Nachruf:Eine Tankstelle als Handgeld

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Rudolf "Rudi" Kölbl, langjähriger Löwen-Spieler zu Oberliga-Zeiten. Nach seinen Auslandsaufenthalten kehrte er für eine Bundesligasaison zu Sechzig zurück. (Foto: Werek/Imago)

Der frühere Sechziger Rudi Kölbl, einer der ersten Deutschen in der Serie A, ist im Alter von 86 Jahren gestorben.

Von Stefan Galler

Es war im Frühjahr 1960, gut drei Jahre bevor mit der Bundesliga der Profifußball in Deutschland richtig Einzug hielt, als Rudi Kölbl ein reizvolles Angebot ins Haus flatterte: Die Stuttgarter Kickers wollten den damals gerade mal 22 Jahre alten Stürmer vom TSV 1860 München verpflichten und versprachen ihm neben einem überschaubaren Honorar kurzerhand eine Tankstelle. Für Kölbl, der im Münchner Vorort Unterschleißheim geboren wurde und 1956 aus der A-Jugend des FC Bayern zu den Löwen gewechselt war, war diese Offerte lukrativ genug, um tatsächlich ins Ländle weiterzuziehen. Doch er hatte die Rechnung ohne den findigen Sechzig-Präsidenten Adalbert Wetzel gemacht, der nämlich protestierte beim DFB gegen derlei Verlockungen und erwirkte dadurch eine einjährige Sperre für den Torjäger.

Er war der fünfte Deutsche, der nach Italien wechselte, noch vor Helmut Haller und Karl-Heinz Schnellinger

Noch während der U23- und B-Nationalspieler bei den Stuttgarter Kickers sein Spielverbot abbrummte, meldete sich der italienische Erstligist AC Padua bei den Schwaben - und verpflichtete Kölbl, der zuvor für Sechzig in 75 Oberligaspielen 52 Treffer erzielt hatte, für eine Ablösesumme in Höhe von 150 000 Mark. Er war damit der fünfte deutsche Profi, der in die Serie A wechselte, gleichzeitig mit den A-Nationalspielern Horst Szymaniak (vom Karlsruher SC zu Catania) und Erwin Waldner (VfB Stuttgart zu SPAL Ferrara), aber beispielsweise ein Jahr vor Helmut Haller und zwei vor Karl-Heinz Schnellinger.

Kölbl fand sich in Padua schnell zurecht: In 24 Spielen traf er achtmal, konnte zwar den Abstieg nicht verhindern, er kam in zwei Jahren Serie B jedoch auf weitere 27 Treffer in 69 Partien. 1964 wechselte Kölbl zum Erstligisten CFC Genua, auch hier stieg er ab und ging 1967 in die USA, wo er unter Trainer Rudi Gutendorf bei den St. Louis Stars in der damals neu gegründeten National Professional Soccer League kickte.

Zum Abschluss seiner aktiven Laufbahn kehrte der damals 32-Jährige nach Europa zurück und heuerte bei Austria Salzburg an, doch noch vor dem ersten Punktspiel kam es zu einem Tausch mit Peter Grosser, dem Kapitän der Meisterelf der Sechziger von 1966. Und so bestritt Kölbl die Saison 69/70 noch einmal an der Grünwalder Straße, stieg am Ende seiner einzigen Bundesligasaison mit den Löwen jedoch ein weiteres Mal ab und beendete dann seine Karriere.

Nach der Fußballkarriere: Rudi Kölbl im Autohaus, das er gemeinsam mit seinem Bruder in Unterschleißheim-Lohhof betrieb. (Foto: Werek/Imago)

In einer Unterschleißheimer Bürgerzeitung sagte Kölbl einst, dass er seine Entscheidung, nach Italien zu wechseln, niemals bereut habe: "Die Leichtigkeit, wie die Italiener das Leben angehen, ist fantastisch. Wenn ich die Möglichkeit hätte, ich würde sofort wieder nach Italien gehen." Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er sich längst hierzulande eine Existenz aufgebaut, aber nicht in Form einer Tankstelle: Er unterstützte seinen Bruder Michael, der in der Heimatkommune ein Autohaus gegründet hatte, das bis heute in Familienbesitz ist.

In der vergangenen Woche ist Rudi Kölbl im Alter von 86 Jahren gestorben.

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