Hans-Peter Kunisch hat ein eindrucksvolles Buch über Rilkes späte Begeisterung für Benito Mussolini geschrieben. Ein Missverständnis war die wohl leider eher nicht.
Rainer Maria Rilke
:Wie soll ich meine Seele halten
Vor 150 Jahren wurde der Dichter Rainer Maria Rilke geboren. Sein Werk ist voller großer und winziger Wunder. Man kann gar nicht aufhören, sie zu entdecken: eine persönliche Auswahl.
150 Jahre Rainer Maria Rilke
:Unser Pop-Philosoph
In der weltumspannenden Populärkultur wird der vor 150 Jahren geborene Rainer Maria Rilke seit Jahren kultisch verehrt. Liest er sich auf Englisch eventuell besser, griffiger, zitierfähiger als im Original?
Literatur
:Lasst sie frei
Was wäre, wenn Penelope gar keine Lust mehr hätte auf den heimgekehrten Odysseus? Ulrike Draesner schickt die ewig Wartende in einem atemberaubenden Versepos selbst auf die Reise.
MeinungLyrik von Wolfram Weimer
:Ein komischer Dichter
Gegen die Scham, für die Freiheit: Der Kulturstaatsminister hat als junger Mann Gedichte geschrieben. Warum er zu seinem Frühwerk stehen sollte.
Korrekturen
:Versfuß, Datum, Gericht
Eine Datumsverwechslung, ein falsches Gericht und ein Jambus, der ein Trochäus ist. Wir müssen wieder mal ein paar Dinge nachbessern.
Exilliteratur
:„Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß bloß nicht, wonach ...“
Die Dichterin Mascha Kaléko reiste 1956 nach Deutschland, nach Jahren im Exil. Aber ihre Leser, die Deutschen? Waren mit sich beschäftigt. Der Journalist Volker Weidermann erinnert an dieses schicksalhafte Jahr − und kommt seiner Heldin viel zu nah.
Lyrik und Rap
:„Deepe Message in die Fresse“
Rapper wie Haftbefehl haben die vulgäre Pöbelei auf Deutsch in Mode gebracht? Keineswegs. Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt: Leidenschaftlich beschimpft haben sich Dichter schon vor Jahrhunderten.
Lyrik
:Begrabt mich auf Google Maps
Wie aus dem Leben im Ausnahmezustand mit der Zeit eine Identität wird, beschreibt die ukrainisch-amerikanische Lyrikerin Oksana Maksymchuk in ihren Gedichten. Wenn sie nicht so traurig wären, wären sie einfach schön.
Georg-Büchner-Preis
:Zwischen allen Fronten
Die Akademie für Sprache und Dichtung verleiht ihre wichtigsten Preise an Ursula Krechel, Dan Diner und Ilma Rakusa, und ein Wochenende lang geht es um Wahrheit, Lüge und wie man der simplen Empörung widersteht.
Lebenskunst
:„Ich setze mich sicher nicht mit den Beatles zusammen, ich bin ja nicht verrückt!“
Ilse Aichinger fehlt. Umso schöner, dass der Fotograf Sepp Dreissinger dieses im Jahr 2006 mit der verstorbenen Lyrikerin geführte Gespräch nun wiedergefunden hat. Eine Diskussion über das Verschwinden in Kaffeehäusern – und Thomas Bernhard.
Clemens Setz über Rilke
:Der Dichter als Vampir
Wenn man nur für 100 Seiten Zeit hätte, um Rainer Maria Rilke zu verstehen, müssten das unbedingt diese von Clemens J. Setz sein. Welch außerordentlicher Dichter er selbst ist, erweisen seine gleichzeitig erscheinenden Aufzeichnungen.
Wiederentdeckung
:Die Zeugin, die keiner hörte
Lange kannte die Literaturgeschichte sie nur als Geliebte von Gottfried Benn, jetzt ist Mopsa Sternheims eigener, einziger Roman „Das Jahr der Spinne“ endlich zu lesen: ein Buch von historischem Gewicht.
Lyrik
:In den Wald
Drei Dutzend kürzeste Gedichte von Jürgen Nendza, musikalisch vertont und unter anderem von Bibiana Beglau gelesen, locken einen tief ins Unterholz. Was huscht dort herum?
Michael Krüger
:„Ich würde gerne als Krähe wiedergeboren werden“
Michael Krüger blickt auf ein Leben mit Dichtern und Gedichten zurück, die er verlegte oder selbst schrieb. Ein Gespräch mit dem polnischen Lyrikerkollegen Tadeusz Dąbrowski über die flüchtigste und kostbarste aller Kunstformen.
Literatur in Bayern
:„Mei Sprouch is mei Haus“: Ein Gedichtband im Oberpfälzer Dialekt
Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, schlicht und archaisch wie die Oberpfalz: Der Lichtung Verlag in Viechtach hat eine Werkschau der Mundartdichterin Margret Hölle herausgegeben. Warum sie einen Ehrenplatz im Bücherregal verdient hat.
Séan Hewitts Debüt
:Wie Nebel, der über Wiesen wabert
Die Dramen der ersten Liebe sind unergründlich. In „Öffnet sich der Himmel“, dem Debüt des irischen Lyrikers in Séan Hewitt, allerdings etwas zu unergründlich.
Nora Gomringer
:Verdammt viel los gerade
Im Juli heiratete die Lyrikerin Nora Gomringer. Im August starb ihr Vater. Im September erschien ihr Prosadebüt, das von der Trauer um ihre Mutter erzählt, die 2020 starb. Ein Treffen mit einer furchtlosen Frau, die sogar dem Tod mit Humor begegnen kann.
Literatur
:Die Idiotie jener Tage
Wie schauen Menschen im Jahr 2119 zurück auf unsere Gegenwart? Dieses Experiment macht Ian McEwan in seinem neuen Roman „Was wir wissen können“ – und kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Sehr scharfsinnig ist das nicht.
Nachruf auf Harald Hartung
:Der das Dröhnen nicht kannte
Harald Hartung war einer der maßstabsetzenden Rezensenten von Lyrik in der Bundesrepublik. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren in Berlin gestorben.
Autor und Regisseur Denijen Pauljević
:„Was mir aber Trost gab, war die Sprache“
Als 19-Jähriger flüchtete der Autor und Regisseur Denijen Pauljević vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Mut machte ihm ein Buch, das zur Inspirationsquelle der Surrealisten wurde. Was hat es mit den lange verschollenen „Gesängen des Maldoror“ auf sich?
Kinderliteratur
:Der leise Reisende
Heinz Janisch ist ein Kritzler, ein Wortesammler, der völlig unzeitgemäß stille, langsame Dichter eines mittlerweile enormen Werks. Seine freundlichen Bücher macht er vor allem für Kinder – aber sie tun allen gut. Ein Besuch.
Gedichtband von Axel Görlach
:Mit Lyrik unsere Gegenwart erforschen
In Axel Görlachs neuen Gedichten ist das Ich schwer angezählt und versucht sich wiederzufinden – im Zeitalter von Digitalisierung und Deepfakes.
Kolumne: Wie redet ihr denn?
:„die welt ist laut / laut ist schön!“
Ernst Jandl wäre am 1. August hundert Jahre geworden. Seine Gedichte sind spielerisch, oft kalauernd – und können als sprachliche Anleitung für die großen Auseinandersetzungen unserer Zeit gelesen werden.
Literatur
:Der Ohrwurm des Sommers ist ein Gedicht
Wenn man irgendwo hören kann, wie die Gegenwart klingt, dann in ihrer Lyrik: Die kanadische Dichterin Eva H. D. gibt es jetzt auch auf Deutsch mit dem Band „Wenn alle deine Freunde vom Felsen springen“.
Literatur
:Büchner-Preis für Ursula Krechel
Die Autorin Ursula Krechel erhält die wichtigste Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur: den Georg-Büchner-Preis.
Neue Gedichtbände von Dagmar Leupold, Stella Nyanzi und Slata Roschal
:Wo Wörter mit Wolken kämpfen
Die neuen Gedichtbände von Dagmar Leupold, Stella Nyanzi und Slata Roschal haben ganz unterschiedliche Ansätze – und doch einiges gemeinsam. Von Kampfspuren zwischen Wolken, Herausforderungen des Exils und der Suche nach der eigenen Identität.
Zum Tod von Sibylle Cramer
:Der Augenblick zwischen Denken und Gedanke
Ihr Gespür für die Kapillaren der Sprache wird fehlen. Sibylle Cramer, die Literaturwissenschaftlerin und langjährige Kritikerin der SZ, ist gestorben.
Roman
:Fluch des Wunderkinds
Der Dichter und Romanautor Ocean Vuong wird international mit Preisen und Applaus überhäuft. Wenn man sein neuestes Buch „Der Kaiser der Freude“ aber wirklich liest, stößt einem die Begeisterung sauer auf. Warum?
„Friendly Fire“ eröffnet das 40. Dok-Fest München
:Wer war Erich Fried? Ein Film seines Sohnes gibt Antworten
Seine Gedichte machten ihn weltbekannt, mit seinen politischen Ansichten eckte er an: Das Dok-Fest München zeigt zur Eröffnung ein Porträt über den britisch-österreichischen Dichter Erich Fried. Warum der Film überrascht.
Iranisch-amerikanisches Debüt
:Mandelmilch, Hass und Yoga
Schräger zur Realität des neuen Amerikas als Kaveh Akbars „Märtyrer!“ könnte ein Roman nicht stehen. Wenn das mal kein Qualitätsmerkmal ist.
Colm Tóibíns Gedichte „Vinegar Hill“
:Was für ein Alterswerk!
Mit 70 Jahren veröffentlicht der berühmte irische Romanautor Colm Tóibín seinen ersten Lyrikband. Es ist der Abschied von kindlichem Vertrauen und einer schwulen Vergangenheit.
Durs Grünbein liest Brechts Notizen
:Im ambulanten Archiv
Der Dichter und Büchner-Preisträger Durs Grünbein stöbert in Berlin einen vergnügten Abend lang in den Notizbüchern Bertolt Brechts.
Neue Briefdokumente entdeckt
:Warum Rilke nicht in Therapie ging
Neu gefundene Briefe zwischen dem ersten Psychoanalytiker Sigmund Freud und dem Dichter Rainer Maria Rilke zeigen: In den Erschütterungen des Weltkrieges hätten sie einander gebraucht. Und haben sich doch verpasst.
Liebesgedichte zum Valentinstag
:Brennende Begierde auf den Flügeln des Gesangs
Liebe, Lust und Lyrik: Kein Thema fasziniert die Menschheit seit jeher so sehr wie das ewige Verlangen. Ein literarischer Abend in Seefeld widmet sich dem Thema in all seinen Facetten von der Antike bis zur Gegenwart.
Poesie
:„Manche singen oder brüllen ihre Gedichte“
Das Lyrikfestival Poetica führt vor, dass Gedichte nicht nur in die Andacht stiller Literaturhäuser gehören, sondern in den Alltag und ins Leben.
Lars Eidinger liest Thomas Brasch
:Worte wie fallendes Herbstlaub
Schauspiel-Star Lars Eidinger füllt mit Gedichten von Thomas Brasch die Isarphilharmonie. Schlagzeuger George Kranz wirbelt durch die Worte. Gut so.
Buch über Reiner und Elisabeth Kunze
:Poeten des Widerstands
Die Stiftung Reiner und Elisabeth Kunze würdigt das Dichter-Paar mit einem zweisprachigen Bildband. Zudem ist ein Ausstellungshaus bei Passau geplant, das dabei helfen soll, die jüngere Geschichte Deutschlands zu verstehen.
Alte chinesische Gedichte für die Gegenwart
:Von Lebenslust und Trunkenheit
Der Sinologe Thomas O. Höllmann hat die Gedichte des chinesischen Lyrikers Li Bo aus dem achten Jahrhundert neu übersetzt. Sie kreisen um Natur, Liebesschmerz und Suff und wirken in ihren Einsichten überraschend frisch.
Daniela Seel: „Nach Eden“
:Gesänge ausgerotteter Wale
Kann man noch Gedichte schreiben in dieser Welt? Oder muss man es gerade jetzt? Daniela Seel ist die prägnante Stimme, die ihre Freiheit dann findet, wenn sich das Ende des Lebens ankündigt.
„Das All im eignen Fell“ von Clemens Setz
:Alle weimen
Clemens Setz hat einen nerdig-schönen Nachruf auf verlorene Twitterpoesie geschrieben.
100. Geburtstag von Friederike Mayröcker
:Ihre Stimme macht alle Selbstgespräche tröstlicher
Wenn man einmal in die Welt der Dichterin Friederike Mayröcker eingetaucht ist, kann man die Welt nie mehr anders sehen als in ihren Bildern. Vor hundert Jahren wurde sie geboren.
Monika Rinck: „Höllenfahrt & Entenstaat“
:Oh du schöne Raserei
Mit der Lyrikerin Monika Rinck würde man gern über die Autobahn rauschen, so rhythmischen wirbeln ihre neuen Gedichte.
Sturz des Assad-Regimes
:Im syrischen Himmel
Friedrich Ani ist der Sohn einer Schlesierin und eines syrischen Arztes. Als Reaktion auf den Umsturz in Syrien hat er dieses Gedicht geschrieben.
Die israelische Dichterin Agi Mishol erhält den Horst-Bienek-Preis
:Im Schutzraum der Sprache
Die israelische Schriftstellerin Agi Mishol, die sich dem Münchner Publikum kürzlich im Lyrik Kabinett vorstellte, wird nun mit dem Horst-Bienek-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet. Was fasziniert an ihrem Werk?
Trakl-Lesung im Münchner Volkstheater
:Prominente Tischgesellschaft für Trakls Lyrik
26 Schauspielerinnen und Schauspieler der deutschen Film- und Fernsehprominenz lesen gemeinsam im Münchner Volkstheater. Und zwar Gedichte von Georg Trakl. Wer hätte das vorher geglaubt?
Jürgen Becker: „Nachspielzeit“
:Monatelang glücklich
Wer in dieser Zeit ein Wunder braucht, sollte den Gedichtband „Nachspielzeit“ des kürzlich verstorbenen Dichter Jürgen Becker lesen.
Anton G. Leitners neue Anthologie
:Menschliche Gedichte für finstere Zeiten
Anton G. Leitner setzt sich unermüdlich für Lyrik ein. Für sein grenzüberschreitendes Engagement wird er jetzt mit einem Preis geehrt, und die Münchner Monacensia übernimmt seinen Vorlass.
Nachruf auf Jürgen Becker
:Chronist der Augenblicke
Der Dichter Jürgen Becker ist mit 92 Jahren gestorben. Er gehörte einer Generation an, die, als Kinder zum Strammstehen erzogen, den Rest ihrer Zeit Distanz zu ihrer Gegenwart hielt. Die Jüngeren können von ihm lernen.
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
:Dieses ehrenwerte Haus
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht bei ihrem 75-jährigen Jubiläum den Georg-Büchner-Preis an Oswald Egger. Und übt feierliche Selbstkritik.