Die Mehrheit für Christian Wulff bei der Bundespräsidentenwahl schmilzt weiter. Drei FDP-Abgeordnete aus Sachsen wollen Joachim Gauck wählen.
Von
C. Kohl u. D. Brössler
"Mann der Vergangenheit", "Brunnenvergifter": Die Linkspartei ist enttäuscht von Rot-Grün und der Nominierung von Joachim Gauck. Nun wartet man auf ein Signal der Versöhnung.
Von
Daniel Brössler, Berlin
Bilder
Ein Mann jenseits aller politischen Lager: Der Pastor, Bürgerrechtler und Stasi-Aufklärer Joachim Gauck bewegte Deutschland. Zur Wahl des Bundespräsidenten reichte es trotzdem nicht.
Der CDU-Politiker Peter Altmaier drängt Bundespräsident Wulff zu detaillierter Aufklärung über die Kredit- und Medienaffäre. Er solle "die Fragen/Antworten ins Netz" stellen. CSU-Chef Horst Seehofer will dagegen einen Schlussstrich unter die Debatte ziehen - ähnlich wie Wulff selbst.
In der Union wächst die Sorge, dass die Affäre des Bundespräsidenten auch der Regierung schaden könnte. Sowohl in der Bundestagsfraktion als auch bei der niedersächsischen CDU scheint der Rückhalt zu schwinden. Immer mehr Parteifreunde erhöhen den Druck auf Wulff, die versprochene Transparenz umzusetzen - der bisherige Unterstützer Peter Altmaier macht den Anfang.
Rücktrittsforderungen von der Opposition und aus der FDP gab es bereits, jetzt fordern auch Unionspolitiker Christian Wulff zum Rückzug auf: "Mein persönlicher Rat an ihn wäre, dass er sich das nicht länger zumutet", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Wellmann. Bundestagsvizepräsident Thierse appelliert an den Bundespräsidenten, seine Anwälte von ihrer Verschwiegenheitspflicht zu befreien.
Exklusiv
"Krieg führen", "Rubikon überschritten", "endgültiger Bruch": Mit drastischen Worten hat Bundespräsident Christian Wulff versucht, den Bericht der "Bild"-Zeitung über seinen umstrittenen Privatkredit zu stoppen. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" drohte das Staatsoberhaupt sogar mit einer Anzeige. Wulffs Wut-Anruf ist bestens dokumentiert - auf dem Anrufbeantworter von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann.
Von
Ralf Wiegand, Hamburg
"Viele äußerten sich negativ zu Wulffs Verhalten": Die Kritik am Bundespräsidenten wegen der versuchten Einflussnahme auf Journalisten in der Kredit-Affäre wächst - auch in der niedersächsischen CDU. FDP-Vize Holger Zastrow fordert, Christian Wulff müsse sich noch in dieser Woche erklären.
Lange hat die Opposition sich zurückgehalten, jetzt verschärft sie den Ton - und es gibt direkte Rücktrittsforderungen: Ulrich Maurer, der Fraktionsvize der Linken im Bundestag, verlangt von Christian Wulff, die Konsequenzen aus der Kredit- und Medienaffäre zu ziehen. Auch in der schwarz-gelben Koalition schwindet die Unterstützung. Nur CDU-Generalsekretär Gröhe verteidigt auf SZ-Anfrage den Bundespräsidenten. Doch wie lange noch?
Es wird einsam um den Bundespräsidenten: Einzig CDU-Generalsekretär Gröhe verteidigt Wulff noch. In der Koalition wird die Forderung nach Aufklärung laut. Die Opposition hält sich bislang auffallend zurück - in der Kandidatenfrage favorisiert zumindest die SPD erneut Joachim Gauck.
Von
Robert Roßmann, Susanne Höll und Michael Bauchmüller
Lange war es die perfekte Symbiose: Wulff, der Strahlemann mit den blauen Augen - und die Springer-Presse, die großzügig mit Homestorys und Exklusivem aus dem Privatleben versorgt wurde. Doch plötzlich kühlte die Liebe ab.
Von
Silke Bigalke, Corinna Nohn und Jens Schneider
Meinung
Christian Wulff hat nicht nur sich selbst, sondern auch das ihm anvertraute Amt entwürdigt. Dafür trägt er die Verantwortung - aber er trägt sie nicht allein: Wulff ist Bundespräsident, weil Angela Merkel es so wollte. Die Kanzlerin muss nun endlich selbst den Schaden begrenzen, den sie angerichtet hat. Sonst wird aus der Affäre Wulff eine Causa Merkel.
Ein Kommentar von
Daniel Brössler
"Es braucht keine neue Enthüllung": Nach Bekanntwerden von Christian Wulffs Drohanrufen überwindet die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld die Beißhemmung des bürgerlichen Lagers: Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin verlangt den Abgang des Präsidenten und schlägt einen Nachfolgekandidaten vor. FDP-Vorstandsmitglied Kubicki pocht auf eine Erklärung des Staatsoberhauptes - viel Zeit bleibe Wulff nicht mehr.
Zum Fremdschämen, Bundespräsidenten-Azubi, Osnabrücker Puppentheater: Die Medienreaktionen auf Christian Wulffs Fernseh-Interview fallen katastrophal aus. Der Tenor lautet: Der Präsident mag im Amt bleiben, aber Wulff agiert würdelos.
Kann man sich auch nur eine Sekunde Rau, Herzog, von Weizsäcker in einer solch entwürdigenden Inszenierung vorstellen? Das Interview des Bundespräsidenten hinterlässt vor allem Fassungslosigkeit: Hier ist ein Amtsinhaber in aller Öffentlichkeit auf Westentaschenformat zusammengeschnurrt. Doch das ist nicht nur Christian Wulff vorzuwerfen, sondern auch der Kanzlerin, die den Provinzpolitiker auf diese Position gehievt hat.
Ein Gastbeitrag von
Ralf Fücks
Das Internet lacht Christian Wulff - diesen Eindruck bekommt, wer sich Meinungen zum Bundespräsidenten bei Twitter anschaut. Nach Westerwelle und Guttenberg trifft die Netz-Häme nun das Staatsoberhaupt.
Von
Kilian Haller
Von der Charity-Lady bis zum "bescheidenen Nebenbei", von der Kolumnistin bis zum "echten Risiko" - die deutschen Präsidentengattinnen aus Vergangenheit und Gegenwart füllten ihre Rolle höchst unterschiedlich aus. Persönlichkeitsstudien über zehn Amtszeiten.
Von
Joachim Käppner
Einer Umfrage zufolge misstraut mehr als die Hälfte der Bürger ihrem Staatsoberhaupt. Doch Bundespräsident Christian Wulff klebt am Amt. "In einem Jahr ist das alles vergessen", soll er vor Mitarbeitern gesagt haben. Nun fährt die Opposition schwerere Geschütze auf.
Öffentlich wird ein schwarz-gelber Plan B für die Zeit nach Christian Wulff heftig dementiert. Tatsächlich scheint es so, als wolle der Bundespräsient die Kredit- und Medienaffäre aussitzen. Indirekte Unterstützung bekommt er dabei von seinem direkten Vorgänger Köhler. Doch die Opposition bringt einen gemeinsamen Kandidaten als Nachfolger für Wulff ins Spiel. Umgehend weist die CDU dies zurück.
Das Ende der Jamaika-Koalition im Saarland, der Streit um die Finanzmarktsteuer, dazu die Zweifel an Führungspersonal und Programm: Keine deutsche Partei ist so verunsichert wie die FDP. Mancher Liberale argwöhnt, dass Kanzlerin Merkel bereits nach neuen Koalitionsoptionen sucht. Für Ex-Parteichef Westerwelle scheint jetzt die Zeit reif zu sein für eine Rückkehr auf die alte Bühne - er will sich wieder einmischen.
Von
Peter Blechschmidt und Daniel Brössler, Berlin
Auch SPD und Grüne haben sich auf einen Kandidaten für die Köhler-Nachfolge geeinigt: Mit Joachim Gauck nominieren sie einen Mann, in dessen Lebensweg sich die deutsche Nachkriegsgeschichte spiegelt.
Von
Constanze von Bullion
Pastor und Pastorentochter: Warum Kanzlerin Merkel, wenn die Umstände und Parteiinteressen anders wären, gerne Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gemacht hätte.
Von
Heribert Prantl
Im Jahre 20 nach der Einheit diagnostiziert Joachim Gauck zu viel Furcht in der Politik und einen Hunger nach Sinn. Der frühere Präsidentschaftskandidat preist drei Sozialdemokraten - und geißelt den Erlösungsmythos der Linken.
Interview:
Thorsten Denkler und Oliver Das Gupta
Er weiß, dass er keine Chance hat - und tut alles, um sie zu nutzen: Zwei Tage nach Christian Wulff beweist Herausforderer Joachim Gauck im ARD-Talk, dass er der bessere Bundespräsident wäre.
Eine kleine Nachtkritik von
W. Jaschensky
Patriotismus, Sarrazin und der Umgang der Medien mit dem Präsidenten: Im zweiten Teil des Gesprächs äußert sich Joachim Gauck zur Integration - und plädiert für mehr Vaterlandsliebe.
Interview:
Th. Denkler und O. Das Gupta