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Von Josephina Maier

Mehr Wasser zu trinken, als der Körper verlangt, hat keinen Nutzen. Der Mensch verfügt über ein natürliches Durstgefühl, auf das er sich zumeist auch verlassen kann.

Wasser; dpa

Wasser: Der Mensch weiß, wie viel er braucht. (Foto: dpa)

Je mehr, desto besser - wenn es für das Wassertrinken eine Regel gibt, welche die Deutschen in den letzten Jahren verinnerlicht haben, dann diese. Wasser soll gegen Kopfschmerzen helfen, den Körper entgiften und für faltenfreie Haut sorgen.

Gesundheitsverbände, Lifestyle-Magazine und Illustrierte wie die Bunte erklärten unisono Mineralwasser zum Trendgetränk. Motto: "So trinken Sie sich gesund." Doch der verbreitete Ratschlag, mehr zu trinken, als der Durst befiehlt, entbehrt einer wissenschaftlichen Grundlage. Zwei Forscher von der University of Pennsylvania in Philadelphia haben Studien mit Vielwassertrinkern auf die versprochenen Effekte untersucht und festgestellt, dass sich die wenigsten davon fundiert belegen lassen (Journal of the American Society of Nephrology, online).

Mythos: heilbringendes Wassertrinken

"Wir haben überprüft, ob es sinnvoll ist, über den Tag mehr zu trinken, als das Durstgefühl einem vorgibt", sagt Stanley Goldfarb, einer der Autoren der Studie. "Obwohl diese Empfehlung im Gesundheitswesen weit verbreitet ist, zeigen unsere Ergebnisse, dass ein gesunder Mensch das nicht nötig hat."

Zusätzliches Wasser kann zwar die Nierenfunktion ankurbeln, wie einzelne Studien belegten, aber eine gesundheitsfördernde Wirkung ließ sich daraus nicht ableiten. Ob vermehrtes Trinken gegen Migräne-Kopfschmerzen hilft, hat nach Aussage der Autoren bisher nur eine einzige Arbeit untersucht - und die konnte keinen aussagekräftigen Zusammenhang herstellen. Auch dass Trinken von reichlich Wasser die Haut vor Falten bewahrt, hat bisher noch niemand überzeugend belegt.

"Diese Ergebnisse überraschen mich ehrlich gesagt nicht", erklärt Thomas Frieling, Nephrologe am Klinikum Krefeld. Seit einigen Jahren werde zwar suggeriert, dass man mehr trinken solle, als das eigene Bedürfnis empfehle. Bei einem gesunden Menschen mit normaler Nierenfunktion regele der Organismus den Wasserhaushalt aber sehr effektiv selbst: "Wenn der Körper Flüssigkeit braucht, signalisiert er das rechtzeitig über ein Durstgefühl."

Sein Würzburger Kollege Reinhard Schneider bezeichnet den Glauben, Wasser könne man nicht genug trinken, als Ammenmärchen: "Mehr Flüssigkeit hilft der Niere nicht dabei, den Körper zu entgiften."

Woher stammt aber dann der Mythos vom heilbringenden Wassertrinken? Stanley Goldfarb hat dafür eine einfache Erklärung. "Wenn Ihnen jemand sagt, vom Trinken werden die Kopfschmerzen sicher besser, dann fühlen Sie sich hinterher wahrscheinlich auch nicht mehr so schlecht."

Die erste Empfehlung, über den Durst hinaus zu trinken, lasse sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen - der Rest sei das Resultat von volkstümlicher Medizin und einem starken Placebo-Effekt. Frieling weist zusätzlich darauf hin, dass der eine oder andere Industriezweig am Wasser-Hype gutes Geld verdienen.

Extra-Wasser schadet nicht

Weniger trinken muss nach Goldfarbs Meinung jetzt trotzdem niemand. Das Extra-Wasser schade ja auch nicht, solange man es nicht übertreibe. "Für viele Menschen ist das ständige Trinken aber eine Bürde, und die können wir nun beruhigen: Sie müssen das gar nicht tun, um gesund zu bleiben."

Dass diese Entwarnung für bestimmte Bevölkerunggruppen nur eingeschränkt gilt, darin sind sich die Mediziner einig. Gerade bei alten Menschen zeige das Durstgefühl oft nicht mehr zuverlässig an, ob der Körper nach Flüssigkeit verlangt. Bei kleinen Kindern ist ebenfalls Vorsicht geboten, weil sie ihre Bedürfnisse noch nicht artikulieren können. "Und auch Sportler können ein paar Schlucke mehr nehmen", sagt Frieling.

Wer aber nicht gerade Leistungssport treibt, kommt am Tag mit 1,5 bis 1,9 Litern Wasser, Tee oder Saft aus. Im Sommer kann sich diese Menge auf zwei bis drei Liter erhöhen. Mit der festen Nahrung erhält der Körper dann noch einmal mehr als einen halben Liter Flüssigkeit - und das reicht, sagt Goldfarb.

(SZ vom 11.04.2008/mmk)

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