Große Reden

Diese Bundespräsidenten blieben mit ihren Reden in Erinnerung

Von Gustav Heinemann bis Joachim Gauck: Einige der Reden von Frank-Walter Steinmeiers Amtsvorgängern sind in die deutsche Geschichte eingegangen, manche Passagen gar zu geflügelten Worten geworden. Eine Auswahl.

Von Laurenz Gehrke und Alexandra Ketterer
28. Oktober 2022 - 4 Min. Lesezeit

Stunde null – Richard von Weizsäcker

„Es gibt keine ‚Stunde null‛“: Wegweisend für die deutsche Nachkriegsgeschichte ist die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Seine Rede vom 8. Mai 1985 gilt als Meilenstein in der öffentlichen Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland. Anstatt den 8. Mai 1945 eine Niederlage zu nennen, bezeichnet ihn der Bundespräsident als einen Tag der Befreiung und gibt damit eine klare Richtung für die deutsche Erinnerungskultur vor.

Dazu stellt er fest, dass es keine „Kollektivschuld“ gebe, und nimmt die Deutschen so nicht aus ihrer individuellen Verantwortung: „Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.“

„Ruck-Rede“ von Roman Herzog

Bundespräsident Roman Herzog hält die erste „Berliner Rede“ am 26. April 1997 im Luxushotel Adlon. Berühmt wird sie durch seinen Appell: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“

Zu dieser Zeit ist die Euphorie über das wiedervereinigte Deutschland bereits wieder abgeflacht, Millionen Menschen sind arbeitslos und leben von Sozialhilfe. Mit seiner Rede fordert Herzog umfassende Reformen. Die sollten aber nicht nur von der Politik und den Institutionen ausgehen, sondern von jedem einzelnen Bürger. Herzog ruft zu Veränderungsbereitschaft, Eigenverantwortung und der Förderung von Innovation auf.

Die positive Resonanz nutzt der Präsident zur Einberufung eines Innovationsbeirates. Seine Rede trägt den Titel „Aufbruch ins 21. Jahrhundert“. Für diesen Aufbruch braucht es laut Herzog ein „Fest der Ideen“.

Gustav Heinemann und die Jugendbewegung

Die Wahl von Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten im Jahr 1969 gilt als der erste Versuch für ein sozial-liberales Bündnis. Das Wahlergebnis ist sehr knapp, die Mehrheit von SPD und FDP steht bis zur dritten Wahlrunde auf der Kippe.

Heinemann soll im Namen der Koalition das Vertrauen der Jugend zurückgewinnen: Nach den Unruhen der Studentenbewegung wendet sich Heinemann in seiner Antrittsrede am 1. Juli 1969 auch an sie. Er betont den Frieden als oberste Priorität der Politik und hebt dazu die Wichtigkeit der Jugend hervor, um positive Änderungen in der Gesellschaft zu gestalten: „Wir stehen erst am Anfang der ersten wirklich freiheitlichen Periode unserer Geschichte. (…) Nicht weniger, sondern mehr Demokratie – das ist die Forderung, das ist das große Ziel, dem wir uns alle und zumal die Jugend zu verschreiben haben.“

Johannes Rau vor der Knesset

Am 16. Februar 2000 spricht mit Johannes Rau erstmals ein amtierender deutscher Bundespräsident vor der Knesset, dem Parlament Israels. In seiner Rede geht Rau damals gleich zu Beginn auf die Signifikanz dieses Ereignisses angesichts des Holocaust und der deutschen Geschichte ein.

„Ich weiß, was es für manchen von Ihnen bedeutet, in diesem Hohen Hause heute die deutsche Sprache zu hören“, so steigt er ein. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel werde nie ein normales sein, müsse immer ein besonderes bleiben, sagt er. „Im Wissen um das Geschehene halten wir die Erinnerung wach. Mit den Lehren aus der Vergangenheit gestalten wir gemeinsame Zukunft. Das ist deutsch-israelische Normalität.“

Später erwähnt Rau auch die damals ausgefochtene Diskussion über das noch in Planung befindliche „Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin“, das oft schlicht Holocaustmahnmal genannt wird. „Niemals darf es dazu kommen, dass die Errichtung eines Mahnmals etwa gar als symbolische Form der Entschuldung fehlverstanden wird“, sagt er. „Gedenken braucht Orte, aber Orte können das Gedenken nicht ersetzen.“

„Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“

Zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2010, hält der damals erst wenige Monate im Amt befindliche Bundespräsident Christian Wulff eine Rede, aus der nur eine kurze Passage berühmt werden sollte. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, so Wulff, mitten in die hitzig geführte Debatte um Zuwanderung aus islamisch geprägten Ländern hinein.

Im Sommer zuvor hatte Thilo Sarrazin, SPD-Politiker und ehemaliger Berliner Finanzsenator, sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht, in dem er die Zuwanderung von Muslimen nach Deutschland für viele Übel verantwortlich macht. Dem wiederum waren mehrere Jahre vor allem in Politik-Talkshows geführte Debatten um islamisch geprägte Orte in Deutschland vorangegangen, vor allem die damals in Verruf geratene Rütli-Schule im Berliner Bezirk Neukölln.

Joachim Gauck zur Flüchtlingskrise

Ebenfalls zum Tag der deutschen Einheit, fünf Jahre später, am 3. Oktober 2015, spricht Bundespräsident Joachim Gauck über die damals erst seit wenigen Wochen nach Deutschland geflohenen Menschen aus Syrien, deren Verbleib in der Heimat vom dort tobenden Bürgerkrieg unmöglich gemacht worden war.

„Auf Kommunal-, Landes- wie Bundesebene wurde und wird Außerordentliches geleistet. Darauf kann dieses Land zu Recht stolz sein und sich freuen. Und ich sage heute: Danke Deutschland!“, so Gauck über die vorangegangen Wochen, in denen viele Deutsche den Geflüchteten zu Hilfe geeilt waren, sie teilweise am Münchner Hauptbahnhof empfangen hatten.

„Und dennoch spürt wohl fast jeder, wie sich in diese Freude Sorge einschleicht, wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird“, sagt Gauck, schon der Diskussion vorgreifend, die sich bald darauf aufbauen sollte. „Das ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Große Reden

Diese Bundespräsidenten blieben mit ihren Reden in Erinnerung

Von Gustav Heinemann bis Joachim Gauck: Einige der Reden von Frank-Walter Steinmeiers Amtsvorgängern sind in die deutsche Geschichte eingegangen, manche Passagen gar zu geflügelten Worten geworden. Eine Auswahl.

Stunde null – Richard von Weizsäcker

„Es gibt keine ‚Stunde null‛“: Wegweisend für die deutsche Nachkriegsgeschichte ist die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Seine Rede vom 8. Mai 1985 gilt als Meilenstein in der öffentlichen Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland. Anstatt den 8. Mai 1945 eine Niederlage zu nennen, bezeichnet ihn der Bundespräsident als einen Tag der Befreiung und gibt damit eine klare Richtung für die deutsche Erinnerungskultur vor.

Dazu stellt er fest, dass es keine „Kollektivschuld“ gebe, und nimmt die Deutschen so nicht aus ihrer individuellen Verantwortung: „Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.“

„Ruck-Rede“ von Roman Herzog

Bundespräsident Roman Herzog hält die erste „Berliner Rede“ am 26. April 1997 im Luxushotel Adlon. Berühmt wird sie durch seinen Appell: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“

Zu dieser Zeit ist die Euphorie über das wiedervereinigte Deutschland bereits wieder abgeflacht, Millionen Menschen sind arbeitslos und leben von Sozialhilfe. Mit seiner Rede fordert Herzog umfassende Reformen. Die sollten aber nicht nur von der Politik und den Institutionen ausgehen, sondern von jedem einzelnen Bürger. Herzog ruft zu Veränderungsbereitschaft, Eigenverantwortung und der Förderung von Innovation auf.

Die positive Resonanz nutzt der Präsident zur Einberufung eines Innovationsbeirates. Seine Rede trägt den Titel „Aufbruch ins 21. Jahrhundert“. Für diesen Aufbruch braucht es laut Herzog ein „Fest der Ideen“.

Gustav Heinemann und die Jugendbewegung

Die Wahl von Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten im Jahr 1969 gilt als der erste Versuch für ein sozial-liberales Bündnis. Das Wahlergebnis ist sehr knapp, die Mehrheit von SPD und FDP steht bis zur dritten Wahlrunde auf der Kippe.

Heinemann soll im Namen der Koalition das Vertrauen der Jugend zurückgewinnen: Nach den Unruhen der Studentenbewegung wendet sich Heinemann in seiner Antrittsrede am 1. Juli 1969 auch an sie. Er betont den Frieden als oberste Priorität der Politik und hebt dazu die Wichtigkeit der Jugend hervor, um positive Änderungen in der Gesellschaft zu gestalten: „Wir stehen erst am Anfang der ersten wirklich freiheitlichen Periode unserer Geschichte. (…) Nicht weniger, sondern mehr Demokratie – das ist die Forderung, das ist das große Ziel, dem wir uns alle und zumal die Jugend zu verschreiben haben.“

Johannes Rau vor der Knesset

Am 16. Februar 2000 spricht mit Johannes Rau erstmals ein amtierender deutscher Bundespräsident vor der Knesset, dem Parlament Israels. In seiner Rede geht Rau damals gleich zu Beginn auf die Signifikanz dieses Ereignisses angesichts des Holocaust und der deutschen Geschichte ein.

„Ich weiß, was es für manchen von Ihnen bedeutet, in diesem Hohen Hause heute die deutsche Sprache zu hören“, so steigt er ein. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel werde nie ein normales sein, müsse immer ein besonderes bleiben, sagt er. „Im Wissen um das Geschehene halten wir die Erinnerung wach. Mit den Lehren aus der Vergangenheit gestalten wir gemeinsame Zukunft. Das ist deutsch-israelische Normalität.“

Später erwähnt Rau auch die damals ausgefochtene Diskussion über das noch in Planung befindliche „Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin“, das oft schlicht Holocaustmahnmal genannt wird. „Niemals darf es dazu kommen, dass die Errichtung eines Mahnmals etwa gar als symbolische Form der Entschuldung fehlverstanden wird“, sagt er. „Gedenken braucht Orte, aber Orte können das Gedenken nicht ersetzen.“

„Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“

Zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2010, hält der damals erst wenige Monate im Amt befindliche Bundespräsident Christian Wulff eine Rede, aus der nur eine kurze Passage berühmt werden sollte. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, so Wulff, mitten in die hitzig geführte Debatte um Zuwanderung aus islamisch geprägten Ländern hinein.

Im Sommer zuvor hatte Thilo Sarrazin, SPD-Politiker und ehemaliger Berliner Finanzsenator, sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht, in dem er die Zuwanderung von Muslimen nach Deutschland für viele Übel verantwortlich macht. Dem wiederum waren mehrere Jahre vor allem in Politik-Talkshows geführte Debatten um islamisch geprägte Orte in Deutschland vorangegangen, vor allem die damals in Verruf geratene Rütli-Schule im Berliner Bezirk Neukölln.

Joachim Gauck zur Flüchtlingskrise

Ebenfalls zum Tag der deutschen Einheit, fünf Jahre später, am 3. Oktober 2015, spricht Bundespräsident Joachim Gauck über die damals erst seit wenigen Wochen nach Deutschland geflohenen Menschen aus Syrien, deren Verbleib in der Heimat vom dort tobenden Bürgerkrieg unmöglich gemacht worden war.

„Auf Kommunal-, Landes- wie Bundesebene wurde und wird Außerordentliches geleistet. Darauf kann dieses Land zu Recht stolz sein und sich freuen. Und ich sage heute: Danke Deutschland!“, so Gauck über die vorangegangen Wochen, in denen viele Deutsche den Geflüchteten zu Hilfe geeilt waren, sie teilweise am Münchner Hauptbahnhof empfangen hatten.

„Und dennoch spürt wohl fast jeder, wie sich in diese Freude Sorge einschleicht, wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird“, sagt Gauck, schon der Diskussion vorgreifend, die sich bald darauf aufbauen sollte. „Das ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Team
Text Alexandra Ketterer, Laurenz Gehrke
Bildredaktion Jörg Buschmann
Digitales Storytelling Christian Helten