Von Annette Ramelsberger

Die Ermittler haben herausgefunden, dass die beiden Sprensätze gleichzeitig hätten zünden sollen – mit verheerenden Auswirkungen.

Vor dem Hintergrund der vereitelten Terroranschläge von London erscheinen auch die Ermittlungen wegen der in Dortmund und Koblenz gefundenen Kofferbomben in einem neuen Licht. Die Fahnder haben nach Informationen der Süddeutschen Zeitung mittlerweile mindestens so viele Hinweise darauf, dass die Bomben einen terroristischen Hintergrund haben, wie Hinweise, dass es sich bei den Tätern um Kriminelle handelt.

So fanden die Fahnder heraus, dass die beiden Bomben gleichzeitig hätten zünden sollen - ein Hinweis auf terroristische Täter. Die Sprengwirkung der Bomben wäre verheerend gewesen. Allerdings deutet die Bauweise der Bomben eher auf einen halb-professionellen Täter hin.

Nach SZ-Informationen hat am Freitag eine hochrangig besetzte Expertenrunde von Bund und Ländern unter dem Eindruck von London noch einmal über die Kofferbomben beraten. Den Vorsitz hatte das Bundeskriminalamt. Ergebnis: Auch zwei Wochen Fahndung und die Auswertung der Videokameras entlang der Bahnstrecke haben keine Hinweise auf den oder die möglichen Täter gebracht. Eine Tatsache, die die Ermittler zunehmend beunruhigt. Die beiden Bomben waren am 31. Juli in zwei Regionalzügen entdeckt worden.

"Was sollen wir denn mit Panzern vor einem Flugplatz?"

"London hat gezeigt, dass Terroristen nicht immer nach den gleichen Methoden vorgehen", warnt Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU). "Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir auch in Deutschland mit Terroranschlägen konfrontiert sein können. Natürlich ist es angenehmer so zu tun, als wenn wir nicht betroffen wären."

Beckstein erneuerte seine Forderung nach der schnellen Einführung der Anti-Terror-Datei und der besseren Videoüberwachung von Bahnhöfen. Außerdem will er im Kampf gegen den Terror auf die Bundeswehr zurückgreifen. "Aber das ist mit der SPD erst zu machen, wenn es hier einen Anschlag gegeben hat", sagte Beckstein der SZ.

Auch eine ganze Reihe anderer Unionspolitiker forderten den Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Dies wies die SPD umgehend zurück. "Was sollen wir denn mit Panzern vor einem Flugplatz", sagte der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz im Sender n-tv. Innenstaatssekretär August Hanning sagte, im Normalfall sei die Polizei "völlig ausreichend", um Gefahren zu begegnen. In "besonderen Situationen" aber müsse der Einsatz der Bundeswehr diskutiert werden.

Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) forderte eine Sondersitzung der EU-Innenminister. Laut Bild-Zeitung will er dabei die Sicherheit im Flugverkehr abstimmen. Schon tags zuvor hatte sein Staatssekretär Hanning erklärt, man müsse mit der EU und den USA ein gemeinsames Konzept für die Sicherheit erarbeiten. "Insellösungen machen hier keinen Sinn", hatte Hanning gesagt.

Beschleunigt werden soll jetzt auch die Einrichtung der Anti-Terror-Datei, an der seit mehr als zwei Jahren gearbeitet wird. Diese Datei soll spätestens im Herbst kommen: Und zwar in einer Version mit möglichst viel Information, ohne aber die anfragenden Polizisten oder Verfassungsschützer mit Datenmüll zu überschütten. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) kritisierte, die Datei bleibe hinter den Erfordernissen der Fahnder zurück.

Dagegen bezweifeln Grüne, FDP und Linksfraktion generell die Notwendigkeit der Datensammlung. Die Gewerkschaft der Polizei erklärte, die größte Sicherheitslücke klaffe nicht in Gesetzen oder bei Polizei und Nachrichtendiensten. Sie bestehe darin, "dass wir zu wenig darüber wissen, wie sich junge Muslime aus Einwandererfamilien zu Selbstmordattentätern entwickeln und wie wir das verhindern können," betonte Gewerkschaftsvizechef Bernhard Witthaut.

(SZ vom 12./13. August 2006)