In der Debatte um Lahms Grundsatzkritik am FC Bayern zeigt sich die Vereinsführung ziemlich nervös. Dabei wäre eine inhaltliche Diskussion sinnvoller als eine Bestrafung.
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Bayern-Manager Uli Hoeneß machte seine Drohung gegen Philipp Lahm wahr und brummte dem Verteidiger eine hohe Geldstrafe auf. Foto: AP
Wenn sich all der Nebel wieder gelegt hat, wenn all die Ablenkungsmanöver (Uli Hoeneß: "Das Interview wird er noch bedauern") als solche enttarnt sind, und wenn die Aufregungskultur, die ja auch Teil des FC Bayern ist, ihre Arbeit gemacht hat, dann besteht vielleicht sogar eine Chance. Nämlich dann, wenn dieses SZ-Samstags-Interview von Philipp Lahm, dessen Echo alle Resultate des zwölften Spieltages übertönte, auf seinen Kern hin geprüft wird. Nicht auf sein Skandalpotential, sondern auf seinen Inhalt.
Der Angestellte Lahm hat keine Polemik gefertigt, er hat niemanden persönlich beleidigt, er hat nur Punkt für Punkt durchargumentiert, warum seiner Meinung nach der Ball nun schon seit langem nicht so läuft, wie es von der finanzstärksten Firma der Liga erwartet wird. Vom FC Bayern wird ja aufgrund historischer Verdienste nicht nur Fußball verlangt, sondern Modernisierung, das Aufspüren neuer Trends, oder wenigstens das Anpassen daran.
Im Video: Udo Lattek diskutiert mit Felix Magath und anderen über die Personalie Phillip Lahm und die aktuelle Situation beim FC Bayern
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Einkaufspolitik im Fokus
Stattdessen, so Lahm, habe der Klub zu lange alten Erfolgsmodellen nachgehangen. "Man darf Spieler nicht nur kaufen, weil sie gut sind", so lautet eine von Lahms zentralen Botschaften. Sondern zunächst müsse der Verein ein klares System (Wirtschaftsdeutsch: Corporate Design) vorgeben - und daraufhin erst seine Darsteller auswählen. Nicht umgekehrt: erst Prominenz kaufen, und dann sehen, was dem Trainer dazu einfällt.
Der FC Barcelona oder der FC Arsenal sind europäische Musterschulen, und selbst der knurrige Alex Ferguson, 67, ist bei Manchester United noch hochgradig innovativ. Die Münchner hingegen waren Ende des alten Jahrtausends die Trendsetter, mit ihrem testosteronstarken Mia-san-mia-Auftreten, mit einer klaren internen Befehlsstruktur, in der Effenberg und Kahn ganz oben standen, während sich drumherum Künstler wie Scholl, Basler oder Elber bis zum Champions-League-Sieg 2001 ausleben konnten.
Trendwechsel verpasst
Was die Münchner aber verpassten, war der Trendwechsel in Europa, hin zu ausbalancierteren Teams mit flacheren Hierarchien und gruppendynamischen Strategien. Um international erfolgreich zu sein, so Lahm, brauche eine Spitzenelf heute mindestens acht Spieler, die auf demselben Niveau handeln, spielen, denken. Gerade jetzt fällt dies auf, da Franck Ribéry, der große Solist, fehlt, dessen Dribblings seit 2007 von mancher Strukturschwäche ablenkten.
Ob die Bayern, ob Hoeneß, ob Rummenigge, die Gestalter seit Jahrzehnten, zukunftsfähig sind? Das wird sich auch darin zeigen, ob sie die Fachdebatte, die sie jetzt im Haus haben, auch führen wollen. Oder ob sie als königlich-bayerische Majestätsbeleidigung empfunden und nur scharf sanktioniert wird.
(SZ vom 09.11.2009/jbe)
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