Es ist ungewöhnlich, was die Chefs der beiden großen deutschen Flugtaxi-Start-ups Volocopter und Lilium in den vergangenen Tagen gemacht haben. Der eine, Dirk Hoke (Volocopter), sprach öffentlich von einer möglichen Insolvenz. Der andere, Klaus Roewe (Lilium), fand, Lilium könne eigentlich fast schon auf den Mond umziehen, dort gäbe es für den neuen Sektor ähnlich große Unterstützung wie in Deutschland. Nämlich keine.
Hoke und Roewe glauben, Tausende ihrer Volocitys und Lilium Jets verkaufen zu können und gemeinsam mit anderen Anbietern eine ganz neue Form der Elektromobilität aufziehen zu können. Ob Flugtaxis weltweit wirklich die ganz große Nummer werden, ist im Moment schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist die bisherige Haltung der Landesregierungen in Bayern und Baden-Württemberg sowie der Bundesregierung, beiden Firmen keine Kreditbürgschaften zu gewähren, provinziell und unklug. Sie könnte dafür sorgen, dass Deutschland aus einem neuen Wirtschaftszweig raus ist, bevor dieser überhaupt abgehoben hat. Die Bürgschaften zu geben, wäre ein wichtiges Signal an private Investoren. Die würden merken, dass es Unterstützung für eine neue Branche gibt, was wiederum beeinflussen wird, wem sie ihr Geld geben.
Selbst wenn man sehr pessimistisch ist, werden elektrische Flugtaxis Hubschrauber auf bestimmten, vor allem kürzeren Strecken ablösen können. Was gut wäre, denn sie sind effizienter, leiser, günstiger und vor allem elektrisch. Das allein ist kein kleiner Markt - es gibt Zehntausende Helikopter, die Bohrinseln, Windparks oder Schiffe versorgen, Verletzte transportieren oder in Megastädten von Hochhaus zu Hochhaus fliegen. Das alles ist derzeit alles andere als umweltfreundlich.
Die Skepsis, die der neuen Branche vor allem hierzulande entgegenschlägt, darf auch nicht den Blick darauf verstellen, dass die "Advanced Air Mobility", wie der Sektor genannt wird, anderswo ganz anders gesehen wird. Elektrische Flugtaxis sind zentraler Bestandteil der chinesischen Wirtschaftsstrategie. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Brasilien, die USA und andere wollen den Wirtschaftszweig schnell entwickeln und stecken Milliarden Dollar an Fördergeld in die heimischen Firmen.
Vieles, was heute an technologischer Entwicklung für Flugtaxis stattfindet, wird für die nächste Generation von großen Flugzeugen wichtig werden, also auch für die Nachfolger des Airbus A320 oder der Boeing 737. Batterietechnologie, neue Materialien, Flugsteuerung, der Einstieg in autonomes Fliegen - eine Fülle von Bereichen, in denen die Liliums, Volocopters, Archers oder Jobys heute Pionierarbeit leisten. Die Technologien, an denen diese Unternehmen arbeiten, werden wichtig, vor allem für das Megaprojekt, Fliegen nachhaltiger als bisher zu machen.
Selbstverständlich bergen diese Projekte auch Risiken. Bei Weitem nicht alle Firmen werden überleben. Weil der Kapitalmarkt extrem vorsichtig geworden ist und die Zinsen hoch sind, ist die Finanzierung ein Problem. Lilium baut ein faszinierendes, aber auch komplexes Fluggerät. Nach wie vor sind nicht alle Skeptiker überzeugt, dass sich das Konzept wirklich durchsetzen wird. Aber soll man ernsthaft alles von vorneherein scheitern lassen wegen einer 100-Millionen-Bürgschaft, die irgendwie nicht ins Parteiprogramm passt? Scheitern in dem Sinne, dass Lilium und Volocopter verkauft werden, abwandern und dann eben anderswo weitermachen?
Die Freien Wähler mit Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger an der Spitze argumentieren offenbar, dass das Risiko eines Totalausfalls zu hoch sei. Auch die Grünen in Baden-Württemberg haben das so gesehen. Aber es liegt schon der Verdacht nahe, dass dies nicht die ganze Wahrheit ist. Liegt ein Thema der jeweiligen Klientel der Parteien näher, sind Subventionen in ganz anderer Höhe schließlich kein Problem.
Es ist auch nicht gerade so, dass Deutschland wirtschaftlich boomt und vor innovativen Sektoren nur so strotzt. Ganz im Gegenteil - Bereiche wie die Automobilindustrie, auf welcher der Wohlstand jahrzehntelang beruhte, sind bedroht. Klar, Lilium und Volocopter könnten scheitern. Wenn Deutschlands Wirtschaftspolitiker ihren Vollkasko-Kurs weiterfahren, erhöhen aber sie selbst die Wahrscheinlichkeit für dieses Scheitern erheblich.

