Terrorfahndung in Deutschland

    Kofferbomben von Dortmund und Koblenz

    18.08.2006, 17:40

    Von Annette Ramelsberger

    Erstmals wird in Deutschland öffentlich nach Terroristen gefahndet, die mutmaßlich islamistischen Kreisen angehören. Es müsse mit neuen Anschlagversuchen gerechnet werden, sagte Innenminister Schäuble.

    Kofferbombe

    Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen einen der zwei Terror-Verdächtigen. Er trägt ein Fußball-Fan-Shirt mit der Nummer Michael Ballacks. (Foto: AP)

    Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Männer nicht alleine gehandelt haben. Sie ermittelt deswegen gegen Mitglieder einer unbekannten inländischen Terror-Vereinigung. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble warnte, es bestehe die Gefahr neuer Anschlagsversuche.

    Schäuble sagte, man müsse die Gefahr "sehr ernst nehmen". Der CDU-Politiker kündigte verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an. So würde die Bundespolizei ihre Kontrollen verschärfen. In einigen Fällen würde sie auch Reisende ansprechen und ihr Gepäck überprüfen.

    Der Bundesinnenminister rief die Bürger dazu auf, die Fahndung nach den zwei auf Video aufgenommenen Verdächtigen zu unterstützen. Gleichzeitig mahnte er zu einem "ruhigen Umgang" mit der Situation und versicherte, es bestehe kein Anlass, die Bahn zu meiden.

    Mittlerweile steht fest, dass die mutmaßlichen Täter die Bomben wirklich zünden wollten. "Wir wissen definitiv, dass die Zündauslösung erfolgt ist", sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, in Wiesbaden. "Die Explosionen wären so dramatisch gewesen, wie wir es uns bisher in Deutschland nicht vorstellen können."

    Speisestärke aus dem Libanon

    Das BKA geht von folgendem Szenario aus: Die Bomben sollten gleichzeitig um 14.30 Uhr am 31. Juli gezündet werden, zehn Minuten vor Erreichen der Bahnhöfe in Koblenz und Dortmund. Propangas und der in Flaschen abgefüllte Brandbeschleuniger hätten einen Feuerball ausgelöst, durch den vermutlich mehrere Waggons ausgebrannt wären. Mit großer Wahrscheinlichkeit wären die Züge entgleist, es hätte Tote und Verletzte gegeben.

    Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe geht davon aus, dass die beiden 20 bis 30 Jahre alten Männer nur die Ausführenden der Tat waren. "Wer solche Bomben baut, handelt nicht allein. Da fließt das Know-how von Hinterleuten mit ein", sagte Bundesanwalt Rainer Griesbaum der Süddeutschen Zeitung. Die Bundesanwälte ermitteln deswegen gegen eine inländische terroristische Vereinigung. "Diese Leute wollten eine Vielzahl von Menschen töten", sagte Griesbaum. Die Fahnder gehen davon aus, dass ein Bekennerschreiben eingegangen wäre, wäre der Anschlag nicht fehlgeschlagen.

    Das Bundeskriminalamt fahndet nun mit einem Video nach den Tätern. Die Bilder wurden am 31. Juli auf dem Bahnhof Köln aufgenommen, wo die beiden Männer im Abstand von einigen Minuten in die beiden Züge stiegen. Der eine Täter hat auf dem Video dunkles, kurzes Haar und eine Laptoptasche umgehängt, der zweite Täter hat langes, zurückgekämmtes Haar und trug einen schweren Rucksack.

    Einkaufszettel in arabischer Sprache

    Beide zogen die mutmaßlichen Bombenkoffer hinter sich her. Bilder der Verdächtigen können im Internet unter www.bka.de angeschaut werden. Das BKA und die Deutsche Bahn AG haben eine Belohnung von 50000 Euro ausgesetzt für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen.

    Die Verdächtigen könnten nach Einschätzung der Fahnder aus einer libanesischen Familie stammen. In den Koffern befanden sich zur Auspolsterung Tüten mit Speisestärke der Marke Fouad-Spices, die aus dem Libanon importiert werden und nach Angaben des Händlers nur an etwa 200 Familien im Umkreis von Essen verkauft werden. Das BKA rief alle Familien, die solche Speisestärke gekauft haben, auf, sich vertrauensvoll an die Behörde zu wenden.

    Außerdem wurde in einem der Koffer ein Einkaufszettel in arabischer Sprache gefunden sowie eine Telefonnummer, die in den Libanon führt. Die Fahnder schließen nicht aus, dass sich die beiden Verdächtigen nach der Tat ins Ausland absetzen wollten. Noch überprüfen die Kriminalisten die Videoaufnahmen an Flughäfen und anderen Bahnhöfen.

    (SZ vom 19.8.2006)

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