Reisefotograf Mazdak Radjainia:Jäger unter Wasser

Das Revier von Mazdak Radjainia liegt vor Neuseeland, hier kommt er Walen und ihren Kälbern ganz nahe. Und fotografiert die blutige Realität des Speerfischens.

Von Katja Schnitzler

16 Bilder

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Der erste Gedanke, wenn man Mazdak Radjainias Fotos aus der Welt unter Wasser sieht: Genau dort will man auch sein, am besten jetzt gleich, um gemeinsam mit den Walen zu tauchen, deren riesige Körper genauso wenig zu wiegen scheinen wie der eigene.

Im Bild: Pottwale

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Der zweite Gedanke: Oder vielleicht möchte man doch nicht selbst dort sein, wo nicht nur freundliche Säuger schwimmen? Wobei dieses Exemplar ein sehr friedlicher Walhai ist. Mazdak Radjainia jagt mit der Kamera meist in den Gewässern vor seiner Wahlheimat Neuseeland. Haie machen ihm dabei weniger Sorgen, obwohl er sich nie ganz an ihre Anwesenheit gewöhnt hat, "aber es erscheint mir nicht so, als stünden wir auf dem Menü".

Der gebürtige Iraner, der mit zwei Jahren nach Deutschland kam, studierte später in Frankfurt Biochemie und ging 2005 für seine Doktorarbeit nach Neuseeland - und blieb. Erst hier begann er mit dem Tauchen und der Unterwasserfotografie, wegen dieser Leidenschaften ist er immer noch da.

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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So macht er Bilder von einer Welt, die nur wenigen zugänglich ist. Neben dem abenteuerlichen Fieber bei der Jagd auf Motive hat Radjainia eine persönliche Motivation für seine Fotografie: "Durch die Bilder kann ich die bizarre Schönheit der Unterwasserwelt vor allem mit Familie und Freunden in Deutschland teilen." Dabei ist Fotografieren unter Wasser nicht einfach: Eigentlich braucht es nahe der Oberfläche die Kraft der prallen Mittagssonne, nur scheuen viele Meerestiere das grelle Licht.

Weil sich Mazdak Radjainia nicht mit den fotografisch schlechten Bedingungen in der Dämmerung abfinden wollte, hat er die Suche nach den Tieren verfeinert: Er geht gemeinsam mit Speerfischern auf die Jagd, spricht vorher mit Fischern und verfolgt in Internetforen, wo die meisten großen Fische gefangen werden: "Wenn wir unsere Hausaufgaben gut machen, haben wir bessere Chancen, zu jeder Tageszeit etwas Aufregendes zu erleben."

Im Bild: Kleine Schwertwale

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Moderne Technik wie GPS und Satellitenaufnahmen sowie eben der schnelle Wissensaustausch helfen, überhaupt zum Motiv zu finden: "Viele stellen sich den Ozean wie ein großes Aquarium vor, in dem sich die Tiere gleichmäßig verteilen. Aber man kann Hunderte Meilen segeln, ohne auf einen einzigen Meeresbewohner zu treffen. Alles Leben tummelt sich um bewegliche Ökosysteme - diese Nadel im Heuhaufen zu finden, ist eine Wissenschaft für sich."

Im Bild: Krake

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Quelle: Mazdak Radjainia

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Wird Mazdak Radjainia gefragt, was ihn an Unterwasserfotografie so fasziniert, erzählt er gerne von seiner ersten Begegnung mit Schwertwalen. Er hielt die Säuger für unberechenbar und hatte ein wenig Angst. Doch statt ihn zu fressen, habe ihm einer dieser Riesen einen Stachelrochen angeboten. In diesem Moment sei ihm klar geworden, "dass wir Menschen nicht der Mittelpunkt der Welt sind". Sorgen machten ihm heute eher Autofahrer auf dem Weg zum Hafen, unvorsichtige Bootskapitäne, Strömungen und die menschliche Fehlbarkeit seiner Freunde, mit denen er taucht.

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Denn Radjainia arbeitet ohne Sauerstoffflasche, da "ist der Shallow water blackout (Schwimmbad-Blackout) am gefährlichsten, weil Freitaucher eine gewisse CO²-Resistenz entwickeln. So besteht die Gefahr, dass man wegen Sauerstoffmangels ohne Vorwarnung bewusstlos wird". Daher müssen die Tauchpartner gut aufeinander aufpassen, um dieses Risiko zu minimieren. Beim Speerfischen müssen sie zudem darauf achten, sich nicht in den Seilen zu verfangen und mit der Harpune in die Tiefe gerissen zu werden. Unglücke gehen laut Radjainia oft auf Übermut zurück, so dass die Taucherweisheit gelte: There are old divers and bold divers, but there are no old bold divers - Es gibt alte Taucher und verwegene Taucher, aber es gibt keine alten, verwegenen Taucher.

Im Bild: gestreifter Marlin

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

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Mazdak Radjainia fotografiert auch Walmütter und ihre Kälber, doch nicht alle seine Bilder dürften Romantikern gefallen: "Mit den Speerfischern komme ich an Orte und in Situationen, die sich sonst nicht ergeben würden. Damit kann man in New-Age-Kreisen anecken, aber auch diejenigen aufklären, die vielleicht keinen direkten Bezug zu Wildnis und Jagd haben."

Im Bild: Buckelwal mit Kalb

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Quelle: Mazdak Radjainia

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Und direkter als beim Speerfischen ist das Jagen von Fischen wohl nirgends: Für diese Szene war Mazdak Radjainia 2014 beim neuseeländischen Fotografen-des-Jahres-Wettbewerb nominiert und letztlich als herausragend gewürdigt worden. "Für mich ist es interessant, diesen unbequemen Moment zu verewigen und mit gemischten Gefühlen zu betrachten", sagt er selbst zu dem Motiv. Um mit Marlinen zu schwimmen, finden sich einige hundert Kilometer vor der Küste Neuseelands Fischgründe. Die Taucher sind ständig bedroht von Wetterumschwüngen, ohne einen sicheren Hafen in der Nähe: "Da setzt man sehr viel Vertrauen in Schiff und Crew und hofft das Beste. Da Hochgefühl und Angst so dicht beieinander liegen, vergeht die Zeit sehr schnell." In Neuseeland würden Marline nicht kommerziell gejagt, sondern seien Sportfischern vorbehalten, von denen aber die meisten Hochseeangler seien: "Hier wurden bisher weniger als ein Dutzend Marline gespeert. Man muss aber nicht lange an entsprechenden Werften stehen, um viele geangelte Marline zu sehen."

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Auch unter Speerfischern selbst sei die Jagd auf Marline umstritten. Eigentlich steige das Ansehen der Jäger, wenn die Beute sehr scheu sei oder sehr tief lebe. "Marline gehören nicht dazu. Andererseits nimmt das Speerfischen auf Hochsee inmitten von großen Haien dem Marlinangeln ein wenig den Machoglanz", findet Radjainia. Er sieht die Speerfischer, denen ebenfalls viel am Erhalt der Ozeane gelegen sei, als hilfreiches Bindeglied zur Unterwasserfotografie - "und als moderne Cowboys, es ist aufregend, mit dabei sein zu dürfen".

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Quelle: Mazdak Radjainia

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Radjainias liebstes Motiv gehört nicht zu den elegantesten, aber zu den merkwürdigsten Tieren: Mondfische. "Sie verkörpern alles, was mich am Ozean fasziniert: Sie sind groß, bizarr, lustig, schön und geheimnisvoll", schwärmt er. Viele Neuseeländer wüssten gar nicht, dass vor ihrer Küste die Heimat eines der größten Tiere der Welt ist. Mondfische gehören zu den schwersten Knochenfischen und können mehr als zwei Tonnen wiegen - und über drei Meter lang werden. Die hohe Rückenflosse ragt oft wie bei einem Hai aus dem Wasser.

Im Bild: Mondfisch, der im Englischen "sunfish" heißt

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Tief beeindruckt und berührt war Mazdak Radjainia, als er vor Sri Lanka auf einen toten Blauwal stieß: "Er war wahrscheinlich mit einem Frachter zusammengestoßen - ein ernstes Problem, das einige bedrohte Arten gefährdet."

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Quelle: Mazdak Radjainia

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So realistisch Radjainia die Jagd mit Speerfischen abbildet, so wenig scheut er vor romantisch-verklärenden Motiven zurück: "Mich überkommt keine Reue, wenn ich Walmütter mit Kalb, Mädchen mit Delfinen oder Palmen im Sonnenuntergang fotografiere."

Im Bild: Pilotwale

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Für außergewöhnliche Taucherlebnisse reist Mazdak Radjainia auch etwas weiter: Um Walhaie aufzunehmen, ging er vor Dschibuti unter Wasser. Leidenschaftlichen Unterwasserfotografen kann er aber die neuseeländischen Gewässer und Niue empfehlen, eine Koralleninsel im Südpazifik nahe Tonga: Hier würde dem Taucher nicht nur "das Beste der Subtropen und Tropen" geboten, sondern auch eine gute touristische Infrastruktur.

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Radjainia ist oft tagelang auf dem Meer. Um gar nicht erst seekrank zu werden, empfiehlt er, sich vor und während des Trips möglichst zu schonen: "Guter Schlaf, warme Kleidung und ausreichend Wasser trinken, wirken oft Wunder." Alkohol und andere Rauschmittel seien eher kontraproduktiv. Wer zu Seekrankheit neige, solle rezeptfreie Medikamente am besten schon in der Nacht zuvor einnehmen: "Leider gilt hier, dass nur die Präparate mit Nebenwirkungen wirklich helfen."

Im Bild: Kleine Schwertwale

Mazdak Radjainia für Online-Serie "Reisefotografen"

Quelle: Mazdak Radjainia

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Für viele sei der Ozean der einzige Ort, an dem sie zur Ruhe kommen, schreibt Mazdak Radjainia auf seiner Homepage mazdak.de - mit ein Grund, weshalb er nach seiner Doktorarbeit in Neuseeland blieb und als freiberuflicher Fotograf sowie Research Fellow in der Strukturbiologie an der Universität Auckland arbeitet. Wenn er frei hat, taucht er ab auf der Jagd nach dem besten Unterwasserbild - und auch nach den schönsten Videobildern. Ein Video hat der Freitaucher seinem Grundschullehrer gewidmet, "der erklärt hatte, dass ich nicht geeignet sei zum Schwimmen".

Im Bild: Schwertwal

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Quelle: Illustration Jessy Asmus

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In dieser Serie stellt SZ.de interessante Reisefotografen vor. Bislang ging es mit ihnen in die Metropolen der Welt, nach Vietnam, tief unter die Meeresoberfläche, zu indigenen Stämmen auf den Philippinen und mitten in die deutsche Städtelandschaft, an Vulkankrater sowie zur wahren Seele der Eisberge, nach Südamerika, Hongkong, nach Taiwan, Island, Bangladesch, in die US-Südstaaten, nach "Senegambia" und Rio de Janeiro sowie in den glühenden Sommer von Tadschikistan. Weitere Episoden zeigten bereits Reisen durch Schottland, Afrika, Armenien, Myanmar, Rumänien, Iran, Spitzbergen und Georgien sowie die Lieblingsorte eines Globetrotters, der alle Unesco-Welterbestätten abbilden will.

© SZ.de/ihe/jobr
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