matrosen kiel revolution 1918 ap

Wilhelm glaubte, die Revolution sei ein Werk von Juden, Freimaurern und Jesuiten - meuternde kaiserlische Matrosen in den ersten Novembertagen 1918. Foto: AP

sueddeutsche.de: Neben der militärischen Überlegenheit verstärkte sich damals auch der Glaube, anderen Völkern überlegen zu sein. Wie groß war der Einfluss von Rassisten wie des Nazi-Vordenkers Houston Stewart Chamberlain auf den Kaiser?

Röhl: Wilhelm hat 1901 Chamberlain persönlich kennen- und schätzen gelernt. Seitdem korrespondierten die beiden miteinander. Der Kaiser bewunderte und verschenkte Chamberlains berüchtigtes Buch "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" gerne. Er machte sich den Rassengedanken vom arischen Menschen zu Eigen. Wilhelm verwendete auch immer wieder rassistische Sprache: Die Franzosen waren die Gallier, die Russen Slawen, Deutsche waren Germanen.

sueddeutsche.de: Chamberlain klassifizierte die Juden als zersetzendes, minderwertiges Volk - so übernahmen es später Hitler und seine NSDAP. Wie sah Wilhelm die Juden?

Röhl: Wilhelm wurde von seinen Eltern judenfreundlich erzogen. Unter dem Einfluss des vorher erwähnten Grafen Waldersee wurde er dann zeitweilig sehr antisemitisch. Der General überzeugte den jungen Kaiser davon, Deutschland werde von Juden heimlich regiert, weil Bismarck einen jüdischen Bankier hatte - für Wilhelm mit ein Grund, 1890 den Kanzler zu entlassen.

sueddeutsche.de: Wilhelm suchte später durchaus den Kontakt zu deutschen Juden.

Röhl: Sein Antisemitismus ging zwischenzeitlich zurück. Er entließ den hetzenden Hofprediger Adolf Stöcker - und befreundete sich sogar mit einigen Juden, den sogenannten Kaiserjuden. Einer davon war der bekannte Hamburger Reeder Albert Ballin.

sueddeutsche.de: Später brach Wilhelms Antisemitismus wieder hervor.

Röhl: Das hängt vermutlich vor allem mit der Eulenburg-Affäre 1908 zusammen. Der als Jude geborene Journalist Maximilian Harden hatte die Homosexualität des engen Kaiserfreundes Fürst Philipp zu Eulenburg enthüllt. Auch in der Daily-Telegraph-Affäre sind es Wilhelm Meinung nach Juden, die die Presse gegen ihn anführen. Die nächste, vehemente Phase seines Antisemitismus setzte 1917 ein: Er schrieb die Machtübernahme der Bolschewiki und den Kriegseintritt der Amerikaner den Juden zu.

sueddeutsche.de: Auch an seinem Sturz vor 90 Jahren seien die Juden schuld gewesen, glaubte Wilhelm II.

Röhl: Im holländischen Exil fabulierte er furchterregende Weltverschwörungstheorien. Wilhelm glaubte, dass Juden, Freimaurer und die Jesuiten sich gegen ihn und seine Werte zusammengetan hätten.

sueddeutsche.de: Klingt nach Nazi-Propaganda.

Röhl: Wilhelms Gedankengut im niederländischen Exil war kaum zu unterscheiden von dem, was Hitler, Himmler und Goebbels von sich gaben. Keine Frage: Wilhelm war nach 1918 Antisemit.

kaiser wilhelm doorn foto: das gupta

Wachsender Antisemitismus im Herbst seines Lebens: Ex-Kaiser Wilhelm im holländischen Exil in Doorn. Foto: Das Gupta

sueddeutsche.de: 1938 reagiert er allerdings entsetzt über die Reichspogromnacht. Wie passt das zusammen?

Röhl: Überhaupt nicht. Das war vielleicht der einzige Moment, wo Wilhelm nachweislich so etwas gesagt hat. Nach 1938 freute er sich, dass Europa "judenfrei" wird. Als Nächstes müsse man nach England übersetzen und die Juden auch dort vertreiben, hetzte er. Das habe ich alles belegt in meinem Buch.

sueddeutsche.de: Sie belegen auch, wie sehr die Eulenburg-Affäre dem Kaiser zu schaffen machte. Warum war der Fürst so wichtig für Wilhelm?

Röhl: Die beiden hatten sich ja schon einige Jahre vor Wilhelms Thronbesteigung angefreundet. Eulenburg war in den ersten 15 Jahren von Wilhelms Herrschaft der entscheidende Mann. Er hielt sich vom Hofe fern, er beeinflusste den Kaiser per Brief oder wenn er auf Jagdbesuch beim Kaiser weilte. Eulenburg war derjenige, der dafür sorgte, dass Wilhelms "persönliches Regiment" über Jahre funktionierte. Später, als Bülow zum Reichskanzler aufgestiegen war, verblasste Eulenburgs Einfluss. Beide Cliquen rivalisierten, beide Hauptprotagonisten waren homosexuell.

sueddeutsche.de: Wegen der Nähe zu Eulenburg gab es immer wieder Vermutungen, der Kaiser selbst neige dem eigenen Geschlecht zu.

Röhl: Das glaube ich nicht. Wilhelm hatte ja nicht nur sieben Kinder, sondern gab sich auch alle Mühe, neben der Ehe verschiedene nachweisbare Affären mit Frauen zu haben. Wenn ein Mann im innersten Kern homosexuell ist, sucht er meiner Meinung nach nicht neben der Ehefrau die intime Nähe zu anderen Frauen.

(sueddeutsche.de/jja)

(Sie sind jetzt auf Seite 4 von 4)

In diesem Artikel:

  1. Seite 1
  2. Seite 2
  3. Seite 3
  4. Sie lesen jetzt Seite 4