Reisetipps Polnische Ostseeküste

Stichworte Polnische Ostseeküste

Bernstein

Zahllose Legenden ranken sich um das Gold der Ostsee, den Bernstein. Die Erklärung der Wissenschaftler ist dagegen nüchterner: Bernstein tropfte vor 40 bis 70 Millionen Jahren als Harz der tertiären Kiefer Pinus succinifer zu Boden.

Harz brennt, Bernstein auch, was im Namen anklingt: Bernstein entstand aus dem Börnsteen, börnen ist mittelhochdeutsch und heißt brennen. Im polnischen bursztyn steckt das wiederum deutsche Lehnwort. Die „Baltischen Brillanten“ gibt es in über 200 Farbnuancen, vom elfenbeinfarbenen, türkis geäderten bis zu dunkelgrünen Stücken. Nur jeder hunderttausendste Tropfen enthält einen prähistorischen Einschluss, eine Inkluse: Insekten, Skorpione, Blätter - Grüße aus dem Jurassic Park der subtropischen Braunkohlenwälder.

Hanse

Alle alten Städte an der polnischen Küste von Stettin bis Frombork haben in ihrer Geschichte etwas gemeinsam: Sie waren Mitglieder der Hanse, jener mittelalterlichen Städtekonföderation, die zum Schutz kaufmännischer Interessen entstand und bald nach ihrer Gründung 1159 zum mächtigsten Bündnis im Ostseeraum aufstieg. Die Hanse schloss Verträge, führte Kriege und zwang mit Wirtschaftsblockaden ganze Länder in die Knie. In ihrer Blütezeit waren fast 200 Städte Mitglied der Hanse. Hauptsitz war seit 1356 Lübeck. Der Niedergang der Hanse begann mit dem Entstehen neuer, unabhängiger Handelswege. 1669 fand die letzte Versammlung des hanseatischen Bundes statt.

Traditionen mit Gedanken der Völkerverständigung, kulturellem und wirtschaftlichem Austausch zu verbinden ist Ziel der 1980 gegründeten „Neuen Hanse“, der 114 Städte angehören. Höhepunkte sind die Hansetage, die alljährlich in einer anderen Mitgliedstadt stattfinden - 1997 war Danzig Ausrichter dieses internationalen Volksfestes (www.hanse.org).

Kaschuben

Den Deutschen zu polnisch, den Polen zu deutsch: Eine Seite der jeweils Herrschenden haben die Kaschuben, Angehörige eines slawischen Volksstammes westlich von Gdynia, in ihrer Geschichte fast immer gestört. „Ein Volk zwischen Hammer und Amboss“, schreibt Günter Grass, selbst kaschubischer Abstammung.

Doch das bodenständige Bauern- und Fischervölkchen behauptete sich gegen Germanisierung und Polonisierung. Etwa 350000 Kaschuben leben heute in ihrer Heimat zwischen Słupsk, Bytów und der Danziger Bucht. Sie sprechen sogar ihre eigene Sprache. Kaschubisch ist seit der Wende wieder zu hören, an der Universität Danzig gibt es sogar einen Studiengang Kaschubistik. Dort erfährt man auch, woher der eigenartige Name stammt: Die Männer trugen früher im Winter einen dicken Pelz - die ka schuba.

Katholische Kirche

Im Westen denken ratlose Pastoren an den Verkauf verwaister Gotteshäuser, in Polen dagegen wurden allein seit Mitte der 1990er-Jahre 2000 neue Kirchen gebaut. 95 Prozent der polnischen Bevölkerung bekennen sich zur römisch-katholischen Konfession, Messe und Beichte gehören ebenso zum Alltag wie reich geschmückte Marienbilder in Dörfern und Städten.

Die katholische Tradition wurzelt tief im 18. Jh., als die Kirche zu einem Bollwerk gegen die Bedrohung Polens durch die protestantischen Preußen und die orthodoxen Russen wurde und ihr Wirken mit der nationalpatriotischen Bewegung zu einer simplen Formel verschmolz: Pole gleich Katholik.

Der Einfluss der katholischen Kirche auf die Gesellschaft führt inzwischen zunehmend zu Konflikten. Denn Vatikan hin, Tradition her, vor allem junge Leute kritisieren den ideologischen Druck seitens erzkonservativer Priester, die wider liberale Politik wettern und jungen Frauen die Absolution verweigern, wenn sie Sex vor der Ehe beichten.

Klaus Kinski

Am 18. Oktober 1926 wurde in einem Mietshaus am Zoppoter Bahnhof Nikolaus Günther Karl Nakszyń-ski geboren. Das hätte die Welt vermutlich längst vergessen, wäre aus dem schon als Kind zu ekstatischen Wutausbrüchen neigenden Polen nicht einer der berühmtesten Schauspieler erwachsen: Klaus Kinski, Deutschlands Filmekel, der in seinem Leben so ziemlich alles zerlegte, was ihm nicht in die Seelenlage passte. Vielleicht hätte er in einem Augenblick expressiver Wut auch die Gedenktafel an seinem Zoppoter Geburtshaus (ul. Kościuszki 10) abgerissen, aber die wurde erst 1994, drei Jahre nach Kinskis Tod, angebracht.

Nikolaus Kopernikus

Geboren wurde Nikolaus Kopernikus oder Mikołaj Kopernik, wie die Polen ihn nennen, in Toruń (Thorn), doch sein Name ist untrennbar mit Frombork (Frauenburg) verbunden. Dort lebte und wirkte er fast vier Jahrzehnte als Domherr, und dort schrieb er auch sein Hauptwerk „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ („Von der Bewegung der Himmelskörper“), mit dem Kopernikus 1521 das antike ptolemäische Weltbild vom Kopf auf die Füße stellte: Die Erde war nicht länger der Mittelpunkt des Alls. Das zweifelt längst niemand mehr an, doch dafür stritten deutsche und polnische Historiker lange erbittert darum, welcher Nationalität der große Astronom gewesen sei. Pole oder Deutscher, Kopernik oder Kopernikus? Tatsache ist, dass Kopernikus selbst sich schon während seines Studiums hier als Pole, dort als Deutscher einschrieb.

Umwelt

Längs der Küste reihen sich Landschaftsformen aneinander, die im zersiedelten Westen selten geworden sind und die Lebensraum bieten für eine bedrohte Flora und Fauna: Salzwiesen und Hochmoore, Dünenketten und Nehrungsseen. Viele dieser sensiblen Ökosysteme stehen unter Naturschutz - die Insel Wollin mit ihren Buchenurwäldern genießt als Nationalpark höchsten Schutzstatus, die slowinzische Küste zählt zum Weltnaturerbe der Unesco. Doch seine Unschuld hat das Umweltparadies schon lange verloren. Viele Jahrzehnte zählten die Ballungszentren in Gdynia/Gdańsk und Szczecin/Świnoujście mit ihren Industriehäfen zu den übelsten Verschmutzern der Ostsee. Der Bau von Kläranlagen und verschärfte Ökostandards haben den Zustand deutlich verbessert, der Patient Ostsee beginnt sich zu erholen. Alarmierend ist nach wie vor jedoch der Zustand des Frischen Haffs, das von der russischen Großstadt Kaliningrad als Kloake missbraucht wird.

Lech Wałęsa

Als die Arbeiter der Danziger Lenin-Werft am 14. August 1980 aus Protest gegen Preiserhöhungen in den Ausstand traten und sich in ihrem Betrieb verschanzten, wurde ein Mann weltberühmt: Lech Wałęsa. Die Arbeiter wählten den charismatischen Elektriker an die Spitze ihres Streikkomitees. In zähen Verhandlungen zwangen sie der moskautreuen Regierung die „Danziger Vereinbarung“ ab, die die Gründung der ersten freien Gewerkschaft des Ostblocks erlaubte. Ihr Name: Solidarność, Solidarität. Ihr erster Vorsitzender: Lech Wałęsa. Der Koloss des Kommunismus begann zu wanken.

Wałęsas Ruhm ist verblasst - spätestens, seit der streng katholische Sohn einer Kleinbauernfamilie aus Popowo bei Bydgoszcz 1990 zum Staatspräsidenten aufstieg und an seinen vollmundigen Wahlversprechen scheiterte. Nach der Abwahl meldete sich der Expräsident im Frühling 1996 als Elektromonteur in der Danziger Werft zurück. Die medienwirksam inszenierte Rückkehr entpuppte sich aber schnell als billige Show. Ein Ehrenplatz in Polens Geschichtsbüchern ist dem Friedensnobelpreisträger (1983) dennoch sicher. Heute tourt Wałęsa regelmäßig als Vortragsreisender vorzugsweise durch die USA. Aus der Solidarność trat er 2005 aus - ausgerechnet zum 25. Gründungsjubiläum.

Werften

Seit über tausend Jahren werden an der polnischen Küste Schiffe gebaut. Anfangs waren es eher Schiffchen: Schon im 9. Jh. segelten die Pomoranen zu Raubzügen nach Dänemark. Im Mittelalter stiegen Stettin und Danzig zu Zentren des Schiffbaus auf, mit der Industrieära zu Werftkolossen wachsend. Das blieben beide Städte auch nach dem Zweiten Weltkrieg. In Stettin liefen seit Mitte des 20. Jhs. über 600 Schiffe vom Stapel, darunter die größten Frachter, die je an der Ostsee gebaut wurden. In der Danziger Werftindustrie arbeiteten in den 1980er-Jahren fast 25000 Menschen. Doch die Lenin-Werft geriet nach der Wende auch zum Symbol zögerlicher Privatisierungspolitik. Der marode Staatsbetrieb brach Ende der 1990er-Jahre im rauen Wettbewerb zusammen. Profitieren von der Pleite konnte die Werft in Stettin: Die Stadt stieg zum größten Werftstandort Europas auf, spezialisiert auf den Bau großer Containerschiffe und Chemietanker. In Stettin leben heute rund 16000 Menschen vom Schiffbau, darunter auch immer mehr Gastarbeiter aus Deutschland.