Staatsaffäre im britischen Fernsehen: Der kriselnde Sender Channel 4 strahlt eine Alternative zur Ansprache der Queen aus - ausgerechnet von Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.
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Beste Wünsche zum Fest: Mahmud Ahmadinedschad im britischen Fernsehen. Der Sender Channel 4 strahlte seine Rede als Alternative ... Foto: AFP
Zwei Weihnachtsansprachen sind in Großbritannien zur Tradition geworden. Da ist zum einen die offizielle der britischen Königin: Dieses Weihnachten sei anders als sonst "für viele ein eher düsteres Ereignis", sagte Queen Elizabeth II., 82, am Donnerstag in der von den Fernsehsendern BBC und ITV ausgestrahlten Rede: "Manche Dinge, die einst für selbstverständlich angesehen wurden, erscheinen nun auf einmal weniger sicher und führen zu mehr Unsicherheit."
Und dann gibt es noch eine zweite, eine "alternative Weihnachtsansprache", die die TV-Station Channel 4 seit 1993 an das Volk sendet - alternativ heißt, sie sollte schon im Gegensatz zur royalen Rede stehen. Dass aber diesmal am Abend, kurz nach Elizabeth II., ein langes Statement des umstrittenen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad ausgestrahlt wurde, erregt ganz Großbritannien. Der wirtschaftlich kriselnde Sender Channel 4, der womöglich mit öffentlichem Geld gerettet werden muss, sorgte für eine Art Staatsaffäre.
Ahmadinedschad trat ruhig und freundlich auf, warb bei den Briten um Vertrauen.
Er bot den Briten seine besten Wünsche zum Fest - "den Gläubigen Abrahams, besonders den Gläubigern Jesus Christus und dem Volk von Großbritannien", sagte Ahmadinedschad auf Farsi. Die Regierung wettert nun gegen Channel 4 wegen der Entscheidung, dem umstrittenen Iraner eine Bühne zu bieten.
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... zur traditionellen Weihnachtsansprache der Queen aus. Foto: AFP
Das Außenministerium erklärte, es werde überall als "Beleidigung" angesehen, einem Mann eine Plattform zu geben, der den Holocaust einen "Mythos" nennt - auch wenn sich der Präsident im englischen Fernsehen konziliant äußere. Eine Sprecherin des Ministeriums erklärte, Ahmadinedschad habe eine Reihe antisemitischer Äußerungen gemacht. "Die britischen Medien sind frei, ihre eigenen redaktionellen Entscheidungen zu treffen, aber diese Einladung wird Verärgerung nicht nur daheim, sondern auch unter befreundeten Ländern im Ausland auslösen."
Der Schattenaußenminister der Konservativen, William Hague, nannte die Ausstrahlung "bizarr und töricht". Ahmadinedschad für die Ansprache auszuwählen, hinterlasse den falschen Eindruck, als komme er in Großbritannien mit seinen Ansichten gut an.
In der Ansprache auf Channel 4 erklärt der iranische Präsident, Christus würde sich - wenn er heute leben würde - gegen aggressive, unausgeglichene und expansionistische Kräfte wenden. Er würde für Gerechtigkeit, Liebe und Humanität eintreten - eine versteckte Attacke auf die USA.
"Geschmacklose und pervertierte Ironie"
Channel 4 musste harte Anstrengungen unternehmen, um Ahmadinedschad zu bekommen. Das Ganze war eine geheime Kommandosache, bis dann ein Filmteam von ITN den TV-Auftritt enthüllte. Weil die Causa so sensibel ist, entschloss sich Channel 4, die alternative Ansprache - anders als sonst - nicht parallel zur Queen auf der BBC zu senden, sondern später. Man habe keine Gleichheit zwischen den beiden symbolisieren wollen.
Dorothy Byrne von Channel 4 sagt, die Äußerungen des Chefs eines der mächtigsten Staten im Mittleren Osten seien enorm einflussreich. "Da wir uns einer kritischen Phase in den internationalen Beziehungen nähern, bieten wir Inneneinsichten in eine andere Sicht der Welt."
Channel 4 wird heftig kritisiert. Ein Menschenrechtler sagte, Ahmadinedschads vernünftig wirkende Worte seien "pure Propaganda". Seine Handlungen schlössen die brutale Unterdrückung des eigenen Volkes ein.
Ron Prosor, Israels Botschafter in London, spricht von "geschmackloser und pervertierter Ironie" - und erklärt: “Im Iran müssen Menschen, die zum Christentum konvertieren, die Todesstrafe befürchten. Es ist pervers, diesem Despoten zu erlauben, über die Ansichten Jesus zu spekulieren, während seine Regierung Christen zum Galgen führt."
Der iranische Regierungschef hat im September 2007 bei seinem Auftritt an einer New Yorker Universität zu den Studenten gesagt: "Wir haben in Iran keine Homosexuellen wie ihr in eurem Land." Doch Filmaufnahmen zeigen, wie Homosexuelle in Teheran öffentlich hingerichtet werden.
Mit seiner Weihnachtsansprache reiht sich Ahmadinedschad in eine Riege umstrittener Persönlichkeiten ein. Der erste, der 1993 eine solche alternative Ansprache auf Channel 4 hielt, war übrigens Quentin Crisp - eine Ikone der Schwulenbewegung in den 70ern.
(sueddeutsche.de/dpa/hai)
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