Von M. Golia

Dafür gibt es keine elegante Power-Point-Präsentation: Ägypten ist eine fortgeschrittene Kultur im Zustand fortgeschrittenen Verfalls.

Ägypten, dpaBild vergrößern

Relikt aus vergangenen Hochzeiten: die Pyramiden von Gizeh. Foto: dpa

Das Klima wandelt sich. Hierzulande merkt man es nur peripher. Andere Gegenden verändern sich jedoch dramatisch.

Aber wirkt sich das auf den Alltag aus? Wir haben Schriftsteller, Publizisten und Wissenschaftler in aller Welt gefragt, inwieweit sie den Klimawandel schon jetzt spüren.

Heute setzen wir unsere Serie fort mit einem Stück aus Ägypten, dessen Bevölkerung der bevorstehenden Katastrophe notgedrungen gleichgültig gegenübersteht. Jeder Sommer in Kairo ist schließlich schon tödlich.

Das Verhältnis Ägyptens zum Wasser hat immer schon das Schicksal des Landes bestimmt. Die alten Ägypter sorgten sich in erster Linie nicht um den Tod, wie gerne behauptet wird, sondern um das Leben, und sie wussten genau, dass Wasser dafür unverzichtbar ist.

Städte wurden aus dem Wüstenboden gestampft

Dass es den Nil gab, erschien ihnen als derart glücklicher Zufall, dass sie sich das Paradies vorstellten als bescheidenes, dafür aber ewiges Dasein auf den "Feldern der Gesegneten" - an seinen Ufern.Der Nil schenkte Ägypten das Leben, die ägyptische Zivilisation aber verdankt sich der Fähigkeit, seine Fluten richtig vorauszusagen und mit ihnen zurechtzukommen.

Nicht der Krieg, sondern die schöpferische Zähmung der Natur bildete die grundlegende Basis für ihre Macht. Schlechte Planung kombiniert mit zu viel oder zu wenig Wasser, schon kam der Tod über das Land - und stürzte Dynastien.

Die Grenze zwischen Mangel und Überfluss bleibt tief in Ägyptens Topographie eingeritzt, als dünnes grünes Rückgrat einer endlos breiten Wüste. Zehn Länder haben Anteil am längsten Fluss der Welt, und Ägypten liegt am Ende seines 6695 Kilometer langen Verlaufs.

Städte wurden aus dem Wüstenboden gestampft; Häfen, Eisenbahnlinien, Straßen und der Suezkanal - all das wurde in weniger als 20 Jahren erbaut. Unglücklicherweise bestimmte dann die englische Textilindustrie die ausländische Politik der Krone, etwa so wie es die Ölindustrie heute tut.

Sie wollten die ergiebigen, vom Nil gespeisten Gebiete in Ägypten und im Sudan als Baumwollplantagen nutzen, die Einheimischen als billige Arbeitskräfte einsetzen und den Suezkanal als ihre Leitung zur Welt. Die Besatzung begann 1882 und endete 1952 mit dem Aufstand der Offiziere.

Die Mittelmeerküste verschwindet

Im Jahr 1960 konnte Ägypten seine 26 Millionen Einwohner mit fast allen Grundnahrungsmitteln selbst versorgen. Aber die Bevölkerung wuchs. Der Hochdamm, der die jährlichen Fluten gänzlich aufhielt, sollte die Fläche des Ackerlands maximieren, vor allem aber eine industriebasierte Ökonomie versorgen.
In Zeiten der globalen Erwärmung spiegelt sich in Ägyptens Misere diejenige der ganzen Welt wider: zu viele Menschen, zu wenig Land, Nahrungsmittel und Wasser, aber genug Salzwasser, um Millionen von Menschen zu vertreiben. Der Mensch antwortet auf solche Situationen mit Verleugnung; dass die Natur selbst die Größten in ihre Schranken weist, wird immer neu vergessen.

Gleichwohl vergleichen Ägyptens Führer ihre großen Erfolge gerne mit denen der Pharaonen. In der Tradition der Großen Pyramiden baute Gamal Abdel Nasser den Großen Assuan-Damm, 17 mal größer als die Cheops-Pyramiden; beteiligt waren 30000 Arbeiter, die fünf Jahre lang ununterbrochen bauten.

Vor kurzem wurde die Bibliotheca Alexandria als Nachfolgerin der Großen Bibliothek von Alexandria eingeweiht, die im Jahr 391 zerstört worden war. Die Bibliotheca, die die aufgeklärte Toleranz der nunmehr 27 Jahre währenden Regierung Mubaraks symbolisieren soll, ist passenderweise in einem unterirdischen Bunker untergebracht, ihr keilförmiges Dach blinzelt argwöhnisch auf das Mittelmeer.

Nun gibt es Pläne für ein futuristisches Unterwassermuseum im Hafen von Alexandria, eine Unterseekapsel, in der vor allem abgestürzte Brocken von Pharos, dem Großen Leuchtturm, präsentiert werden sollen.

Merkwürdigerweise wird selten erwähnt, dass Ägyptens Mittelmeerküste verschwindet, was man als das "Große Debakel" bezeichnen könnte. Vor fünfzig Jahren boten die Strände Alexandrias noch tausenden herumtollenden Ägyptern Platz.

Heute erreicht das Meer die Uferstraße, unsere "Corniche". An windigen Tagen überzieht der Schaum der sich brechenden Wellen die Fußgänger mit einem feinen, salzigen Schleier. Seriösen Schätzungen zufolge könnte noch in diesem Jahrhundert die ganze Stadt zu einem Unterwassermuseum werden.

Ein stark geschrumpfter Nil

Der Meeresspiegel müsste dafür nur um einen Meter ansteigen. Aber schon die ersten 30 Zentimeter, von der Abteilung für Klimawandel der Egypt's Environmental Affairs Agency innerhalb der nächsten 13 Jahre vorausgesagt, werden mindestens eine halbe Million Ägypter vertreiben und 200 Quadratkilometer Küstenland verschlucken.

Land ist kostbar in Ägypten. Nur rund vier Prozent sind für die Landwirtschaft geeignet oder bewohnbar; 80 Millionen Menschen bewohnen eine Fläche, die so groß ist wie die Schweiz. Ungefähr 40 Prozent der Bevölkerung leben entlang der Küsten des Mittelmeeres und Roten Meeres, der größte Teil in stark bedrohten Ballungsräumen am Rande der Städte Alexandria, Port Said, Rosetta und Damietta.

Jahrtausendelang lagerten die Nilfluten hier jeden Sommer zwischen 50000 und 100000 Tonnen reichhaltigen Schlamms an, der die Küste verstärkte und alles fruchtbar machte, was in seiner Bahn lag. Ohne diesen Schlamm, der heute hinter dem Hochdamm aufgehalten wird, verliert die Nordküste Ägyptens den Wettkampf mit dem Mittelmeer. Selbst bei einem Anstieg von weniger als einem Meter sind 7000 Quadratkilometer ägyptischer Küste vom Untergang bedroht, ein Prozess, der von der Erderwärmung beschleunigt wird.

Das Nildelta, einst Ägyptens Brotkorb, ist gar kein Delta mehr, sondern eine gefährlich tief liegende, nährstoffarme Ebene. Die vielen tausend Tonnen Düngemittel, die heute den fruchtbaren Schlamm ersetzen müssen, haben dazu geführt, den stark geschrumpften Nil weiter zu verschmutzen.

Inzwischen wenig mehr als ein großer Kanal, hat der Nil keine Chance gegen die stärkere Meeresströmung. Da das Meerwasser ins Landesinnere vordringt und den Boden versalzt, wird das Land immer karger.

Um 1820 herum wurde damit begonnen, das Wasser zu regulieren, um den landwirtschaftlichen Ertrag zu steigern. Die Nilflut wurde zwar nicht vollständig aufgehalten, jedoch genug kontrolliert, um eine konstante Bewässerung zu ermöglichen. Zusätzliche Baumwollernten brachten Ägypten während des amerikanischen Bürgerkriegs unerwarteten Reichtum.

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