Fähigkeiten wird der Bremer im WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein aber leider nur auf der Bank zur Geltung bringen - womit es ihm immer noch besser ergeht als René Adler, der wegen seines lädierten Ellbogens nun endgültig vom Sport befreit wurde. Ob der Leverkusener zum zweiten Spiel nach Wales mitreist, soll per Härtetest am Sonnabend ermittelt werden (Tendenz: eher nein). Spielen wird auch dort Robert Enke.
Wer Torwartdebatten spannend findet, darf nun also mit Wonne einen neuen Zwischenstand notieren: Adlers klitzekleiner Vorteil gegenüber Enke ist aufgrund jüngster Patzer noch klitzekleiner geworden und nun verletzungsbedingt wohl aufgebraucht, während Enke sich seinerseits an einem kleinen Vorteil gegenüber Wiese wärmen kann, der wiederum einen mittelgroßen Vorsprung vor dem Schalker Manuel Neuer verwaltet. Für die endgültige Besetzung des WM-Tores bedeutet der Zwischenstand vom März 2009 eher wenig; zumal es in diesem schönen Torwartland einen Torwart gibt, der davon ausgeht, dass - wenn vier sich streiten - der Fünfte sich freut.
Man kann es Löw nicht verdenken, dass er mit der frühzeitigen Verkündung der Personalie Enke ein wenig Ruhe in die Debatte bringen will, aber nach SZ-Informationen hat die verführerisch offene Torwartfrage einen guten, alten Bekannten auf eine Idee gebracht, die demnächst durchaus für etwas Unruhe sorgen könnte. Jens Lehmann, 39, der Vorgänger von Adler und Enke und Wiese, kann sich offenbar gut vorstellen, auch ihr vorübergehender Nachfolger zu werden.
Lehmanns Einjahres-Vertrag mit dem VfB Stuttgart endet im Sommer, und er hat den Anwalt Jörg Rüsing beauftragt, mit dem VfB über eine Vertragsverlängerung zu verhandeln. Für dieses Wochenende sind die finalen Gespräche veranschlagt, Mitte kommender Woche soll das Ergebnis der Verhandlungen öffentlich werden. Aus Lehmanns Umfeld ist zu hören, dass den Torwart (neben der charmanten Aussicht, ein weiteres Jahr sehr viel Geld zu verdienen) vor allem ein Motiv umtreibt: Am liebsten würde er seine Karriere mit einem WM-Turnier beenden - zumal die einzige Fachjury, die Lehmann als kompetent gelten lässt, ihn nach wie vor für den besten deutschen Torwart hält (bei dieser Jury handelt es sich übrigens um Jens Lehmann selbst).
Wie ernst es Lehmann mit seinen Plänen ist, wissen sie am besten in Köln, beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Dort sollte in Kürze Jens Lehmanns Autobiographie mit dem recht lustigen Titel "Warum eigentlich gerade ich?" (ISBN: 978-3-462-04110-1) erscheinen; zwar ist das Buch, von Lehmann teilweise eigenhändig verfasst, bereits in die aktuellen Programmankündigungen aufgenommen worden, inzwischen aber heißt es im Verlag vorsichtig, die Sache sei "heikel" und das Buch "in der Entstehung". Offenbar ist Lehmann mittlerweile zu der Meinung gelangt, das Buch sei doch noch nicht fertig. Er hat ja immer wieder betont, das Buch solle erst erscheinen, wenn er kein aktiver Sportsmann mehr sei - er fürchtet, dass die Lektüre den Torwart in ihm zu sehr verrät.
So deutet immer mehr darauf hin, dass Lehmann sich entschlossen hat, seinem Buch und seiner Karriere ein weiteres Kapitel anzuhängen. In Stuttgart haben sie Lehmanns grundsätzliche Neigung zur Vertragsverlängerung erfreut registriert; nicht ganz so erfreulich finden sie aber, dass der Torwart seinen Wert offenbar recht hoch einschätzt. Von harten Verhandlungen ist die Rede, und noch ist ungewiss, ob der VfB Stuttgart willens und in der Lage ist, Lehmanns finanzielle Forderungen zu erfüllen.
Dennoch ist fürs Erste davon auszugehen, dass sie beim DFB nun nicht nur die Enttäuschung des grummelnd auf die Bank verfrachteten Bremers Tim Wiese zu moderieren haben. Sie müssen auch damit rechnen, dass der gute, alte Lehmann demnächst öffentlich seine Dienste anbietet - womöglich mit dem Argument, dass die Hierarchie dieser jungen Elf neben Michael Ballack ein weiteres Schwergewicht vertragen könnte.
Das Qualifikationsspiel gegen Russland im Oktober sei für die Torwartfrage "sicher das wichtigste Spiel", sagte Torwarttrainer Andreas Köpke am Donnerstag. "Wer da spielt, wird sich einen Vorsprung herausgearbeitet haben." Geht es nach Löw und Köpke, werden dort entweder Adler oder Enke im Tor stehen. Aber ein angehender Buchautor wird genau verfolgen, ob sich die Serie aus Torwartfehlern und -verletzungen fortsetzt. Und dann im richtigen Moment fragen: Warum eigentlich nicht ich?
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(SZ vom 27.03.2009/jüsc)






