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Joachim Gauck:Europäer, mit Hirn und Herz

Liebeserklärung an Europa: Bundespräsident Joachim Gauck im Grand Amphiethéâtre.

(Foto: Philippe Lopez/AFP)

Die Pariser Sorbonne verleiht dem scheidenden Bundespräsidenten die Ehrendoktorwürde - er sei ein "Advokat der Menschenrechte".

Joachim Gauck verneigt sich, hält inne. Der Beifall prasselt auf ihn nieder, und es scheint, als drohe dieser Moment im übermächtigen "Grand Amphiethéâtre" der Sorbonne den Bundespräsidenten zu erdrücken.

Die Universität hat den 77-jährigen Deutschen frisch eingekleidet: Im gelbschwarzen Talar eines Ehrendoktors vernimmt Gauck die Elogen auf seinen Einsatz als Bürgerrechtler und als "Advokat der Menschenrechte". Es rührt ihn, als der französische Gastgeber erwähnt, die Ehrung gelte neben dem Mann "auch dem Land", aus dem er komme.

Der Gast spürt, es ist nicht die Zeit für flammende Appelle, er beschwört keinen Weltgeist

Paris, Frankreich, Europa - das sind drei Herzensdinge für Gauck. Schon 1955, noch vor dem Mauerbau, hatte er als 15-Jähriger die Boulevards an der Seine erkundet. Dann blieb dem DDR-Bürger Paris dreieinhalb Jahrzehnte lang "ein Sehnsuchtsort - umso anziehender, je unerreichbarer er schien", hat er am Donnerstag in seiner Dankesrede gesagt.

Gauck kam wieder und wieder, zuletzt zum Staatsbesuch 2013. Das Erbe der Französischen Revolution hat er schon damals als Leitbild beschworen, auf 1789 war ja 1989 gefolgt, das deutsche Wendejahr: "Auch Deutsche können Revolution", rief er damals François Hollande zu, seinem Amtskollegen.

Diese Leichtigkeit, diese Zuversicht ist verflogen. Brexit, Trump und AfD schlagen aufs Gemüt in Europa. Der Politiker Gauck mag das überspielen, so wie etwa am Mittwochabend nach dem Gespräch mit Hollande im Élysée: "Wir waren uns einig: Wann, wenn nicht jetzt, muss das Tandem der Deutschen und Franzosen zum Nutzen der Europäischen Union weiter stabilisiert werden?" Kühn klingt das nicht, eher selbstverständlich.

Gauck ist Europäer, mit Hirn und Herz. Also auch Deutsch-Franzose. Nur spürt er, dass dies nicht die Zeit für flammende Appelle ist. Der Gast beschwört keinen Weltgeist, sondern bleibt am Boden: Die Aussöhnung zwischen den beiden Erzfeinden sei "bei Lichte betrachtet weniger ein Wunder als das Ergebnis der engagierten und auch nüchternen Arbeit kluger und verständigungsbereiter Politiker" gewesen.

Gauck will Europa bewahren, Antreiberei könnte schaden in Zeiten, "da viele von uns das Gefühl haben, dass vor unseren Augen dieses Versprechen verblasst und dass unter unseren Händen ein Werk zu zerrinnen scheint, das wir alle für so sicher und für so fest gegründet hielten". Gaucks Rede gerät zum Streifzug durch die Geistesgeschichte von Paris. Eine Liebeserklärung an alle drei - an Paris, Frankreich, Europa. Er sucht, weiß noch nicht weiter. Und findet, immerhin, Trost in den Jahrhunderten kultureller Historie am linken Seine-Ufer. Die, so sagt er in beiden Sprachen, hätten es ja auch geschafft: "Warum also nicht auch wir? Pourquoi donc pas nous?"