"Putin ist ein eiskalter Technokrat"

    Interview mit Otto von Habsburg

    25.11.2005, 10:09

    Interview: Johannes Honsell und Oliver Das Gupta

    Der langjährige Europa-Politiker misstraut dem mächtigen Ex-KGB-Mann im Kreml. Er fürchtet eine Restalinisierung Russlands. Im Gespräch mit sueddeutsche.de plädiert der Sohn des letzten österreichischen Kaisers zudem für ein entbürokratisiertes Europa, eine verkürzte Verfassung und einen EU-Senat.

    Otto von Habsburg (93) mit seiner Ehefrau Regina (Foto: Reuters)

    sueddeutsche.de: Herr von Habsburg, waren die Unterzeichnung der EU-Verfassung und die Osterweiterung die glücklichsten Momente in Ihrem Leben?

    Otto von Habsburg: Ich würde sagen, die Unterzeichnung der Verfassung nein, die Osterweiterung ja. Weil für mich die europäische Union eine Sicherheitsgemeinschaft ist. Wenn man viele Kriege erlebt hat, weiß man: Wenn man Sicherheit hat, ist die ökonomische Situation gleich besser. Daher ist das Allerwichtigste die Sicherheit. Schauen sie sich doch die Karte an, wo Europa liegt. Da haben wir einige Nachbarn, die nicht so erfreulich sind.

    sueddeutsche.de: An welche Nachbarn denken Sie da?

    Habsburg: Russland, an erster Stelle. Russland hat sich immer ausgedehnt. Unter Jelzin war das im Grunde schon so. Es ist das größte imperialistische Land, das es gibt. Es geht bis zu den Kurilen auf der einen Seite und träumt auf der anderen noch immer davon, die baltischen Staaten zurückzubekommen.

    sueddeutsche.de: Wladimir Putin ist also eine Gefahr für Europa?

    Habsburg: Putin ist etwas ganz anderes als Jelzin war. Jelzin war immer betrunken, was ihn sympathisch gemacht hat. (lacht) Er war halt so ein typischer hundertprozentiger Russe. Auf mich machte er immer einen sehr guten Eindruck.

     
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    sueddeutsche.de: Und Putin ist kein typischer Russe?

    Habsburg: Putin ist ein eiskalter Bürokrat und Technokrat. Ich befasse mich schon sehr lang mit Putin, schon zu einer Zeit, als die Leute noch gar nicht wussten, dass er existiert. Aus einem reinen Zufall übrigens.

    sueddeutsche.de: Aus Zufall? Sind sie sich etwa begegnet?

    Habsburg: Schauen Sie, als damals der letzte Wahlkampf in der DDR (im Jahr 1990) stattfand, kam ich an einem Freitagabend in einem Dresdner Hotel an. Der Direktor sagte mir: Vergessen sie nicht, heute finden die antikommunistischen Demonstrationen statt. Man fürchtete, dass dort vielleicht geschossen würde. Ich bin natürlich hingegangen, hab dann bei dieser Demonstration Leute getroffen, die aus Gefängnissen herausgelassen wurden damals, in denen sie auch mit Russen zu tun hatten. Und einige haben gesagt: Da gibt es einen jungen Russen, der besonders arg ist. Sein Name sei Wladimir Putin. Und seither habe ich mich für ihn interessiert, weil sich niemand sonst für ihn interessiert hat.

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