In den USA beeinflussen Blogs Präsidenten-Wahlen. In Deutschland sind Blogger Randfiguren. Aber warum? Antworten des erfolgreichen US-Bloggers Felix Salmon.

Werden den Deutschen Zeitungskommentare immer wichtiger sein als die Meinung der Blogger? (Illustration: Christoph Niemann)

1. Das Internet ist eine große Gleichheitsmaschine, was dazu führt, dass selbst junge und sogar anonyme Blogger berühmt und wichtig werden können. Respektierte Professoren und einflussreiche Experten dagegen werden in der Blogosphäre oft ignoriert, weil sie nicht sagen, was sie wirklich denken, oder weil das, was sie sagen, einfach zu langweilig und vorhersehbar ist. Deutschland funktioniert genau andersherum: Hier ist man immer noch fixiert auf Status und Hierarchie.

2. In Deutschland zählt Qualifikation mehr als alles andere. Die Leute verbringen Jahrzehnte damit, die verschiedensten Diplome und Zeugnisse und Zertifikate zu sammeln, und wenn sie dann alles beisammenhaben, sorgen sie dafür, dass die Welt das weiß. Wenn man kein Papier hat, auf dem steht, dass man sich zu diesem oder jenem Thema äußern darf, dann darf man seine Meinung auch keinem anderen zumuten. Die Leser sind übrigens nicht viel anders, auch sie wollen zuerst wissen, ob der Schreiber qualifiziert genug ist, bevor sie sich dafür interessieren, was der Schreiber denkt. In der Blogosphäre dagegen ist es völlig egal, ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist – was zählt, ist allein, ob die Meinungen stichhaltig, originell und klug sind.

3. In Amerika ist es den meisten Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wichtig, was die Blogosphäre sagt – sogar einem selbstherrlichen Ökonomen wie Larry Summers, dem Chefdenker der Obama-Administration. Er liest Blogs täglich, und zwar nicht nur solche von Technokraten mit einem großen Namen. Er liest auch die Blogs von Leuten, die normalerweise kein Gehör finden würden in der Politik. Er respektiert die Stimme des Volkes, was eine sehr amerikanische Haltung ist und keine besonders deutsche.

4. Um ein guter Blogger zu sein, muss man ganz andere Dinge können als ein großer Ökonom oder Banker. In Deutschland denken die Menschen dauernd an ihre Karriere und kümmern sich eher um die Fähigkeiten und Voraussetzungen, die wichtig sind für ihren Beruf, als um die viel weniger wichtigen Faktoren, die sie zu einem guten Blogger machen würden.

5. Ein Blogger muss sich irren, wenigstens manchmal. Wenn er sich nie irrt, dann ist er nie interessant. In den meisten Ländern ist das eine der großen Schwierigkeiten für die Blogo-sphäre: Die Menschen haben Angst davor, etwas zu schreiben, das sie dumm aussehen lässt. In Deutschland ist diese Angst besonders stark ausgeprägt, weil hier jedes öffentliche Wort genau gewogen wird. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich nicht auskennst, wirst du Angst haben, einen wichtigen Aspekt zu übersehen. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich gut auskennst, wirst du Angst haben, dass die Leute dich nicht mehr ernst nehmen, wenn du einen Fehler machst.

6. Die Deutschen sind methodisch und systematisch und umfassend in dem, was sie tun. Die Blogger lieben Schnellschüsse, sie machen Dinge ad hoc, es ist schwer, sie festzunageln.

7. Blogger sind die natürlichen Außenseiter, sie sind sogar stolz auf diesen Status und sehen sich gern als die Einzigen, die im Angesicht der Macht die Wahrheit sagen. In Deutschland kommt man nicht besonders weit, wenn man sich zum Außenseiter erklärt, man gewinnt kein Ansehen – und Ansehen ist etwas, wonach fast alle Deutschen streben.

8. In Amerika sind es, gerade im Wirtschaftsbereich, vor allem Professoren, die bloggen – und die lieben nichts mehr, als Ideen auszutauschen und miteinander online zu diskutieren. Deutschland hat eine andere Professorenschaft, andere Universitäten und vor allem kein Blogger-Nest wie die George Mason University in Virginia.

9. Die Deutschen werden nicht arbeiten, wenn sie kein Geld dafür bekommen, und Bloggen wirkt auf sie verdächtig wie Arbeit. In Amerika verdient man mit Bloggen nur indirekt Geld, durch Ruhm und Bekanntheit, die einem der Blog bringt. Da ein deutscher Blog kaum Ruhm oder Bekanntheit bringen wird, gibt es keinen wirklichen Grund zu bloggen.

10. Die Deutschen nehmen ihre Ferien extrem ernst. Der Blogger kennt keine Ferien.

(Felix Salmon, 37, betreibt mit portfolio.com einen der erfolgreichsten amerikanischen Blogs, der sich mit Wirtschaft und Finanzen auseinandersetzt)

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Leserkommentare (33)



15.07.2009 15:43:36

Mapaed: Bedarfsorientierung

Die Grundfrage ist doch "warum sind einige Blogs in USA erfolgreicher als in Deutschland?"

Und da wage ich eine ganz andere These als Herr Salmon:

Viele Leute suchen im Net nach Informationen, Inspiration und nach Meinungen. Inhaltlich qualitativ ausreichend hochwertig. Da ist ein echter Bedarf vorhanden in der Medienlandschaft der USA ...

Den die Blogger zum Teil füllen. Die Nutzung zeigt ja dass ein Bedarf vorhanden ist der von den etablierten Medien offensichtlich nicht befriedigt wird. In diese "Lücke" stossen die Blogger vor.

In Deutschland ist demgegenüber die Medienlandschaft tendenziell so ausgewogen dass wenig Bedarf an zusätzlichen Informationsplattformen und Meinungsseiten wie z.B. der Huffington Post herrscht.

Blogs werden ja nur dann gelesen wenn sie Inhalte transportieren. Wenn die Medienhäuser da ausreichend Platz lassen. Den Bedarf der Internetnutzer nicht befriedigen.

Wenn man sich beispielsweise die Art und Weise anschaut wie die großen TV-Networks die Nachrichten präsentieren dann kann man nachvollziehen wieso da so viele "eine zweite/dritte Meinung" haben wollen. Oder auch nur eine unabhängige, nicht parteipolitisch gefärbte Einschätzung.

Foxnews beispielsweise ist ja eher Sprachrohr der Republikaner als ein echter Nachrichtensender ...


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