Da half es auch nicht, dass mit N24-Chefredakteur Peter Limbourg ein Fachmann des konventionellen Fernsehpolitikwesens präsent war. Er sorgte für Struktur in der Runde, aber wollte beim Witze machen auch mithalten. Da war Raab besser: Franz Müntefering habe sich beim Thema Bildung etwa "intensiv mit der jüngeren Generation" beschäftigt, lästerte der Showmaster, wobei er auf die 40 Jahre jüngere Freundin des Politikers abzielte.

Freudig stimmten schließlich auch die Politiker selbst in den Kanon des Lustig-Oberflächlichen mit ein: Als Gregor Gysi sein Gegenüber am rechten Flügel als "lauwarmen Typen" parodierte, und man nicht recht wusste, ob er Guttenberg oder Westerwelle meinte, dauerte es dann auch nicht mehr lange, bis das Publikum sich lautstark einschaltete.

Mehr Telegenität als Faktenvermittlung

Das nur wenig gehaltvolle Stimmungslied "Hey, was geht ab, wir feiern die ganze Nacht", das wohl den politischen Bildungsgrad der Kandidaten von Raabs Erstwähler-Check wiedergibt, wurde kurzerhand in den Schlachtruf "Hey, was geht ab, wir hol’n euch die Kanzlerschaft!" umgedichtet und wiederholt zum Besten gegeben.

"Deutschland größte Wahlumfrage" war unter dem Strich ein großes Bespaßungsprogramm unter dem Deckmantel des politischen Mitbestimmungsrechts, das gleichwohl einige Charaktereigenschaften der anwesenden Politiker verdeutlichte. Müntefering etwa zeigte einen fanatischen Ehrgeiz, Gysi zurechtzustutzen - da war er verbissener als im politischen Kampf mit den Vertretern von Union und FDP.

Auf dieser Plattform des Politainments setzten die Politiker am Vorabend der Wahl mehr auf Telegenität als auf Faktenvermittlung. Ihre Argumente gingen teilweise im Gejohle ihres Anhangs unter - sie selbst lächelten aber unentwegt im Wissen um die Wirkung des Auftritts. Auf das Vertrauen der Wähler komme es schließlich an, nicht auf die Kompetenz der Politiker, sagte Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner, der im Publikum saß.

Die Tendenz der Ergebnisse von Raabs Bundestagswahl wollte auch er nicht widerlegen: Kleine Verluste für die CDU, Riesen-Verluste für die SPD, Riesen-Gewinne für die Linke, große Gewinne für die FDP und kleine Zuwächse für die Grünen. So könnte es kommen.

Nur eine Stunde blieb für Politik auf Pro Sieben - anschließend marschierte die Politikergarde in karnevalesker Manier aus dem Studio, natürlich nicht, ohne noch einmal durch die inszenierte Fankurve zu flanieren und die Anhänger abzuklatschen.

Pannen bei der Hochrechnung

Nun war die Stadionatmosphäre endgültig hergestellt und spätestens nach dem erneuten Hinweis, dass es sich bei dieser Show ja um eine "Polit-Unterhaltungs-Mischform" handele, fragte sich der geneigte Zuschauer: Wie viel Politainment ist eigentlich erträglich?

Im Anschluss an die langatmige Hochrechnung, deren größte Panne neben dem missglückten Anzeigen der Sitzverteilung im TV-total-Bundestag die Besetzung des Kommentators Matthias Opdenhövel war ("Niedersachsen - das ist die Heimat von Gasprom-Gerhard", "Niedersachen - das ist die Heimat von Kanzlerkandidat Steinmeier"), stand schließlich der Erdrutschverlust der SPD (nur 17,7 Prozent) als gewaltiges Menetekel im Raum. Und die Einsicht breitete sich aus, dass Die Linke (20,5) und die FDP (19,9) als Gewinner der heutigen Wahl gelten könnten. Aber die Wahlumfrage sei ja nicht repräsentativ.

Plötzlich stand dann doch wieder die Politik im Vordergrund und auch Stefan Raab kam alsbald die Erkenntnis, dass das Ergebnis der Hochrechung in Wirklichkeit natürlich nicht ganz so eintreffen werde wie in der Show ausgewertet. Darin gewann die CDU schließlich mit 26,6 Prozent, Schlusslicht wurden die Grünen mit 15,4 Prozent. Aber es gab auch einen gefühlten Verlierer.

Am Ende der Sendung, als ein lockerer Witz einen bedingt gelungenen Fernsehabend hätte abrunden können, war Stefan Raab noch die Auflösung schuldig, wie er denn nun wähle. "In gebückter Haltung" sagte der inzwischen ein wenig abgespannte Entertainer. Und da niemand lachte, fügte Ko-Moderator Limbourg angesichts des Rekordergebnisses der Linken noch eilig hinzu: "Meine Damen und Herren, wenn Sie das Ergebnis nicht mögen, dann können Sie es morgen ändern".

(sueddeutsche.de/jja/gal)

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In diesem Artikel:

  1. Ein Erdrutsch bei Stefan Raab
  2. Sie lesen jetzt Bespaßungsprogramm mit Mitbestimmungsrecht