Umwelt und Natur:Bayerns Tiergärten als Zentren des Artenschutzes

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Besuchermagnet und bei Tierschützern lange Zeit umstritten: die Delfinlagune im Tiergarten Nürnberg (Foto: Hans Helmreich)

Die wissenschaftlich geführten Zoos in Nürnberg, Augsburg, Straubing, Hof und München sind längst viel mehr als bloße Ausstellungen exotischer Tiere. Hans Helmreich hat sie alle in einem neuen Buch porträtiert.

Von Christian Sebald, München

Die Wiederansiedlung von Bartgeiern im Nationalpark Berchtesgaden zählt zu den spektakulärsten Naturschutzprojekten in Bayern. Das liegt natürlich vor allem an den imposanten Bartgeiern selbst, die mit einer Spannweite von bis zu drei Metern zu den mächtigsten Greifvögeln weltweit zählen. Aber das Projekt ist auch deshalb etwas Besonderes, weil unter der Federführung des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) eine Vielzahl hochkarätiger Partner kooperieren. Einer ist der Tiergarten Nürnberg. "Ohne Zoos wie den Nürnberger Tiergarten wäre unser Bartgeier-Projekt überhaupt nicht möglich", sagt LBV-Chef Norbert Schäffer. "Zoos haben eine herausragende Bedeutung für den Naturschutz, auch wenn das die allermeisten Menschen nicht wissen."

Hans Helmreich, Journalist und langjähriger Redaktionsleiter beim Bayerischen Rundfunk, teilt Schäffers Einschätzung unbedingt. "Moderne Zoos sind heute längst nicht mehr nur Ausstellungen von exotischen Tieren mit angegliederten Spielplätzen", schreibt er in seinem Buch "Zoos in Bayern - Erholung, Wissen, Artenschutz", das dieser Tage im Allitera Verlag erschienen ist und die fünf wissenschaftlich geführten Tierparks in Hof, Nürnberg, Straubing, Augsburg und München porträtiert. "Eingebunden in ein weltweites Netzwerk bauen sie einen Genpool für immer mehr bedrohte Tierarten auf und sichern deren Überleben. Nicht mehr die Tiere allein, sondern die vielfältigen Zusammenhänge des Lebens, die Biodiversität, rücken in den Mittelpunkt." Helmreich nennt Tierparks deshalb "Naturschutzzentren".

Plumploris sind kleine, nachtaktive Primaten. In ihrer Heimat in Südostasien sind sie vom Aussterben bedroht. Der Augsburger Zoo unterstützt Artenhilfsprojekte für Plumploris. (Foto: Zoo Augsburg)

Natürlich dürfte die These den einen oder anderen Tierfreund vor den Kopf stoßen, aus dessen Sicht Elefanten, Löwen, Zebras, Eisbären, Delfine und all die anderen exotischen und heimischen Tiere nur in freier Wildbahn ein würdiges Leben führen können und keinesfalls in einem Tierpark. Aber es ist schon so, wie der Naturschützer Schäffer und der Autor Helmreich sagen. Und zwar nicht nur, weil die allermeisten Zoos ihre vormaligen engen Tierhäuser und Käfige in weitläufige Gehege und Anlagen umgebaut haben. Sondern weil sie mit ihrer Arbeit immer notwendiger sind für die Tierwelt draußen in der Natur, die meist zu Restlebensräumen geschrumpft ist.

So schlüpft keiner der 20 bis 25 jungen Bartgeier, die der LBV im Lauf von zehn Jahren im Nationalpark Berchtesgaden ansiedeln wird, in freier Wildbahn aus dem Ei. Alle werden aus Tierparks in Europa stammen, genauer gesagt aus dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Bartgeier der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA). Der Nürnberger Tiergarten ist mit seinen Bartgeiern Teil des EEP, Tiergarten-Vize-Chef Jörg Beckmann hofft sehr, dass auch einmal ein junger Bartgeier aus Nürnberg im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert werden kann.

Sonnensittiche im Zoo Straubing (Foto: Ralph Sturm/Zoo Straubing)

Außerdem war der Nürnberger Tiergarten erste Anlaufstation für die bisher sechs jungen Bartgeier aus Spanien oder einer anderen Zuchtstation in Europa, die im Nationalpark Berchtesgaden angesiedelt worden sind. In Nürnberg durften sie sich von den Strapazen ihrer Anreise nach Bayern erholen, sie wurden von einem Tierarzt untersucht und auf das Abenteuer Auswilderung vorbereitet. Das Bartgeier-Projekt ist übrigens nur eines von insgesamt 40 EEP, an denen der Tiergarten Nürnberg beteiligt ist. Natürlich arbeiten die Zoos in Hof, Straubing, Augsburg und München ebenfalls in allen möglichen Artenschutzinitiativen mit - für den Madagassischen Ährenfisch (Hof) zum Beispiel, den Bali-Star (Straubing), die Rothschild-Giraffen (Augsburg) oder den Waldrapp (München).

Auch was die Vermittlung von Wissen anbelangt, sind die bayerischen Zoos längst hinaus über das reine Zurschaustellen ihrer Tiere und mehr oder weniger ausführliche Beschreibungen auf Hinweistafeln an den Gehegen oder in irgendwelchen Broschüren. Heute veranstalten Zoopädagogen Führungen für Schulklassen und auch für Erwachsene, sie halten Vorträge, verwalten Sammlungen und vieles andere mehr. Michaela Gauderer ist Zoopädagogin in Straubing. Der Tiergarten dort war der erste in Bayern, der eine eigene Zooschule einrichtete. Das war 1986. Helmreich widmet Gauderer ein ausführliches Porträt. So wie er in seinem Buch auch Zoodirektoren, Tierpfleger, Kuratoren, Vertreter von Freundeskreisen und Fördervereinen zu Wort kommen lässt.

Hans Helmreich, Journalist und Autor (Foto: privat)

Man kann Helmreichs Buch freilich auch einfach als Führer für Ausflüge nutzen. Es enthält alle Informationen, die man dazu braucht, Adressen, Hinweise auf Spielplätze und Wickelmöglichkeiten, Feste, Gaststätten und dergleichen mehr. Denn so sehr sich die Zoos in Bayern in Anspruch und Ausstattung gewandelt haben, eins sind sie geblieben: Orte des Erlebens. "Mehrfach habe ich erlebt, wie Kinder beim Zoobesuch ihre Eltern fragten: Ist das wirklich echt?", schreibt Helmreich. "Die Chance einer Begegnung mit ,echten' Tieren ist ebenso selten wie wertvoll geworden."

Hans Helmreich: Zoos in Bayern - Erholung, Wissen, Artenschutz, Allitera Verlag, 2024, 205 Seiten, 25 Euro

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