•  |  Passwort vergessen?  |  Jetzt registrieren
27.12.2007    8:52 Uhr Drucken  |  Versenden  |  Kontakt
Trennlinie

Es blochert in Deutschland

Nach dem brutalen Überfall auf einen Rentner fordern Politiker eine Gewaltsverzichterklärung von Muslimen. Damit treten sie in die Fußstapfen des Schweizer Rechtspopulisten Blocher - seriöse Politik aber ist das nicht.
Von Heribert Prantl

Gewaltsverzichtserklärungen verlangt man von Gewalttätern: Die IRA hat eine solche Erklärung abgegeben; die RAF, bevor sie sich endgültig auflöste, auch; und die spanische Regierung fordert mit Fug und Recht von der baskischen Eta eine solche Erklärung und von deren politischen Arm, der Batasuna-Partei, die Anerkennung der demokratischen Spielregeln.

Das ist gut und richtig so. Auf Gewalt verzichten kann aber nur der, der Gewalt ausübt.

Wenn verschiedene Länderinnenminister der Union jetzt von den Muslimen in Deutschland eine solche Gewaltverzichtserklärung verlangen, ist das zumindest eine grobe Beleidigung - weil man ihnen so generell die Bereitschaft zur Gewalt unterstellt.

Forderung nach Amtsverzicht


Mit solchen törichten Redereien über eine große Minderheit machen diese Innenminister das wenige kaputt, was jüngst hierzulande an Integration erreicht worden ist. Sie pauschalisieren, sie grenzen aus und gefährden damit den inneren Frieden. Sie machen aus den Muslimen in Deutschland Bürger unter Vorbehalt, sie machen aus Mitbürgern Nichtbürger.


Man ist beinah versucht, von Ministern, die von redlichen Menschen eine solche Gewaltsverzichtserklärung fordern, eine Amtsverzichtserklärung zu verlangen.

Seit dem 11. September 2001 stehen Islam-Gläubige schnell im Verdacht, gefährliche Islamisten zu sein; der Islam wird im Westen wie eine inkompatible Kultur betrachtet; der Koran gilt als gefährlich, als Anleitung für Terror. Natürlich haben diejenigen, die sich bei ihrem Terror auf Allah berufen und ihn zu einem Teil ihrer Komplotte machen, heftig dazu beigetragen.

Politiker freilich, die Muslime unter Generalverdacht stellen, machen sich fahrlässig zu deren Streithelfer, besorgen deren finstere Geschäfte. Wer von Gewaltverzichtserklärungen faselt, sollte sich überlegen, wie derlei bei Zehntausenden von jungen Muslimen in Deutschland ankommt - und wie sich das auf ihre Bereitschaft auswirkt, sich dieser Gesellschaft zugehörig zu fühlen.

Der Wunsch, auch mal in die Nachrichten zu kommen


So betreibt man nicht Integration, sondern Desintegration; so macht man Vorurteils- und Ressentiment-Politik. Damit kann man sich als Nachfolger des Rechtspopulisten Christoph Blocher in der Schweiz bewerben, aber nicht hierzulande seriöse Politik machen.


Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, AP
vergrößern Bayerns Innenminister Joachim Herrmann
Foto: AP
 

Natürlich gibt es unter den jungen Muslimen in Deutschland üble Straftäter (wie unter jungen Anders- und Ungläubigen auch). Damit werden Polizei und Strafjustiz fertig.

Wenn Politiker ein Verbrechen, wie es jüngst zwei junge Ausländer in der Münchner U-Bahn verübt haben, als Anlass für überheblich-besserwisserische Justizkritik und für pauschale Strafverschärfungs-Forderungen missbrauchen, hat das mit Sachkunde sehr wenig, aber mit dem Wunsch, auch einmal in den Nachrichten vorzukommen, sehr viel zu tun.

Diesen Wunsch hat sich der neue bayerische CSU-Innenminister an Weihnachten selbst erfüllt; er heißt Joachim Herrmann. Er hat das wohl für seine Initiation gehalten.


(SZ vom 27.12.2007/bavo)

Leserkommentare (10)



28.12.2007 19:37:14

Dave-Kay: Sehr geehrter Herr Prantl,

als langjähriger SZ-Leser schätze ich ihre Meinung und ihren Schreibstil. Auch in diesem Fall treffen sie den Nagel wieder auf den Kopf, auf Gewalt kann nur verzichten, wer ihr zuvor Vorschub geleistet hat, oder sie aktiv ausgeübt hat, aber ich habe da mal die eine oder andere Frage:

Fühlen sie sich in den Reihen der Onlineredaktion der SZ noch wohl? Halten sie es angesichts des offensichtlichen Qualitätsverfall und das Einschwenken an vielen Stellen auf Spiegel und manchmal sogar BILD-Niveau für rechtfertigbar, noch in dieser Zeitung aktiv zu sein? Stehen sie nicht mittlerweile mit ihrer Meinung recht einsam da? Und was sagen sie zur Zensurschere der SZ-Praktukantenmoderation?


Bewerten Sie diesen Kommentar




vorherige Kommentare neuere Kommentare 1 | 2 ältere Kommentare nächste Kommentare

Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


Trennlinie

Lesezeichen hinzufügen: 

Lesezeichen bei Mr.Wong setzen Lesezeichen bei Yigg setzen Lesezeichen bei Linkarena setzen Lesezeichen bei Google setzen Lesezeichen bei Webnews setzen Lesezeichen bei Folkd setzen Lesezeichen bei Oneview setzen Lesezeichen bei Wikio setzen

| Was ist das?


Berlusconi bekam einen Dom ins Gesicht, Helmut Kohl Eier ans Revers und Joschka Fischer Farbe aufs Ohr. Fiese Attacken auf Politiker.
Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.
Bilder aus der Politik
Mit welchen Sprüchen die Regierung punkten wollte - und was der Opposition einfiel: Die besten Zitate aus 100 Tagen Schwarz-Gelb.
Eine Foto-Ausstellung im Bundestag zeigt namhafte deutsche Politiker in authentischen Lebenssituationen und Momenten.
Madonna Mia: Veronica Lario klagt über das Macho-Gehabe ihres Gatten - und will nun die Scheidung von Silvio Berlusconi.
Politik transparent gemacht
Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

Postleitzahl oder Schlagwort:

Link auf abgeordnetenwatch.de
Noch mehr Bilder
Als Ministerpräsident von Sachsen leistete er nach der Wende Pionierarbeit - jetzt wird Kurt Biedenkopf 80 Jahre alt.
Oskar Lafontaine gibt den Parteivorsitz der Linken ab - und seine Kollegen streiten, wer ihn beerben soll. Wir stellen die Anwärter vor.
Linker Scharfmacher wurde er von Kritikern genannt. Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
Seit zehn Jahren gibt es Attac in Deutschland. Es gratulieren Prominente wie Roger Willemsen, Roland Berger oder Claudia Roth.
Wie soll es am Hindukusch weiter gehen? Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg und Armut. Die Geschichte in Bildern.
Der Untersuchungsausschuss zum Luftschlag bei Kundus nimmt heute seine Arbeit auf. Minister Guttenberg steht schon vorher unter Beschuss.
Süddeutsche Zeitung Photo
Armutsflüchtlinge aus Afrika
Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...

ANZEIGE

Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten